Der plötzliche Befehl zum Rückzug

 

Der heilige Stephanus, König von Ungarn, ehrte die allerseligste Jungfrau Maria, die er von ganzem Herzen liebte, besonders als die „unumschränkte Herrin“. Er erfreute sich immer an ihren Herrlichkeiten und war ihr so andachtsvoll ergeben, dass er befahl, man solle sie in seinem ganzen Reich nur die „große Frau“ nennen. Und in der Tat, man wagte nur mit beiden Knien auf der Erde den kostbaren Namen „Maria“ auszusprechen. Nie hörte man ihn in den Unterhaltungen gesellschaftlichen Verkehrs, damit er ja nicht entweiht würde. Man pflegte dafür nur zu sagen: „Unsre Liebe Frau“ oder „Unsre gute Herrin.“

 

Da nun aber Gott, nach seinen unerforschlichen Ratschlüssen, seine Freunde oft gar schwer zu prüfen pflegt, deshalb begegneten auch dem heiligen König Stephanus tausenderlei Trübsale. Er verlor alle seine Kinder durch den Tod. Er selbst wurde von verschiedenen Krankheiten niedergebeugt. Auch zettelte man Verschwörungen gegen seine Person und seinen Stand an. Freilich gehörte auch seine Person mehr der heiligen Muttergottes als ihm selbst, nachdem er ihr ein so feierliches Opfer gebracht hatte, indem er seine Krone, sein Zepter und seine ganze Macht in ihre Hände gelegt hatte und nur für einen ihrer demütigsten Untertanen gehalten werden wollte.

 

Es geschah indes, dass Kaiser Konrad, den der Ehrgeiz immer und immer stachelte, Ungarn zu erobern und mit Gewalt sich zum Herrn davon zu machen beschloss, indem er mit einigen Staatsgründen diese gar unchristliche Handlung beschönigte. – König Stephanus erfuhr nun, dass alle Streitkräfte des Kaisers bereits an den Grenzen seines Reiches sich befänden und mit schnellen Schritten vorandrängen, um ihn zu überraschen. Doch weit entfernt, sich durch eine so schlimme Botschaft erschrecken zu lassen, traf er solche Anordnungen, die er für geeignet erachtete, um sich mannhaft diesem Strom des Verderbens entgegenzusetzen. Und da er wusste, dass das Königreich Eigentum der heiligen Muttergottes sei, so warf er sich vor ihrem Bild nieder, und verrichtete dieses kurze Gebet: „Wenn du willst, o unbeschränkte Herrin des Himmels und der Erde, dass ein Teil Deines Reiches von den Feinden verwüstet werde, dann gib nicht zu, ich bitte dich, dass dies meinem geringen Vertrauen auf deinen Schutz, sondern vielmehr der Fügung Deines Willens zugerechnet werde! Wenn der Hirt eine Züchtigung für seine Sünden verdient hat, dann trage er allein die Strafe, und lasse, wenn es Dein Wohlgefallen ist, nicht die unschuldigen Schäflein seinetwegen schlagen!“ – Er stand auf vom Gebet und rückte ins Feld mit den Truppen, die er zusammenbringen konnte, und schritt mit einem unüberwindlichen Mut an der Spitze der verlorenen Landeskinder voran. Kaum jedoch war er eine halbe Tagereise gekommen, da brachte ihm ein Kurier die Nachricht von dem Rückzug des kaiserlichen Heeres. Dieser Befehl war ohne Zweifel von Oben erteilt worden, denn der Kaiser hatte keine Kenntnis davon. Indes unterwarf er sich ihm, entsagte auch, weil ihn eine aufrichtige Reue ergriffen hatte, allen seinen Ansprüchen, und der heilige König Stephanus regierte noch zweiundvierzig Jahre mit großer Weisheit und Frömmigkeit sein Volk.

 

Endlich gefiel es Gott, seine guten Werke mit einem hehren Tod zu krönen, und zwar am Tag der glorreichen Himmelfahrt der Gebenedeiten des Herrn, dem großen Verlangen gemäß, das er immer in seinem Herzen danach genährt hatte, um ihren Triumph mit den seligen Geistern zu feiern. Er gab die Seele in die Hände seiner göttlichen Herrin unter den innigsten Gefühlen der Frömmigkeit zurück, die sein ganzes Reich damals neu belebten.

 

(Aus: Das Leben des heiligen Stephanus, Königs von Ungarn)