Die kleinen Wanderer aus Savoyen

 

In Frankreich, besonders in der Hauptstadt des Landes, Paris, begegnet man häufig munteren, von Ruß geschwärzten Knaben, die mit viel Geschicklichkeit die Kamine kehren und dort den Dienst der Schornsteinfeger versehen. Sie kommen aus Savoyen, jenem Land, das ganz mit Schneebergen bedeckt und mit tiefen Abgründen erfüllt ist. Ihre Wohnungen in der Heimat sind sehr ärmlich, und ihre Eltern sehen sich in Folge ihrer Dürftigkeit gezwungen, die Kinder in fremde Länder zu schicken und da ihren Lebensunterhalt zu erhalten. Allein das Elend dieser guten Leute wird sehr gemildert durch die Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria, die ihnen sozusagen angeboren wurde. Auch findet sich in ihrer Heimat auf allen Wegen und Stegen das Bildnis derjenigen, die die Mutter der Unglücklichen ist und dieses liebe Bild lindert ihren Kummer und verleiht ihnen neuen Mut. Sie setzen es an die Ufer der Gießbäche, an die Krümmungen der Wege, in das Dickicht des Waldes, in den Schnee, vor jegliches Dorf. O wie tröstlich ist es beim Besuch dieser Berge! Sei es in dem düsteren Wald, sei es in der Nähe der steilsten Anhöhen: überall begegnet man der kleinen weißen Bildsäule der gütigen Jungfrau Maria, die die Sennerinnen beschützt und dem Wanderer den Weg zu zeigen scheint.

 

Das Rührendste aber sind die Abschiedsbesuche, die bei den verschiedenen Kreuzen und Marienbildern gemacht werden, wenn die Kinder nach Frankreich ziehen wollen. Bei der Wiederkehr des Spätherbstes versammeln sich alle: Eltern, Kinder und Verwandte – vor dem Dorf, und da fallen sie bei dem großen Kreuz und dem Bild der gnädigen Jungfrau auf die Knie nieder. Der älteste Greis bittet Jesus und Maria, die kleinen Wanderer unverletzt in der Unschuld zu bewahren und sie ihren armen Müttern wieder zurückzuführen. Wenn er die Kinder gesegnet hat, erheben sie sich, obwohl betrübten Herzens, dennoch mit Zufriedenheit und Hoffnung ausgerüstet, und nachdem auch ihre Eltern sie umarmt und gesegnet haben, nehmen sie ihren Weg nach Frankreich. Die Meister ziehen voran und die Knaben folgen ihnen nach, von Zeit zu Zeit den Blick rückwärts wendend. Einige singen ein Lied zur heiligen Mutter Gottes und jene, denen es das Weinen nicht unmöglich macht, wiederholen es, bis man niemanden mehr sieht, und der Kirchturm mit dem Kreuz verschwunden ist. Die Eltern und Nachbarn bleiben auf dem Platz, blicken auch den Kindern nach, und wenn sie in weitester Ferne von ihnen nichts mehr sehen, knien sie nieder und beten den Rosenkranz: „auf dass die Himmelskönigin ihre Kinder beschütze“ und nach Ablauf des Winters sie wohlbehalten zum heimatlichen Herd zurückführe.

 

Diesen Savoyarden-Knaben gleich musste die ganze Menschheit die Heimat des Paradieses verlassen und in das fremde Paris dieser Welt ins Exil wandern, um nach dem Verlauf des rauen Winters dieses Wanderlebens auf der Erde mit dem Aufgehen der erwärmenden Frühlingssonne der göttlichen Erlösungsgnade wieder ins heimatliche Vaterhaus zurückzukehren. Damit aber die Trennung von der himmlischen Heimat dem gefallenen Menschen nicht zu schwer werde, gab ihm Gott als Trösterin die heilige Jungfrau Maria, die neue Eva in das Exil mit. Schon im Paradies, sogleich nach dem Sündenfall, verhieß Gott den Stammeltern die Jungfrau, die durch die Geburt des Schlangenzertreters die Rückkehr in die himmlische Heimat ermöglichen sollte. (Gen 3,15)

 

Gott selbst suchte gewissermaßen den Schmerz, den die Verbannung der Menschen aus dem Paradies seinem liebenden Vaterherzen bereitete, dadurch zu mildern, dass er die heilige Jungfrau Maria mit ihrer Obhut betraute. Da wir nun als Evas Kinder teilnehmen wie an der Schuld, so auch an der Strafe der Stammeltern, nicht minder aber auch an ihrer Hoffnung, so rufen auch wir als verbannte Kinder Evas in diesem Tal der Tränen zu dir, o Mutter der Barmherzigkeit und bitten inbrünstig um deinen Schutz dich an auf unserem Weg zu der vergeltenden Ewigkeit!

 

(Aus: Das Salve Regina von Simon Knoll)