Die Votivketten zu Ellwangen

 

Im Böhmerland, nicht weit von Prag, lebte auf seinem Gut im achtzehnten Jahrhundert ein Edelmann. Zwei blühende Söhne sollten einst sich in sein Erbe teilen, und beide wuchsen unter seiner väterlichen Leitung auf. Obgleich Brüder – waren sie doch in ihrem geistigen Wesen, Temperament und Charakter sehr voneinander verschieden. Joseph, der ältere, war von sanfter Gemütsart, so lebendig er sonst auch in all seinem Tun und Treiben sich zeigte, und hatte etwas Sinniges und Jungfräuliches an sich. Indes Anton, der jüngere, jähzornig und aufbrausend, den Faustschlag alsbald dem Blitz, der Augen folgen ließ. So konnte es denn nicht ausbleiben, dass mancher Zwist sich zwischen den Brüdern erhob.

 

Einst waren beide zu ihrem Oheim in Prag eingeladen und lernten dort bei einem Festmahl in ihrer Base ein Fräulein kennen, das durch Anmut und Bescheidenheit allen Anwesenden gar wohlgefiel. In den Brüdern zündete der Strahl der Liebe. Joseph widmete dem züchtigen Fräulein eine stille Verehrung, während Antons Neigung in den Flammen der heißesten Leidenschaft aufloderte. Kein Wunder, wenn bei dieser Nebenbuhlerschaft der Zündstoff der Uneinigkeit und des Haders aufgehäuft wurde, und in einem Anfall der höchsten Wut, als sich ein Streit entspann, Anton nach einem Messer griff und damit seinen Bruder so schwer körperlich verletzte, dass Joseph nach wenigen Stunden und unter den bittersten Qualen sein Leben aushauchte. Sterbend den Blick auf ein Bild der heiligen Muttergottes mit dem Jesuskind, das segnend die Hand austreckt, gerichtet, hat er noch von ganzem Herzen dem Bruder seine Missetat verziehe. – Zu spät erwachte in Antons Brust die verzweiflungsvolle Reue! Der Unglückliche stürzte fort, verfolgt von der Blutgestalt seines Bruders und gestachelt von der Qual des bösen Gewissens und rannte trostlos in die weite Welt hinaus, denn weder seine Eltern, noch der heißgeliebten Base konnte der Brudermörder mehr unter die Augen treten.

 

Mit einer kleinen Barschaft versehen, floh er bei Nacht und Nebel aus Prag – es war ihm gleich, wohin der bange Schritt ihn geleite – und schlug der Weg nach Eger ein. Aber in jeder Kapelle, vor jedem Kreuz, das an der Heerstraße stand, warf er sich andächtig nieder und flehte mit zerknirschtem Herzen Gott und Erbarmen an – ohne dass jedoch Ruhe und Friede in sein Inneres eingekehrt wäre.

 

Weiter und weiter zog er nach Bamberg in Bayern, und auf seiner Irrfahrt gelangte er endlich nach Ellwangen, von dessen Wallfahrtskirche auf dem „Schönen-Berg“ und dem Gnadenbild Marias daselbst ihm fromme Wallfahrer erzählten, die von dort ihm begegneten. Auf den Knien wand er sich die Stationen hinauf, und bußfertig und inbrünstig betete er vor dem Gnadenbild der göttlichen Mutter, der „Zuflucht der Sünder“; - da allplötzlich schien es ihm mild zu lächeln, und ein süßer Himmelstau fiel auf sein brennend Herz. Es war ihm, als hauchte das Bild ihm die Worte zu: „Um der Ehre Gottes willen und ob deines Glaubens an mich und meiner Fürbitte bei meinem Sohn, und wegen deiner vollkommenen Reue wird der Herr dir gnädig sein, wenn du vorerst eine vollständige Beicht zu deiner Absolvierung ablegen wirst! Und was da immer fortan über dich kommen möge auf deiner Pilgerschaft, so werde ich dich schützen und die Todesgefahr von dir fern halten, wo und wie sie dich auch bedrohen und bedrängen mag!“

 

Mit seligen Gefühlen erhob sich Anton, legte bei den Missions-Priestern auf dem „Schönen-Berg“ eine Generalbeicht ab, ging heiteren Sinnes von dannen und gelobte: All sein Vertrauen nur auf die heilige Muttergottes von Loretto zu Ellwangen zu setzen, von den ruhelosen Irrfahrten abzulassen, und sich eine Berufsart zu suchen, die ehrenhaft ihn beschäftigte.

 

Bald kam dazu eine Gelegenheit. Er nahm Dienste unter einem Reiterregiment des Kaisers. – Der deutsche Kaiser lag damals im Krieg mit dem König von Frankreich und dem Kurfürsten von Bayern, dessen Bundesgenossen. Auf seiner Seite focht ein Heer Englands unter dem Helden Malborough, und die Kaiserlichen befehligte der berühmte Feldherr Prinz Eugen von Savoyen.

 

Bei Höchstädt an der Donau kam es zu einer blutigen Schlacht, und die Franzosen mit den Bayern erlitten eine furchtbare Niederlage. Anton kämpfte heldenmütig – von überlegener Reiterei des Feindes angegriffen, die das halbe Regiment aufrieben und die Fahne eroberten. R stürzte wie ein Löwe in die Feinde und holte die Fahne wieder mitten aus ihnen heraus. Aber bei einem zweiten Angriff, der den Feind zurückwarf, stürzte der tapfere Reiter, von vielen Säbelhieben getroffen, vom Ross, und wurde von einem Haufen Verwundeter und Sterbender, die über ihnen sanken, begraben. Bei dem betäubenden Fall hatte er nur noch so viel Besinnung, seine Seele und sein Leben Gott und der heiligen Muttergottes von Ellwangen zu empfehlen – dann überkam ihn eine Ohnmacht und er blieb bewusstlos liegen, während das Schlachtgetümmel über ihn hin raste.

 

Weit umher waren die Ufer der Donau ein blutiges Leichenfeld, und Haufen von Toten lagen hoch übereinander zwischen zerbrochenen Waffen und umgestürzten Wagen und Kanonen. Aufgebotene Landleute mussten die Leichen beerdigen und einscharren. Aber es waren so viele, dass es über einen Tag und eine Nacht dauerte, bis das Schlachtfeld geräumt war. – Als das traurige Geschäft nun auch an den Leichenhügel kam, unter dem Anton begraben lag, und Leichnam um Leichnam weggetragen wurde, um sie in großen Gruben zu verscharren und die Landleute unter der Aufsicht von Soldaten nun auch den jungen Reiter, den über und über geronnenes Blut bedeckte, anfassten, um ihn auf die Tragbahre zu werfen und in die Grube zu versenken, da erwachte er plötzlich mit einem tiefen Seufzer, und sprach mit leiser Stimme: „Heilige Muttergottes! – wie ist mir? – und wo bin ich? – Wache ich oder träume ich? – Was wollt ihr einen Menschen begraben, der erst vor einer Stunde in Ohnmacht gesunken ist? – Wo ist mein Regiment? – Wo steht der Feind?“ – Die Totengräber stellten erstaunt die Tragbahre hin und sprachen: „Ihr redet irre, denn die Schlacht hat seit vierundzwanzig Stunden ausgetobt! Es steht nur noch die Nachhut des kaiserlichen Heeres dort drüben an den Ufern der Donau, und wir haben mehr denn dreißig Leichname, die über Euch lagen, schon eingescharrt! – Es muss bei Euch mit besonderen Dingen zugehen, dass Ihr noch ein Fünklein Leben zeigt, denn Ihr seid ja wahrhaft zerhackt von Stichen und Hieben und es ist kein guter Fetzen mehr an Euch!“ – „Ihr liebe Leute“, antwortete Anton, „jetzt erst erkenne ich noch deutlicher das Wunder, das sich mit mir zugetragen hat, und den hochherrlichen Schutz der heiligen Muttergottes, meiner Herrin, in den Gefahren des Todes, denn mir war es, als ich nach einem Stoßseufzer zu ihr in Ohnmacht gesunken war, als wandelte ich in einem sonnigen Tal und am Ende desselben erhebe sich der Schöne-Berg mit der marianischen Wallfahrtskirche bei Ellwangen!“ – Erstaunt hörten die Leute diese Auskunft an und trugen ihn an ein Bächlein, um ihn mit einem Trunk zu erfrischen und seine Wunden auszuwaschen. Dann aber brachten sie ihn zu der Nachhut seines Heeres und übergaben ihn den Feldscherern. Auch sie konnten sich bei den lebensgefährlichen Wunden Antons nicht genug verwundern, dass er, ohne jegliche Pflege, nach vierundzwanzig Stunden noch atme, und widmeten ihm alle Sorgfalt. – Nach wenigen Monaten verließ der junge Krieger das Spital und stellte sich wieder zu seinem Regiment, wo ihn der Feldmarschall Breuner wegen seiner Tapferkeit zum Offizier ernannte über eine Schwadron böhmischer Kürassiere. – Dies war das erste Wunder, mit dem die heilige Muttergottes ihn begnadete, und bei allen Gefahren, die ihm begegneten, blieb er ruhig und furchtlos, denn er trug die Bürgschaft in sich: dass unter ihrem gütigen Schutz, den er tagtäglich aufs Neue und inbrünstig anflehte, der Tod der Schlachten keine Macht über ihn habe.

 

Und er betrog sich nicht! –

 

Ein neuer Krieg brach aus zwischen dem Kaiser und den Türken, die an der Donau eingefallen waren, mit unzähligen Scharen Ungarn bedrohten und bereits Belgrad erobert hatten. – Im Frühling 1717 zog das kaiserliche Heer von Belgrad unter dem Oberbefehl des Prinzen Eugen und des Herzogs von Württemberg; aber schon unterwegs, bei Peterwardstein, stellte sich ein türkisches Heer ihnen entgegen und man rüstete sich vor Tagesanbruch zur Schlacht. Auf einem kleinen Hügel nahe der Stadt, auf deren Wällen 200 Kanonen aufgestellt waren, hielten die obersten Befehlshaber und Anton neben ihnen, um ihre Befehle seinem Obristen zu bringen, der drunten im Blachfeld stand. Prinz Eugen tummelte sein milchweißes Ross, ein kaum mittelgroßer hagerer Mann – mit einem Auge, vor dessen scharfem Blick niemand bestehen konnte, und einem kurzen pechschwarzen Schnurrbart. Er trug gelbe Reithosen, einen weißen Frack, rote Weste mit breit ausgelegter Halsbinde und unter der Weste einen Harnisch. In der Rechten hielt er einen braunen Kommandostab, geziert mit einem gekrönten goldenen Adler. Herzog Alexander war ihm zur linken Seite, ein großer, stattlicher Held – mit frischem freundlichem Gesicht, in reichem Panzer und vollem Lockenhaar, das über die Schultern herabwallte.

 

Der erste Morgenstrahl fand das ganze Heer gerüstet und die Offiziere verkündigten den Tagesbefehl des Prinzen. Er lautete: „Kameraden, christliche Brüder! An dem heutigen Tag wird der Halbmond der Ungläubigen uns heißer machen, denn die ganze Sonne! Gegen achtzigtausend wütender Feinde stehen in doppelter Übermacht wider uns und werden nach ihrer Kampfesart wie ein Keil in unsere Glieder einbrechen! – Halten wir diesen Stoß aus – so ist der Sieg unser, denn nur das erste Ungestüm kann uns verderblich werden, wenn wir ihm nicht widerstehen! Wer fällt, fällt für das heilige deutsche Reich, für den Christenglauben und unseren gnädigen Kaiser Carl den Sechsten!“ – Hörbar schlugen alle Herzen und eine leichte Röte kündete jetzt im Osten den Tag an, und mit ihm erschallte der Morgenruf der Türken: „Gott erwacht!“ aus zahllosen Kehlen. Dann trat Totenstille ein, denn die Türken warfen sich alle auf das Gesicht, gegen Morgen gekehrt, und verrichteten ihr Gebet.

 

Hierauf wogten Wolken von Dampf empor, und mit den ersten Strahlen der Sonne stiegen die Feinde zu Pferd und zogen die Donau herauf gegen die Vorhut des kaiserlichen Heeres. Halbmonde, Rossschweife und Fahnen glänzten und flatterten in großer Menge, und soweit das Auge in einem Halbzirkel von drei Stunden schauen konnte, sah man das Land mit Reitern, Fußvolk, Kamelen und Zeltwagen bedeckt. Nach und nach gestalteten die Feinde ihre Haufen von Bogenschützen, Spießträgern und Musketieren, und ihre bunte Farbenpracht schimmerte in blutrotem Schein. Es waren ihre roten Mützen und Wämse, und dazwischen wallten die schneeweißen kleinen Mäntel der Reiter. – Plötzlich erdröhnte durch alle Reihen ein Trompetenschmettern, dann folgte ein schreckliches Kampfgeschrei und mit rauschender Musik von Zimbeln, Becken und Pauken wogten die Feinde heran.

 

Aber jetzt donnerten die Kanonen, und lange Reihen stürzten in den Sand; aber über sie hinweg stürzten die Nachfolgenden. Auch sie bildeten in kurzer Zeit nur Leichenhügel und elf Mal hintereinander zerriss das Geschütz die ersten Reihen. Doch umsonst! Neue Wogen schwollen heran, und das kaiserliche Heer musste weichen, ehe wenige Stunden vergingen. Aber während die Türken zu plündern begannen im Siegesrausch, hatte Prinz Eugen die Seinigen wieder fest gesammelt und machte einen So grauenvollen Angriff auf die Feinde, dass in einer Stunde zwanzigtausend tote oder sterbende Türken das Schlachtfeld bedeckten.

 

Nicht so glücklich war auf dem linken Flügel der Feldmarschall Breuner mit seinen Kroatenscharen und dem Regiment der böhmischen Kürassiere und den ungarischen Reitern; wiewohl sie sich gegen eine weit überlegene Zahl heldenmütig schlugen. Sie wurden umzingelt, was nicht erschlagen wurde oder entkam, das wurde nach und nach in einzelnen Abteilungen gefangen genommen.

 

Zuerst brachte man Anton mit einigen hundert Kürassieren vor den Oberbefehlshaber Ali-Bassa. Sein blutdürstiges Auge rollte, als er die Gefangenen sah, und befahl – Mann für Mann vor sein Zelt zu führen und ihnen die Köpfe abzuschlagen. Der Befehl des Wütenden wurde sogleich befolgt. – Mann um Mann wurde vor des Bassas Zelt geführt und ihnen der Kopf vor die Füße gelegt.

 

Langsam rückte Anton in der Unglücksreihe vor und sah wie seine Kameraden abgeschlachtet wurden, aber in seinem Inneren waltete Ruhe – kein Grausen überfiel ihn, denn er stand ja unter dem Schutz der glorreichen Himmelskönigin. Und darüber war er so zuversichtlich, obwohl auch jeglicher Rettungsweg unmöglich schien, dass er dennoch gewiss wusste – seine gebenedeite Schutzherrin trete für ihn ein.

 

Plötzlich, als er langsamen Schrittes mit seinen Todesgefährten an dem Zelt eines vornehmen Türken vorüberkam, trat dieser an ihn heran, warf einige Teppiche über ihn und entzog ihn so schnell der Henkerschar des Wüterichs, dann riss er ihn in sein Zelt und versteckte ihn ungesäumt in die hinterste Abteilung, denn – der Jüngling hatte ihm wohl gefallen und er gedachte ihn als Sklave um teuren Preis zu verkaufen. Rasch wurde er in türkische Kleider gesteckt, sein Haupthaar geschoren und sein neuer Herr ritt mit ihm in einen rückwärts liegenden Teil des Lagers, als eben der Feldmarschall Breuner mit drei Offizieren gefesselt eingebracht wurde. Anton blickte sich mitleidig um nach seinen Glaubensgenossen und zitterte, dass sie das Los seiner bereits hingeschlachteten Kameraden alsobald teilen würden. Er hörte die brüllende Stimme Ali Bassas, wie er dem Feldmarschall entgegen donnerte: „Ha! Hab ich einen von den Löwen der Christenhunde? Schwöre ab der Lehre des Nazareners, sonst sind deine Stunden gezählt!“ Aber er hörte auch, wie der Feldmarschall ruhig entgegnete: „Ich bleibe Christ und Österreicher; würde ich auch die Schätze deines Großherrn und Kaisers Soliman erhalten!“ Da fuhr der Bassa auf und tobte: „Man schmiede diesen Ungläubigen an jene Eiche, bis mein Säbel blutige Kopfsteuer fordern wird, wenn erst die drunten im Tal vernichtet sind!“

 

Dann aber setzte er sich auf sein arabisches Pferd, um in den Kampf zu sprengen, und befahl sieben Bogenschützen, den Feldmarschall zu bewachen und wenn die Schlacht sich ungünstig wenden sollte, - ihn mit Pfeilen zu durchbohren.

 

Bald vernahm Anton in der Ferne von fliehenden Türken, dass die Schlacht verloren, und einer der Bogenschützen brachte Kunde von allem, was sich hinter ihm zugetragen und wie alles für die Türken verloren sei. „Nicht lange“, so erzählte der Flüchtling, „war Ali Bassa im Schlachtengewühl, da entstand ein entsetzlicher Kampf in seiner nächsten Nähe. Seine Getreuen scharten sich um ihn, und als er, zum Tod getroffen, vom Pferd sank, ließen sie sich wehrlos morden. Keiner wollte seinen Tod überleben, Hunderte erstachen sich selbst, viele stürzten in die Donau und Tausende erstickten in Sümpfen, in die sie gesprengt wurden. Die Fliehenden riefen den Wächtern des Feldmarschalls zu: „Ali ist tot! Tötet diesen Christenhund und flieht!“ Lange zauderten wir, während der Marschall ganz nackt, mit einer Kette um den Hals, fort und fort betete: „Erhöre, Gott, mein Flehen! Lass die deinigen den Ungläubigen nicht zum Spott werden! Gib ihnen Kraft zum Sieg, Du, der Du sie schon so oft siegreich geführt hast, dass der Heide nicht triumphiert, und Dein Name geheiligt bleibe!“ – Als aber die feindliche Reiterei heranraste, schnellten wir unsere Pfeile ab und jegten in dem Augenblick davon, als Prinz Eugen auf Schussweite sich der Eiche genähert hatte, während der Gefangene sterbend ein Reis vom Baum erfasste und rief: „Treu meinem Gott und Kaiser blieb ich bis in den Tod!“

 

Fort ging es nun in wilder Flucht hinab nach Belgrad, in dessen festen Mauern das türkische Heer sich wieder sammelte, während das kaiserliche Heer eine ungeheure Beute gemacht hatte, an Gold und Schätzen und kostbaren Waffen. Dabei waren ihnen aber auch drei Fässer mit eingesalzenen Christenohren, sechs Wagen mit Fesseln und ungefähr 400 Hunde in die Hände gefallen, die spitzige Schnauzen, wolfsartige Gestalt und ein grimmiges Gebiss hatten, und dazu bestimmt waren, gefangene Christen in die Sklaverei zu führen.

 

In Belgrad verweilte Anton mit seinem Herrn, bis es erstürmt war, und musste alle Gräuel mit ansehen, die hier verübt wurden. Um sich für die Belagerung durch Prinz Eugen an den christlichen Bewohnern Belgrads zu rächen, mussten sie das Unmenschlichste über sich ergehen lassen. Unschuldige Kinder wurden gespießt, Mädchen und Frauen die Ohren, Nasen und Brüste abgeschnitten und ihnen der Leib aufgeschlitzt oder mit Brandfackeln versengt. Als nun gar die Kaiserlichen die Wälle und Mauern mit Sturm angriffen und durch das Geschütz ganze Strecken der Mauern einstürzten, da stellten die Türken ganze Haufen mit Stricken zusammengebundener Christen in die Öffnung und bildeten menschliche Wälle gegen das Geschütz. Erst, als die Stadt halb erobert war, zog der vornehme Türke mit seinen Dienern und Anton fort, und schlug den Weg nach Konstantinopel ein.

 

Dort wurde Anton auf den Sklavenmarkt gebracht und an einen Türken über den Dardanellen drüben in Asien verkauft. – Aber jetzt erst begann er das Joch der Sklaverei recht zu fühlen, denn sein neuer Herr war ein hartherziger Mann, erfüllt von grimmigem Hass gegen die Christen, und er musste wie ein Last- und Zugtier arbeiten in den Mühlen und Gärten, zusammengeschmiedet mit einigen anderen Christen. Ein Aufseher, ein Schwarzer, schwang von morgens bis abends die schwere Peitsche über den Unglücklichen, und trieb sie zu den unmöglichsten Anstrengungen. Die schlechte Kost reichte man ihnen nebst faulem Wasser in stinkenden Kübeln, und des Nachts hatten ihre wunden Glieder keine Ruhe vor dem Ungeziefer. – Aber auch in diesen Tagen voll der allerbittersten Trübsal erlosch im Herzen Antons nicht das kindliche Vertrauen auf den Schutz der heiligen Muttergottes, und er hoffte zuversichtlich, dass sie ihn auch aus diesem Elend noch errette und als mildester Gnadenstern ihn heraus und in bessere Verhältnisse hinüberleiten würde.

 

Schon ein ganzes Jahr hindurch hatte er all dieses Wehe still und gottergeben erduldet, es als die zeitliche Strafe erachtend, die er für seine Missetat hienieden abbüßen müsse; - da starb sein Herr, und der Sohn, der dem Vater ganz unähnlich war, trat eines Morgens zu ihm, als er eben sein Gebet verrichtet hatte und an die Arbeit ging.

 

„Christ!“, sprach er, „ich habe ein großes Vermögen ererbt und bin von Gott reich gesegnet. Darum will ich heute – nach dem Befehl des Propheten – ein gutes Werk verrichten. Weil ich gesehen habe, dass du nie gemurrt und mannhaft dein Sklavenjoch ertragen hast, so schenke ich dir die Freiheit und diesen Beutel mit Gold, dass du ungehindert heimkehren kannst in dein Vaterland.“

 

Voll innigster Dankbarkeit sank Anton vor seinem jungen Herrn nieder und sprach: „Möge Gott und die heilige Jungfrau dir lohnen, was du an mir getan hast, und seine Barmherzigkeit dich tausendfältig erfreuen auf Kinder und Kindeskinder! Ja, ich habe gewusst, dass auch einmal meine Stunde der Erlösung schlägt, obwohl menschliche Augen keinen Ausgang sehen, denn Maria, des Nazareners Mutter, wie ihr den Eingeborenen Sohn des lebendigen Gottes nennt, hält mich in ihrem Schutz, wie ich es schon längst in meinem Leben erfahren konnte! Abgebüßt habe ich die zeitliche Strafe in des Lebens Angst und Pein und unter dem herben Sklavenjoch mein so schweres Vergehen, meine Todsünde: dass ich in der flammendsten Wut der Leidenschaft meinen eigenen Bruder getötet habe. Mit ruhigem Gewissen kann ich nun in meine Heimat ziehen, nachdem der Himmel dein Herz gelenkt und mir meine Freiheit gegeben hat!“

 

Dies war das zweite Wunder des von Maria empfangenen Schutzes!

 

Bevor jedoch Anton von der Sklaverei Abschied nahm, schenkte er die Hälfte seines Goldes seinen armen Unglücksgenossen, und die Fesseln, die er getragen hatte, nahm er mit zum ewigen Andenken seiner Leiden.

 

Als er nach Peterwardein kam auf dem Rückweg, da besuchte er das Schlachtfeld und die Stätte, wo er zum Tod war verurteilt worden. Noch stand am Weg die Eiche, in deren Nähe das Zelt Ali Bassas einst aufgeschlagen und wo der Feldmarschall Breuner erschossen worden war. Man hatte ihn feierlichst unter dieselbe Eiche begraben und den Baum mit einem hölzernen Geländer umrahmt. Das Reis aber, das der Sterbende von den Ästen gerissen hatte, brachte man in die nahe Kapelle zu „Maria-Schnee“, um dort in einem Glas-Gehäuse zum ewigen Andenken aufbewahrt zu werden.

 

Bald erreichte Anton Wien. Aber ehe er beim Kaiser wieder Dienste nehmen wollte, hatte er gelobt: seine Ketten dem heiligen Gnadenbild zu Ellwangen zu opfern. Und er zog darum an der Donau aufwärts. – Wie schlug sein Herz, als er von Ferne die Türme Ellwangens erblickte, und die Muttergotteskirche vom „Schönen-Berg“ herabwinkte! Mit dem ersten Frühlicht verließ er die Herberge und begann andachtsvoll die Stationen hinaufzusteigen, an jeder Leidenskapelle sein Gebet verrichtend. Dann aber, als er in der Kirche angelangt war, warf er sich vor das Gnadenbild und zerfloss in Tränen. Wieder schien ihm die Muttergottes zu lächeln, als er mit heißen Danksagungen seine Ketten ihr zum Preis und Dank zu Füßen legte.

 

Und den Himmelsfrieden in der seligkeitsvollen Brust, stieg er wieder den Berg hinab. Reichliches „Marien-Almosen“ hat er unten an die Armen verabreicht, unter der Bitte: für die Seelenruhe seines Bruders ein frommes Paternoster und Ave-Maria zu beten.

 

(Aus: Die Burgen, Klöster, Kirchen Württembergs von Ottmar Schönhuth)