Das dem Muttergottes-Schutz empfohlene Kind

 

Am 4. Januar des Jahres 1798 wurde zu Badem, einem Dorf der Eifel, im jetzigen Kreis Bitburg, Regierungsbezirk Trier, den Eheleuten Mathias Arnoldi und Anna Maria Scheu, ein Sohn geboren, der in der Pfarrkirche des benachbarten Städtchens Kyllburg, wovon ein Teil jenes Ortes damals noch eine Filiale bildete, am selbigen Tag die heilige Taufe erhielt und dem man den Namen Wilhelm erteilte. Die Eltern des Jungen waren einfache und schlichte Landleute. Der Vater betrieb außer der Bebauung eines kleinen Ackergutes das Schmiedehandwerk und zeichnete sich, wie die Mutter, durch Rechtschaffenheit und Biederkeit, durch einen echtchristlichen Sinn und eine gediegene Frömmigkeit aus. Gott hatte ihre Ehe mit zehn Kindern gesegnet, von denen drei frühzeitig gestorben, die anderen aber – zwei Söhne und fünf Töchter – zu Jahren gekommen sind. Da sie ihren Kindern bei allem Fleiß kein großes Erbteil an zeitlichen Gütern hinterlassen konnten, so waren sie um so eifriger bedacht, sie in der Furcht Gottes zu erziehen, sie zu allem Guten anzuhalten, und an ein tätiges und arbeitsames Leben zu gewöhnen.

 

Nur machte es der Mutter vielen Kummer, dass der kleine Wilhelm, das drittälteste von den Kindern, ungeachtet er schon einige Jahre zählte, immer noch nicht gehen lernte. Da nahm sie, fromm wie eine Heilige und als eine solche im Dorf verehrt, in der Betrübnis ihres Herzens den Kleinen auf den Arm und trug ihn nach dem zwei Stunden von da entfernten Himmerod, um ihn Gott dort aufzuopfern und dem Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria zu übergeben. Es war dies eine berühmte Cistezienser-Abtei, die der Erzbischof Albero von Trier im Jahr 1134 gegründet und für die er sich vom heiligen Bernhard aus dessen Kloster Clairvaux die ersten Ordensbrüder erbeten hatte. Diese Stiftung trug für die ganze weite Umgebung die segensreichsten Früchte. Der Name des heiligen Bernhard, dessen Geist auf seine Schüler übergegangen und in ihnen fortlebte, erwarb dem neuen Kloster viele Freunde und großes Ansehen. Das Andenken des Heiligen ist hier jederzeit hoch in Ehren gehalten worden, auch war er selbst einmal dort gewesen und hatte sich über das Aufblühen des Klosters sehr erfreut. Die Religiosen genossen wegen der Einfachheit ihrer Sitten und Lebensweise, wegen ihrer Frömmigkeit und Wohltätigkeit gegenüber Armen und Notleidenden allgemeine Achtung.

 

Das Kloster Himmerod wurde so für die Eifel-Bewohner eine geheiligte Stätte, ein Herd des religiösen und kirchlichen Lebens, wo sie zusammenströmten, um dem feierlichsten Gottesdienst anzuwohnen und ihrer Andacht nachzugehen, ein Zufluchtsort, wo sie Hilfe und Trost in ihren Bedrängnissen suchten und fanden. Dorthin auch brachte die bekümmerte Mutter ihren Wilhelm und empfahl ihn dem Gebet der Klostergeistlichen. Es wurde ihm ein klösterliches Kleid angelegt, die Mutter vereinigte ihre Bitten mit dem Gebet des Priesters, und opferte den Knaben, unter dem erflehten Schutz der gnadenreichen Jungfrau für ihn, Gott auf. – Nicht vergebens hat sie diesen Pilgergang nach Himmerod unternommen, nicht fruchtlos sich an Maria, die „Helferin der Christen“, gewendet und Hilfe gesucht an einer Stätte, die St. Bernhard schon, als er sie gesehen hatte, so recht ein „Claustrum der allerseligsten Jungfrau Maria“ genannt hat. Er wollte damit sagen: „dies sei so recht eine rings umfriedete, von der übrigen Welt abgeschiedene Stätte, wie sie Maria liebe.“ –

 

Im gläubigen Vertrauen auf den mächtigen Beistand der Himmelskönigin war die Mutter mit dem Kleinen wieder nach Hause zurückgekehrt, und siehe da!, es währte nicht lange, so konnte Wilhelm nicht nur gehen, sondern er wurde auch eines der beweglichsten und gewandtesten Kinder des ganzen Dorfes, der eine eigentümliche Lust daran fand, sich mit seinen Spielgenossen herumzutummeln, mit ihnen durch den Wald und Flur zu ziehen und hohe Bäume zu erklettern. Er hüpfte und sprang so lebensfroh über alle Zäune hinweg, dass die Mutter seinetwegen große Angst empfand, aber die Engel Gottes wachten über ihrem Liebling.

 

Das Gebet der Mutter hatte nicht nur seinen Füßen Behändigkeit verschafft, sondern auch den Flügelschlag seines Geistes geweckt. Es zog ihn nicht allein in Gottes schöne Natur, es zog ihn auch in die Kirche, das Haus Gottes, wo der Herr unter der demütigen Brotsgestalt thront in seinem Heiligtum. Die Kirche hatte für ihn etwas ungemein Anziehendes und Ehrfurchterweckendes. Wenn er an der Hand des Vaters oder der Mutter in sie eintrat, so zeigte er eine solche Andacht, dass jeder sich an ihm erbaute.

 

Nicht minder eifrig war er auch im Besuch der Schule. Und hier begann sein Geist bald seine Schwingen zu entfalten. Er besaß einen hellen Verstand und ein kindlich unschuldiges Gemüt. Mit einer schnellen Auffassungskraft verband er ein sehr glückliches Gedächtnis, so dass er, was er in der Kirche und Schule hörte, leicht behielt. Den Katechismus wusste er bald ganz auswendig, ja er konnte sogar ganze Stellen aus der Predigt, die er beim Gottesdienst gehört hatte, hersagen. Und da geschah es denn, dass er nicht allein draußen und daheim Kirchen baute, sondern auch, wenn er sich bei den übrigen Jungen befand, zu predigen anfing. Es drängten ihn seine Spielgenossen sogar und ließen nicht nach, bis er ihnen predigte. Und damit er dies ungestörter tun könnte, besorgten sie für ihn, was seine Eltern ihm aufgetragen hatten. Manchmal mussten ihm selbst die Bäume als Kanzel dienen.

 

So war er einst wieder auf einen Apfelbaum gestiegen und lebhaft in einer Predigt an seine Gefährten, die rings um den Baum herumstanden, begriffen, als der Pastor des Dorfes vorbeikam, der über dieses seltsame Schauspiel in nicht geringes Staunen geriet, denn – es waren seine eigenen Worte, die er hörte, und es war auch der Ton seiner Stimme, und es waren auch genau seine Gebärden, womit er seine Rede zu begleiten pflegte. Er drohte zwar mit dem Finger dem kleinen Predigerkonnte ihm aber doch nicht böse werden, indem er ihm sonst auch so viel Freude machte.

 

Überhaupt war Wilhelm wegen seines kindlich heiteren Sinnes, seines offenen und harmlosen Wesens und seines aufgeweckten Geistes im ganzen Dorf wohlgelitten. Die Leute aus Badem pflegten auch oft zueinander zu sagen: „Wenn der kleine Wilhelm kein „Herr“ wird, so bekommen wir in unserem Leben keinen mehr aus unserer Gemeinde!“ Das Landvolk wusste damals noch von keinem anderen Herrn im Dorf, als von dem Herrn Pastor. Er hieß überall geradezu der „Herr“.

 

Der Gedanke, ein „Herr“ zu werden, war nun aber in Wilhelm selbst bereits aufgestiegen. Er war auch von zu zarter Natur und zu schwächlichem Körperbau, als dass ihm die ländlichen Arbeiten hätten zusagen können. Wenn daher sein Vater den Wunsch aussprach, dass er ihm in seinem Geschäft einmal beistehen möchte, so kannte er selbst kein größeres Verlangen, als dem geistlichen Stand „sich widmen zu dürfen“, und er bat seine Eltern inständig, ihn doch studieren zu lassen. Wenn die Mutter daran dachte, wie sie ihren Wilhelm früher dem Herrn geweiht und ihn dem Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria empfohlen hatte, so musste sie gewiss sehnlichst wünschen, dass er einst dem Herrn und Maria an seinen Altären dienen möchte. Die Eltern sahen wohl ein, dass er für schwere und mühevolle Arbeiten nicht geeignet sei. Überdies konnten ihnen auch seine geistigen Anlagen und seine Vorliebe fürs Predigen schon als Vorzeichen dienen, dass er zu etwas anderem bestimmt sei und den Beruf habe, einmal einen ganz anderen Acker zu bestellen, statt gewöhnlichen Samen in die Furchen der Erde, das Samenkorn des göttlichen Wortes in die Herzen der Menschen zu streuen, und in einer ganz anderen Schmiede zu arbeiten, in der Feueresse Gottes die Seelen glühend zu machen und mit dem Hammer des Evangeliums sie für das Himmelreich zuzubereiten.

 

Im Jahr 1809 kam er nach Trier und begann dort zuerst in der Domschule und dann im Gymnasium seine Studien. Er machte solch glänzende Fortschritte, dass er sich stets unter denjenigen befand, die am Ende des Schuljahres wegen ihrer Kenntnisse, ihres Fleißes und musterhaften Betragens mit Preisen gekrönt wurden.

 

Tief begründet war seine Religiosität. Insbesondere trug er in seinem Herzen eine kindliche Verehrung zu Maria, die gebenedeite Gottesgebärerin, wie er denn gewiss aus dem Mund seiner gottesfürchtigen Mutter früh schon wird vernommen haben, welch eine Gnade er ihrer Fürbitte zu verdanken hatte. Fast täglich konnte man ihn in der Mutter-Gottes-Kapelle der Domkirche knien sehen und an seiner Andacht, die in seiner ganzen Haltung hervorleuchtete, sich erbauen.

 

Aus Wilhelm wurde ein frommer Priester, der, allgeliebt und allbeweint, am 7, Januar 1864 als Bischof von Trier starb. –

 

Er erwies sich aber nicht nur als ein dem Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria empfohlenes Kind, sondern auch immer und immer als ein allergetreuester Marien-Sohn.

 

Gedenken wir hier nur kurz des letzten Weihrauchkorns, das Wilhelm Arnoldi bei einer seiner bischöflichen Amtshandlungen Maria, der göttlichen Mutter des Erlösers, liebend gestreut hat.

 

Am 1. September 1863 nahm er die Konsekration der Kirche zu Merzkirchen, im Kreis Saarburg, vor und hielt dabei in gewohnter Weise eine treffliche Rede. – Nach seiner Heimkehr ersuchte ihn zu Trier der Vorstand der Marianischen Männer-Sodalität, am Fest Mariä Geburt die dreihundertjährige Jubelfeier der Stiftung der Sodalität durch seine Teilnahme zu verherrlichen. Obgleich unwohl, entsprach er doch der an ihn gestellten Bitte. Ihn drängte ja die innigste Liebe zu Maria, seiner Schutzherrin. Er bestieg die Kanzel und sprach über die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria im Allgemeinen und dann über den Ursprung, die Ausbreitung und Wichtigkeit der Marianischen Kongregation im Besonderen. Er sagte unter anderem: die Verehrung Marias sei so alt als die Kirche selbst, davon legten Zeugnis ab die Katakomben in Rom. Er selbst habe ein Bild aus dem dritten Jahrhundert gesehen, auf dem die allerseligste Jungfrau sitzend dargestellt sei, die Arme unterstützt durch die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus, betend zum Himmel erhoben, das segnende Jesuskind auf ihrem Schoß. Durch alle Jahrhunderte hätten Kunst und Wissenschaft geeifert, ihre schönsten Blüten der Himmelskönigin zu weihen. – Dann ging er zur Entstehung der Marianischen Sodalität über und zeigte, wie sie, gleich so vielen Werken der katholischen Kirche, aus kleinen Anfängen zu Rom im Jahr 1563 entstanden, bald unter dem Schutz und der Pflege der Jünger des heiligen Ignatius von Loyola zu einem Riesenbaum herangewachsen sei, der seine Äste ausbreitete über die ganze katholische Welt und überall die herrlichsten Blüten und Früchte getragen habe. Früh schon sei die Marianische Sodalität in Trier eingeführt worden, zuerst unter der studierenden Jugend und dann unter den Bürgern der Stadt. Der Adel und die Magistratspersonen der Stadt hätten es sich zur Ehre gerechnet, unter ihre Mitglieder gezählt zu werden. Sie haben alle Stürme der Zeit überstanden und sei der Haltepunkt der katholischen Lehre und des sittlichen Lebens gewesen. – Ferner sagte er: es freue ihn sehr, dass es ihm in seinen alten Tagen gegönnt sei, dieses Jubelfest zu feiern und zu sehen, wie Männer aus allen Ständen die Aufnahme in sie begehrten. Dies gebe ihm die Freudige Zuversicht, dass, wenn dereinst die vierte Säkularfeier gehalten werde, die Sodalität in der Stadt noch herrlich fortblühe und Heil und Segen über Kinder und Kindeskinder verbreite.

 

Zum Schluss habe er drei Bitten an die Sodalen: Erstens möchten sie die alte, echtkatholische Sitte nicht aussterben lassen, im Haus ein Muttergottesbild aufzustellen und vor ihm die häusliche Andacht zu verrichten. (Dass in jedem christlichen Haus auch ein Bild des gekreuzigten Heilandes sich befinden solle, hat der Bischof hier nicht besonders erwähnt, weil dies sich von selbst versteht und er hier nur, dem Fest entsprechend, von der Verehrung seiner jungfräulichen Mutter redete.) Wir ehren aber Maria nur so hoch, weil sie die Mutter Jesu Christi, des Eingeborenen Sohnes Gottes ist. Indem wir Maria verehren, verehren wir zugleich ihren göttlichen Sohn, denn wir wenden uns ja an sie, dass sie bei ihrem Sohn für uns bitten möge. – Zweitens möchte sie des dreimaligen täglichen Gebets beim Läuten der Betglocke nicht vergessen. – Drittens möchten sie in dieser Zeit der Vereine wohl auf der Hut sein und sich von allen denjenigen fern halten, die ihre Mitglieder zur Entheiligung der Sonn- und Festtage verleiteten. –

 

Diese Marien-Predigt war die letzte Predigt, die der Bischof gehalten hat. – In seiner Kindheit von seiner Mutter dem Schutz Mariä übergeben, hat er auf diese Weise die lange Reihe seiner ebenso belehrenden als erbauenden und wahrhaft begeisternden Reden mit dem Lob der glorreichen Himmelskönigin beschlossen. Fast möchte man sagen: er habe im Vorgefühl seines herannahenden Lebensendes diese drei Bitten gleichsam als ein teures Vermächtnis allen seiner Hirtensorge Befohlenen hinterlassen wollen!

 

(Aus: Wilhelm Arnoldi, Bischof von Trier - Ein Lebensbild von Dr. J. Kraft)