Die Rettung vom Schneesturz

 

Auf den Abhängen der „Frau Hütt`“, dem Berg, der nordwestlich von Innsbruck in zackiger Form sich erhebt, liegt das Dorf Hötting, das im Winter 1850 dicht eingeschneit war.

 

In diesem Dorf lebte ein christliches Ehepaar, Joseph und Crescenz in friedlicher Ehe, das wohl keinen Überfluss an zeitlichen Gütern hatte, sich aber redlich vom Verdienst seiner Arbeit nährte. Der Winter erwies sich als ziemlich streng und schon in der Mitte des Dezembers ging ihnen das Brennholz aus. Joseph rüstete sich, in den eingeschneiten Wald zu ziehen und den nötigen Bedarf zu holen. Er nahm den Zugschlitten mit der Axt und trat früh am Morgen wohlgemut in den glitzernden Winter hinaus, in der Hoffnung, mit einer ergiebigen Ladung bis zur Essenszeit zurückzukommen.

 

Es schlug die Mittagsstunde, und Joseph war noch nicht zu Hause. Ängstlich lauschte seine Frau auf jedes Knistern im Schnee. Aber der Ersehnte kam nicht. Voll banger Ahnung kniete sie sich hin vor das Bild des Gekreuzigten und der schmerzhaften Mutter, das an der Wand hing, um im Gebet Beruhigung zu finden. Es verging Stunde um Stunde, es wurde Abend und Joseph war noch nicht da. Jetzt wurde es der armen Frau klar, ihr Mann müsse verunglückt sein. Mit weinenden Augen und lauten Klagen stürzt sie in die nächstgelegenen Häuser, und bittet die Männer ihren Joseph zu suchen. – Vier Männer, rüstig und gewandt, machten sich augenblicklich auf, und eilten dem Wald zu, wohin Joseph gezogen war. Allein der Wind hatte jede Spur im Schnee verweht, und so konnten sie ihn – ungeachtet alles Suchens und Rufens – nicht entdecken. Traurig kehrten sie heim.

 

Die fromme Frau verzagte aber nicht. Sie bestürmte das ganze Dorf um Hilfe. Bereitwillig sammelte sich eine Schar Männer, um in der Nacht noch den Vermissten auszukundschaften. – Man suchte, prüfte jeden Abgrund, erklomm mit eigener Lebensgefahr verschiedene Felsen, rief, schrie – alles vergeblich! – Stunde um Stunde verfloss, und von Joseph noch immer kein Zeichen!

 

Bereits war der ganze Wald durchsucht. Hier und da hatte man wohl Spuren vom Holzschlagen gefunden, aber von Joseph nichts!

 

Gegen elf Uhr sammelten sich die Männer auf einem etwas freien Platz und konnten sich gegenseitig nur die vergebliche Mühe erzählen. Und doch wollten sie nicht ohne Joseph zu seiner weinenden Frau zurückkehren. – Da trat einer von ihnen in die Mitte und sprach: „Lasset uns beten, damit unser Herrgott uns zeigt, wo Joseph liegt. Rufen wir auch die schmerzhafte Muttergottes an, die den Christen in keiner Not verlässt!“ – Und sie knieten sich in den Schnee zum Gebet. – Wie sie eine Weile gebetet hatten, glaubten sie den fernen dumpfen Ruf zu vernehmen: „Da bin ich! Da bin ich!“ – Erstaunt springen sie auf: „Wo? Wo?“ Noch einmal ruft es: „Da bin ich!“ Und schon haben die Männer einen Schneesturz in eine tiefe Schlucht hinab entdeckt. Es bleibt ihnen kein Zweifel mehr: Joseph ist da hinuntergestürzt. Zwei lassen sich an Stricken in die Tiefe, räumen mit fast übermenschlicher Kraftanstrengung den Schnee hinweg, finden bald den schwerbeladenen Schlitten und unter ihm Joseph auf dem Angesicht liegend, die beiden Ellenbogen vor sich hingedrückt. So war der arme Mann vom Morgen bis gegen Mitternacht gelegen, niedergedrückt von der Last, dass er sich weder regen noch bewegen konnte. Gottlob! Er befand sich noch am Leben! Das war ein Jubel, eine Freude, als die Männer unten diese Entdeckung machten und sie denen oben kundtaten. Sorgsam wurden der Gefundene und seine Retter emporgezogen. Alle wollten Joseph ans Herz drücken, und sich durch handgreifliche Beweise von seiner Rettung überzeugen. Joseph atmete tief auf, und dankte vor allem Gott. – „Hast du gerufen?“ fragte ein alter Bauer, nachdem der erste Sturm der Freude vorüber war. – „Wie sollte ich rufen?“ antwortete Joseph, „ich konnte ja kaum Atem schöpfen da unten!“ – „Hast wohl recht Angst gehabt?“ – „Hab keine Angst gehabt, habe gebetet zur heiligen Muttergottes und zu den armen Seelen und da hab ich gewusst, dass ich nicht umkommen werde im Schnee!“ – Die Männer wischten sich die Augen, denn die Hilfe Gottes durch die Fürbitte Marias war augenscheinlich.

 

Wie im Triumph ging es nun dem Dorf zu. – Crescenz flog ihnen durch den Schnee entgegen, und am Hals des Mannes rief sie noch: „Nein! Nein! Du konntest nicht zu Grunde gehen, hab ich doch die schmerzhafte Muttergottes und die armen Seelen so innig angefleht, dir und mir zu helfen!“

 

Ja, Maria hat geholfen!

 

 (Aus: Leben der schmerzhaften Mutter von P. M. M. Perzager)