Zuflucht zu dem Marien-Altar

 

Die Strelitzen, im russischen Strelzi, das heißt Schützen, die Leibwache des russischen Zaren, hatten sich empört und die Standarten der Auflehnung hoch erhoben.

 

Was ist aber teurer für das Herz einer Mutter als ihr Kind? – Die Kaiserin Natalia Cirinowla, zweite Gemahlin des Kaisers Alexei Micheilowitsch, fliegt zu ihrem noch ganz kleinen Sohn, um ihn zu retten. Sie ergreift ihn und flüchtet sich mit ihm in das einige Meilen von Moskau entfernt liegende Troizkoi-Kloster (Dreifaltigkeits-Kloster), wo sie glaubt, dass ihr Sohn sicher sein werde. Aber dieser Zufluchtsort wurde entdeckt und den Rebellen bekannt. Eine blutdürstige Rotte stürzt herbei, erbricht die Pforten des Klosters und ermorden alles, was ihnen begegnet. Zwei der rasendsten Empörer gewahrten die Zarin selbst, die ihr Kind in ihre Arme drückte. Wütend stürzten sie sich auf die Wehrlose, die Mordwaffe in der Hand. Die Mutter aber, die schon das Schwert der Meuchelmörder berührte, rennt in die Kapelle des Klosters. Sie wirft hier ihr Kind, mehr als sie es legt, zu den Füßen einer Statue der heiligen Muttergottes nieder. Dann mit einem Blick und mit Worten, wie sie den Müttern bei Gefahren ihrer Kinder zu Gebote stehen, bedroht sie die Meuchelmörder mit der Rache des Himmels, wenn sie wagen an heiliger Stätte und vor dem Bild der heiligen Muttergottes einen Mord zu begehen. Sie hatten jedoch den Mut nicht hierzu, denn der Dolch entrann ihren Händen. Eine unsichtbare Macht entwaffnete ihre frevelhaften Arme. Von den Schauern der Ehrfurcht ergriffen, fiel einer von ihnen mit dem Gesicht zur Erde. Maria, die Königin des Himmels, hatte ihm einen Strahl ihrer Herrlichkeit gezeigt und ihr Auge hatte wie ein feuriges Schwert geglänzt. Der andere zögert, und das Marienbild anstarrend, sagt er zu seinem Gefährten: „Nein Bruder, nicht vor diesem Altar!“ – Auch nicht anderswo!“ ruft die Mutter aus. – Und wirklich kam jetzt eine Abteilung treu gebliebener Soldaten an. Die Empörer ergriffen die Flucht. Mutter und Kind waren gerettet.

 

Das Kind war Peter I., später genannt „der Große“, und seine Retterin war Maria, die Mutter Gottes.

 

(Aus: Geschichte des russischen Kaisers Peter des Großen)