Die Schläferin

 

Ehe wir diese kleine Erzählung beginnen, die uns dartun soll, wie sehr die heilige Jungfrau Maria uns liebt, wenn wir uns unter ihren Schutz begeben, und uns es auch dann nie an demselben fehlen lässt, ziemt es sich wohl, dass wir mit den Worten des Abbé Leguillon ihre Güte also preisen:

 

„Wenn ich auch mein Herz zum Schweigen bringen und all der Wohltaten nicht mehr gedenken wollte, die mir diese gute Mutter zukommen ließ, die Stimme aller Jahrhunderte würde mich erdrücken, in dem Echo, das durch die Unendlichkeit tönt:

Wie bist du voll Güte, o Maria!

Die Güte Gottes selbst wohnt in ihrem Herzen, der ihr aufgetragen hat, die Schätze seiner Barmherzigkeit über die Erde zu ergießen. Sünder, Kranke, Leidende und Trauernde aller Art sagt selbst:  nicht wahr,

Wie gut sie ist, Maria?

Ihre sanfte Hand trocknet die Tränen des Schmerzes, die Strahlen ihrer Mildherzigkeit erleuchten die Verirrten. Ihr mächtiger Schutz hebt den Mut niedergeschlagener Seelen. Ihr zärtlich liebendes Herz ladet alle Ruhelosen ein, den Frieden bei ihr zu suchen. O ihr, die ihr sie noch nicht kennt, wüsstet ihr:

Wie gut sie ist, Maria!

Ein Wort! Ein Blick! Ein Seufzer! und sie versteht euch, sie unterstützt euch, sie zerstreut eure Furcht, eure Ängste, sie stützt eure Kräfte, sie erleichtert die Bürde der Prüfung. Habt Vertrauen, kommt, betet, und bald werdet ihr mit der ganzen Kirche wiederholen müssen: Wer hat jemals zu ihr gefleht, ohne ausgerufen zu haben:

Wie gut sie ist, Maria!

O gute!, o liebreiche!, o allerreinste Jungfrau Maria! Ja, lass es mich dir tausendmal und immer von neuem wiederholen, dass ich dich liebe, ja dass ich dich liebe, und dich immer lieben und dir immer dienen will!“

 

Solche Güte erfuhr nun auch ein Mädchen, die in der Nähe des „heiligen Berges“ wohnte und die Gesundheit ihrer sehr kranken Mutter erflehen wollte. Von ihr berichtet die Sage, das Kind sei noch jung und schwächlich gewesen, habe sich aber doch allein auf den Weg begeben. Glühend heiß brannte die Maiensonne, und obgleich sehr ermattet von der mühevollen Strecke des Weges, strebte sie dennoch, bis an den Gipfel des Berges zu steigen, wo oben ihr der Rettungsstern, das Gnadenbild Marias, Erhörung zuwinkte. Mag es auch viel Mühe kosten, sie muss erstiegen werden, die Lebenshöhe! Je höher wir klimmen, umso näher kommen wir dem Ziel, nach dem wir alle ringen sollten. Maria will uns immer ihre mütterliche Hand reichen: ergreifen wir sie doch und lassen wir uns emporziehen, mit diesem Kind! Kommen wir auch erschöpft an, oben ist dann Ruhe, ewige, selige Ruhe, wo auch wir bewährt finden werden die beseligenden Worte des heiligen Evangeliums: „Wahrlich kein Auge hat es gesehen, noch ein Ohr gehört, noch ein Menschenherz es empfunden, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben!“ Gänzlich entkräftet, von Hitze und Durst geschwächt, kam das Kind oben an. Es trat ein in den kühlen, herrlichen Tempel und gleich fielen seine Augen auf das in goldenen Grund köstlich gemalte Bild der heiligen Jungfrau, die, eingehüllt in einen blauen Schleier, schwebend in den Wolken des Himmels stand, ihre gnadenvollen Hände und milden jungfräulichen Augen liebend der Erde zugewendet! Ein mystisches Licht umgab den Altar, und in tausend Farben spielten die Strahlen der Sonne durch die bunten Scheiben in das Heiligtum des Herrn. Ergriffen von dem so hehren Anblick, warf sich das Mädchen an den Stufen des Marienaltares auf die Knie. In kindlicher Weise betend, trug sie ihr Anliegen der Himmelskönigin vor, bis endlich auch ihr Geist, erschöpft, in süße Träume überging und schlafend das blonde Köpfchen zur Erde niedersank. Es führten aber die Englein gar liebliche Bilder von Paradieseslust und Paradiesesauen vor die schlummernde Seele und hielten sie fest im Schlaf, damit die Hilfe Marias aufs Neue kund würde dem Menschengeschlecht. Bereits war die Sonne untergegangen, und das nächtliche Dunkel erfüllte das nun still und leer gewordene Gotteshaus. Die Stunde kam, in der es verschlossen werden sollte, und es trat der Küster mit dem lauten Ruf an alle ein, die sich vielleicht verspätet hatten, den Tempel zu verlassen, da nach altem Brauch zur Bewachung des kostbaren Bildes sieben mächtige Rüden, von ihren Ketten ganz los, nun eingelassen werden müssten. Wild, ja unbändig in ihrer Freiheit, rannten sie in den Gängen der Kirche auf und nieder, indessen die gewaltige Tür in ihren Angeln knarrend in das riesige Schloss fiel.

 

Allein, der tollen Wut der Hunde preisgegeben, lag das Kind da, ihr sichtliches Opfer. Eine aber hatte die schützenden Arme ausgebreitet, eine das wachende Auge offen behalten, - und wunderbar fein gearbeitet, mit silbernen Sternchen besät, senkte die Jungfrau Maria von ihrem Bild herab ein künstlich gewebtes Netz, das schlafende Kind zu bedecken, das zugleich eine wehrende Mauer dem stürmischen Andrängen der Hunde bot, die, von der Jungfrau Hand gezähmt, wie Lämmer sich lagerten zu den Füßen des Kindes. Das Kind aber, von mütterlicher Liebe gewiegt und von spielenden Engeln umgeben, schlief des sanftesten Schlafes, bis golden die Morgensonne ihr strahlendes Licht auf das Bild und den Altar warf und auch das Kind in seinen Strahlenschleier einhüllte. Jetzt war der Augenblick gekommen, der das Wunderbare den verwunderten Pilgern offenbaren sollte. Denn siehe! – als sie mit dem Küster eintraten, lag das Kind, von dem Gerassel geweckt, unschuldig da und rieb sich die Augen, glaubte selbst noch zu träumen und wusste nicht, wie ihm geschehen war.

 

Die Eingetretenen erkannten aber den offenbaren Schutz, so Maria diesem Mägdelein hatte angedeihen lassen, und haben diese Sage in alle Welt getragen, und mit neuem, innigerem Vertrauen wurde die Gebenedeite von dieser Zeit im Gnadenbild auf dem heiligen Berg angerufen.

 

(Aus: Beiblatt zur Augsburger Postzeitung)