Die himmlische Streiterin

 

Im Jahr 1480 unternahmen die Türken, diese damals so furchtbaren Feinde des Christennamens, mit vierzigtausend Mann die Belagerung von Rhodos, dieses Walles der Christenheit in Asien, den damals nur die Ritter des heiligen Johannes von Jerusalem – die Johanniter – verteidigten.

 

Drei Monate lang belagerten sie schon die Stadt, und hörten während dieser Zeit nicht auf, zahllose Kugeln hinein zu schleudern, die große Verheerungen anrichteten. Bereits drohte auch peinvoll die Hungersnot. Die Truppen der Belagerten waren durch Mangel und Anstrengungen erschöpft, so dass man alsbald anfing, von der Übergabe der Stadt zu reden. Da flehte Pater von Aubusson, Großmeister des Ordens, mit den anderen Rittern und der Besatzung, Gott, die heilige Jungfrau Maria und die Heiligen mit großer Inbrunst um Beistand an, und beschloss sodann, es mit einer letzten und äußersten Anstrengung zu versuchen. Er machte aus der Zitadelle, in die er eingeschlossen war, einen kräftigen Ausfall, gelangte bis zu den Außenwerken, deren der Feind schon Meister war, warf dessen Vorposten siegreich zurück, und pflanzte entschlossen die Fahne Jesu Christi, das Banner der heiligen Muttergottes, und das des heiligen Johannes des Täufers auf der von den türkischen Kugeln geöffneten Bresche auf. Das genügte. Diese ehrwürdigsten Zeichen bildeten eine unübersteigbare Mauer, die dem Feind zu sagen schien: „Weiter gehst du nicht und hier werden deine wutschnaubenden Scharen still stehen müssen!“ Denn kaum waren die hehren Zeichen des katholischen Glaubens auf der Bresche aufgepflanzt, als im Angesicht der Ungläubigen ein goldenes Kreuz in den Lüften strahlte. Auch gewahrte Mann eine Frau von himmlischer Schönheit, in der einen Hand eine Lanze und in der anderen einen Schild haltend, deren Leib ein übernatürliches Licht verbreitete. Unweit von ihr erschien der heilige Johannes der Täufer, begleitet von einer furchtbaren Streitschar himmlischer Geister. Sie waren gleich jenen bewaffnet, die einst für die Makkabäer gekämpft hatten. Bei diesem Anblick wurden die Türken von Entsetzen ergriffen. Sie hoben die Belagerung auf, und die Belagerten, die einen nochmaligen und zwar weiteren Ausfall unternahmen, töteten eine große Anzahl von ihnen, die ihr Ende vor den Toren einer Stadt fanden, die durch ein Wunder gerettet worden war.

 

(Aus: Geschichte des Johanniter-Ordens von Bosius)