Am Kaminfeuer

 

Der heilige Odo, Abt von Cluny, erzählt:

 

„Von Jugend auf hatte Gerald, Graf von Orleans, Herz und Gedanken rein bewahrt, bis plötzlich auch in seinem Gemüt eine gar böse Leidenschaft entbrannte seit er mit vorwitzigen Blicken die Tochter eines seiner leibeigenen Bauern angesehen hatte. Nach langem innerem Widerstand endlich sich gefangen gebend, ritt er an einem Winterabend zu der Hütte dieses Landmannes hin, doch nicht ohne Angst und Kummer seines bisherigen Wandels gedenkend, und seiner Vorsätze und seines gewohnten Umgangs mit Gott, weshalb er auch, wiewohl nur unbestimmt, die heilige Jungfrau Maria bat: „sie möchte ihn in dieses Unglück nicht ganz versinken lassen“. – Als er nun in die niedrige Stube trat, stand das Mägdlein eben, um sich zu wärmen, am Kaminfeuer. Und, war es nun die rote Flamme, die ihr Angesicht so grell beleuchtete, oder war es – durch Marias Fürsprache – die Fügung der göttlichen Gnade: sie erschien ihm in diesem Augenblick so hässlich, dass er seinen Augen nicht traute. In eben dem besagten Augenblick kam er auch wieder zur rechten Besinnung. Ohne zu zögern, trat er über die Türschwelle zurück, schwang sich aufs Pferd und ritt absichtlich Schritt für Schritt in grimmiger Nachtkälte seinem Schloss zu, um durch äußeren Frost die unlauteren Gluten zu büßen, die er so schnöde in sich genährt hatte. Auch dankte er herzlich der göttlichen Mutter für den ihm gewährten Schutz, der ihn vor dem Fall der Unzucht bewahrte.

 

O, dass es jedem Christen zur rechten Zeit einfiele, jegliches unlautere, aber in reizenden Farben sich darstellende, Gedankenbild, ja auch jeden lebenden Gegenstand eines unlauteren Verlangens beim grausen Licht der höllischen Flamme, des brennenden Kamins der Strafgerechtigkeit Gottes (Mt 13) zu betrachten, dann würde die Hässlichkeit der Sünde nicht mehr von zauberisch blendenden Farben versteckt werden, dann würden die unreinen Scherze ebenso grässlich und empörend sich zeigen, als das Lästergeheul der Verdammten, dann würde er den knechtischen Nesselkranz vom Haupt werfen, um nicht mehr ein Sklave tierischer Leidenschaft zu sein! – Oder wollen wir nichts hören von diesem Feuer des Abgrundes? So steige denn du zu uns herab, Feuer der heiligen, göttlichen Liebe, Feuer, das Jesus Christus auf die Erde gebracht hat, verzehre die Disteln und Kletten der elenden Neugierde und die brennenden Nesseln der bösen Begierden und alle die übrigen Dornen auch, die in den Hecken dieser Welt uns vielfältig festhalten und verwunden. – Und du, heilige Maria, keuscheste Jungfrau, gnadenreiche Mutter der Gläubigen, stehe mit deinem Schutz jedem Versuchten bei, dass er noch zur rechten Zeit für Gott und die Tugend gerettet werde.“

 

(Aus: Das Friedensopfer von Dr. J. E. Veith)