Und der Geist kürte die Braut - und die Jungfrau gebar den Sohn

 

Als Josef gekommen war, Maria in sein Haus zu holen, feierten sie zu Nazareth im Haus der Mutter Anna noch ein Fest. Dann erst nahm Maria von ihrer Mutter Abschied und siedelte mit Josef in ihr eigenes Haus über, das außerhalb des Städtchens Nazareth an einem stillen Ort lag. Doch oft kam Mutter Anna mit Mägden und vertrauten Frauen ins Haus Mariens, ihr noch allerlei zu bringen und das Haus auszustatten, wie sie es für ihre Tochter wünschte. Dann begleitete Maria ihre Mutter immer ein Stück Weges zurück, und von neuem brach die Wunde der Trennung in ihr auf, und oft vergoss sie Tränen der Rührung bei diesem Abschied.

 

Indessen war Josef bemüht, seine Werkstätte einzurichten. Er musste noch oft über Land, Erbgut einzuholen und Handwerksgeräte herbeizuschaffen.

 

So war Maria eines Tages allein zu Hause. Da kam Mutter Anna und mit ihr eine Magd und eine Witwe, die ihr vertraut war, und zwei Gespielinnen aus dem Tempel. Sie blieben die Stunden des Nachmittags beisammen und gingen miteinander im Hof umher. Maria bewirtete sie, dann blieben sie bei ihr zur Nacht. Als die anderen schon schlafen gegangen waren, schritt Mutter Anna noch geschäftig hin und her. Schließlich ging auch sie in ihre Kammer. 

 

Die Kammer Mariens lag im hinteren Teil des Hauses nahe der Feuerstätte. Vom Küchenraum stiegen ein paar Stufen zu einem erhöhten Gemach empor. Der Tür gegenüber war die Kammer rund, und dieser Teil war durch einen hohen Schirm von Flechtwerk abgeschieden. Dort befand sich Mariens Lager. Das kleine Gemach war rundum mit geflochtenem Holzwerk bedeckt, und die Decke zeigte die offenen Balken, in die Sternfiguren eingemalt waren.

 

Als Maria an diesem Abend in ihre Kammer eintrat, kam sie eine unendliche Sehnsucht an, zu Gott zu beten und ihn zu beschwören, den Menschen den Erlöser zu senden, den er verheißen hatte. Das Wissen um ihre eigene Bestimmung lag wie ein Keim in ihr, der sich noch nicht entfaltet hatte. In ihrer Seele brannte die Sehnsucht, durch ihr Beten und Wirken zu der Herabkunft des erwarteten Erlösers ein Geringes beizutragen. Sie trat hinter den Schirm, hinter dem ihr Lager ausgebreitet war, legte ein weißes Betkleid und einen breiten Gürtel an und bedeckte ihr Haupt mit einem gelblich-weißen Schleier. Indessen kam die Magd mit einem Lämpchen und zündete eine vielarmige Lampe an, die von der Decke niederhing, und ging dann wieder fort.

 

Maria nahm ein niedriges, dreibeiniges Tischchen, das an die Wand aufgeklappt war, und stellte es in die Mitte des Gemaches. Es war eine rot und blau gefärbte Decke darübergeworfen, die war nach vorne zwischen den beiden Füßen gerafft und fiel dann mit Fransen besetzt nieder.

 

Maria holte etliche Schriftrollen und legte sie auf das Tischchen. Dann nahm sie einen Teppich, rollte ihn neben dem Tischchen zu einem Wulst und kniete sich darauf. Sie stützte ihre beiden Arme auf und barg ihr Gesicht betend in ihre Hände.

 

Da überkam sie die Sehnsucht nach dem Messias, wie die Flut eines Meeres über das Land springt.

 

Und wie sie das Wehen und Wogen ihrer eigenen Bitte spürte, kam eine Ruhe über sie, und diese Ruhe wurde zu einem Licht, und das Licht kam von oben, und ohne dass sie ihre Augen geöffnet hatte, empfand sie, wie aus dem Licht eine Gestalt niederschwebte und neben ihr stand und zu ihr sprach.

 

Sie senkte aus Ehrfurcht vor dem Erschienenen die Hände und wandte ihr Antlitz ihm zu, ohne die Augen zu erheben. In einem heiligen Schauer ließ sie den Blick gesenkt. Aber sie vernahm seine Worte, und jedes Wort kam wie ein Licht aus seinem Mund, und in dem Licht standen die Worte wie flammende Schrift:

 

"Gegrüßet seist Du, Maria" -

sie hob die eine Hand,

"Du bist voll der Gnade" -

und wieder senkte sich ihr Haupt, und ihre Hände tasteten nach ihrem eigenen pochenden Herzen -

"Der Herr ist mit Dir -

Du bist gebenedeit unter den Frauen

und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes."

 

Da war es ihr, als seien dies nicht einmalige Worte, - als blieben diese Worte, einmal gesprochen, schwebend im Atem der Welt, und Millionen und Millionen sprächen diese Worte wie ein Gebet.

 

Sie spürte die Nähe des Herrn und ahnte, was der Engel von ihr begehrte.

 

Er sagte ihr, dass sie die Mutter des Herrn werden solle. 

 

Wie sie verwundert fragte, wie das geschehen solle, da sie doch gelobt habe, Jungfrau zu bleiben, verkündete er ihr:

 

"Siehe, die Kraft des Allerhöchsten wird Dich überschatten."

 

Sie hob den Schleier und sah dem Boten des Ewigen ins Angesicht und sprach:

 

"Siehe, ich bin die Magd des Herrn,

mir geschehe nach Deinem Wort."

 

In diesem Augenblick begann ihr Leib und ihre Seele und ihr Geist vor einem grenzenlosen Schauer zu zittern. Sie senkte in tiefer Ehrfurcht ihr Haupt und spürte,

 

wie die Decke der Kammer wich

und der Himmel über ihr offenstand

und über ihr in unermesslicher Ferne

und zugleich nahe

ein heiliges Zeichen aus den Wolken stieg,

ein dreieckiges Licht,

in dem sie die Herrlichkeit Gottes,

des allmächtigen Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes erkannte.

 

Sie sah,

wie eine der Erscheinungen sich löste

und wie die Gestalt einer Taube,

doch mit dem Antlitz eines Menschen

sich auf sie niedersenkte,

und wie drei Strahlenergüsse,

die von der Erscheinung ausgingen,

ihren Leib trafen.

 

Da wurde ihre Gestalt ganz durchleuchtet

und durchsichtig und verklärt,

das Licht fand nichts Undurchdringliches an ihr,

sie selbst schien wie in dieses Licht aufgegangen.

 

Dann wich die überirdische Erscheinung, und es war, als atme der Himmel dies Licht und diesen Boten, den Engel, wieder in sich ein, wie er all die Wunder ausgeatmet hatte. 

 

Die Decke schloss sich wieder über Maria, und die Lampe in ihrem Gemach, die in dem überirdischen Licht versunken war, erschien wieder mit ihrem spärlichen Schein und erhellte matt den Raum der kleinen Kammer. 

 

Einen Augenblick erschauerte Maria. Es war ihr, als läge eine Gefahr vor ihrer Tür.

 

Es war eine Schlange, ein scheußliches Ungetüm mit einem breiten und platten Kopf, einer Eidechse gleich, mit Krallen und Fledermausflügeln, ein Tier von etwa eines Knaben Länge in das Haus eingedrungen und lauerte vor Mariens Kammer.

 

Da erschienen drei Geister und trieben das Ungetüm mit Hieben und Fußtritten hinaus ins Freie.

 

Maria, die dies nicht sah, empfand dennoch, wie die Gefahr wich, und sank in ihr Gebet zurück und versank in ihm in ein neues Wunder.

 

Sie empfand in ihrem Leib die Gestalt eines werdenden Kindes und empfand jedes Glied dieses Kindes in sich bis zu den Fingerchen, den winzig kleinen, zarten. Es überkam sie ein Schauer der Wonne, dass sie heilige Worte vor sich hinsprach:

 

"Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Werke,

ehe als er etwas gemacht hat von Anbeginn.

Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von alters her,

ehe als die Erde geworden war.

Die Tiefe war noch nicht und ich war schon empfangen.

Die Wasserquellen brachen noch nicht hervor,

die Berge waren noch nicht eingesenkt in ihrer schweren Last,

und vor den Hügeln ward ich geboren.

Noch hatte er die Erde noch nicht gemacht und nicht die Flüsse,

nicht die Angel des Erdkreises.

Als er die Himmel bereitete, war ich dabei,

als er nach genauem Gesetz die Grenzen zog um die Tiefe,

als er dem Luftraum oben dran befestigte und die Wasserbronnen abwog,

als er rings um das Meer seine Grenzen setzte

und den Wassern ein Gesetz gab, ihre Grenzen nicht zu überschreiten,

und da er die Gründe der Erde legte,

da war ich bei ihm und machte alles

und erlustigte mich Tag für Tag

und spielte auf dem Erdkreis,

und meine Lust ist, bei den Menschenkindern zu sein."

 

Es war um die Mitternacht, als dies Geheimnis geschah. Eine Lichtwolke war über dem Haus erschienen, und eine wundersame Bewegung hatte die ganze Natur erfasst, zitterte durch ihre Träume, und Tiere und Menschen erwachten, ohne dass sie wussten, was sie weckte.

 

Auch Mutter Anna erwachte aus dem Schlaf. Es ging in ihr ein Ahnen von all dem um, was in dieser Nacht geschehen war. Sie stand auf, kleidete sich an und ging zur Kammer der Jungfrau Maria. Da sah sie, wie Maria im Gebet versunken in der Mitte ihrer Kammer kniete, und so wich sie scheu und ehrerbietig zurück und ging wieder in ihr eigenes Schlafgemach und lag selbst lange betend in der Nacht.

 

Maria erhob sich nach einer Weile und schritt zu ihrem Betaltärchen, das in die Wand ihrer Kammer eingelassen war. Dort hing ein Teppich aufgerollt. Diesen Teppich entrollte sie. Da wurde die Gestalt eines Kindes sichtbar, das mit ausgebreiteten Armen in den Teppich gewirkt war.

 

An der Wand hing eine Lampe, die zündete sie an. Dort auch lagen die Gebetsrollen. So stand Maria ins Gebet versenkt bis gegen Morgen. Dann legte sie sich schlafen.

 

Sie wusste wohl, dass der Erlöser der Welt, der Menschensohn, zu ihr niedergestiegen war, aus ihr die Gestalt des Fleisches zu empfangen. Aber noch war sie des Glaubens, dass der Messias unter das Volk als ein heiliger König komme und das Volk gegen die Mächte der Finsternis siegreich mache. Sie wusste noch nicht, dass er, um die Menschheit zu erlösen, aus einer Frau musste geboren werden und so, wie er durch eine Frau in die Welt eintrat, auch aus der Welt durch jenes andere Tor schreiten musste, durch das alles Menschliche hingehen muss: durch das Tor des Todes und der Ängste. So aber war es bestimmt, dass die Pforten des Lebens wieder gereinigt würden, wenn Gott selbst durch sie hindurchschritte.

 

Maria war bestimmt zu der Pforte, aus der der Herr kam, weil sie das reinste Gefäß der Gnade war und keine andere Frau der Erde ihr an Reinheit glich, keine ihr vergleichbar vor ihr erschienen war noch nach ihr kommen wird unter allen Frauen der Erde.

 

An dem Tag, da dies geschah, war Maria vierzehn Jahre alt.

 

Als Josef nach etlichen Tagen von seinen Geschäftsgängen nach Hause kam, trat ihm Maria in einer stillen, glühenden Verhaltenheit entgegen, als wolle sie ihm eine hohe Botschaft zutragen. Doch als er erstaunt und fragend den Blick zu ihr hob, senkte sie die Augen und verschloss ihr Geheimnis in ihrer Seele. 

 

Es war ihr, als wolle Gott selbst dieses Geheimnis all jenen, denen er es kundmachen wolle, zu ihrer Stunde offenbaren, und ihr sei nur aufgetragen, es hütend in sich zu bergen.

 

Dann saßen sie in ihrem Gemach einander gegenüber, Josef erzählte von seinen Geschäften und dass er die nächsten Tage wieder fort nach Jerusalem wolle, dort im Tempel zu opfern, denn das Osterfest war nahe.

 

Da erzählte Maria Josef von einer großen Sehnsucht, die sie im Herzen trage: Sie wolle ihre Base Elisabeth besuchen, die über den Bergen in Jutta wohne, die Frau des Zacharias. Von dorther war die Kunde gekommen, dass die hochbetagte Elisabeth noch vom Herrn sei gesegnet worden und seligen Stunden entgegensehe.

 

Josef hinwiederum trug es Maria an, dass er sie auf seiner Reise nach Jerusalem mitnehmen und nach dem Osterfest über die Berge nach Jutta zu ihrer Base Elisabeth bringen wolle. Und so beschlossen sie es.

 

Nach etlichen Tagen brachen sie auf, nur ganz kurze Zeit in Jerusalem zum Opfer zu verweilen und dann nach Jutta, zu ihrer Base Elisabeth weiterzureisen.

 

Der Weg ging mittagwärts. Josef führte einen Esel bei sich, dem er einen gestrickten Sack aufgeladen hatte, in dem sie allerlei Gewänder und auch Speisen mit sich führten. Maria schritt meist in sich versunken in geringer Entfernung hinter Josef und dem Tier drein. Josef, der empfand, dass sie sich sehnte, so allein zu wandeln, schritt rüstig und dienend vor ihr her.

 

Maria trug auf der Reise ein braunes, wollenes Hemd und darüber ein graues Kleid und einen breiten Gürtel und eine gelbliche Kopfhülle.

 

Sie zogen südwärts über die Ebene Esdrelon und kehrten in der Stadt Dothan auf der Höhe eines Berges bei einem Freund Josefs ein. Dann übernachteten sie wieder einmal in einem Schuppen und einmal, noch zwölf Stunden von Jutta entfernt, in einem Wald, in einer kleinen, von Holz geflochtenen Hütte. Die war von lebendigem Grün mit schönen weißen Blüten überwuchert. Solcher Herbergen gab es viele im Land. Sie standen leer und gewärtig, dass irgendwelche vorüberziehende Reisende in ihnen Unterschlupf suchten. Es war kein Wirt zugegen. Die Reisenden mussten selbst für alles sorgen und die Hütte wieder so verlassen, wie sie sie vorgefunden hatten. Dies war so Sitte im Land. In der Nähe wohnten zuweilen Leute, die die Aufsicht über solche Herbergen hatten und gegen eine kleine Vergütung allerlei Dienste verrichteten.

 

So reisten Maria und Josef über die Berge. Josef zog einsam voran und Maria schritt hinter ihm drein, zuweilen auch laut einen Psalm in die Einsamkeit des Landes singend. Einmal auch sammelten sie Tropfen Balsam ein, und hernach tranken sie den Balsam in Wasser und aßen Brot dazu. 

 

Wieder zogen sie durch die Wälder, durch Heide, durch Wiesen und Felder, und einmal kamen sie über eine Wiese. Auf ihr standen kleine Blumen mit grünen Blättchen und neun blassroten, verschlossenen Glöckchen, die an einer Traube hingen. Die pflückte Maria auf:

 

"O, mein Geliebter ist mir ein Myrrhenbüschlein, das an meiner Brust verweilt. O, mein Geliebter hat für mich das Traubenblut der Versöhnung hergegeben."

 

Josef hörte sie hinter sich singen.

 

*       *       *

 

Das Haus des Zacharias stand einsam auf einem Hügel, an dessen Abhang dichtere Häusergruppen lagen. In der Nähe kam ein Sturzbach vom Berg nieder.

 

Zacharias war zum Osterfest in Jerusalem im Tempel gewesen und kehrte in diesen Tagen nach Hause zurück. Als er noch eine gute Strecke Weges entfernt war, sah er eine Frau am Weg sitzen und erschrak, als er sie erkannte. Es war Elisabeth, seine Frau.

 

Was hatte sie wohl angetrieben, das Haus zu verlassen und so weit ihm entgegen zu wandern?

 

Er eilte auf sie zu, sie umfingen sich, und er gab ihr Zeichen seiner Besorgnis, dass sie in diesem Zustand einen so weiten Weg unternommen habe, ihm entgegen zu eilen.

 

Da erzählte sie ihm, dass sie seit etlichen Tagen von einer namenlosen Sehnsucht erfüllt sei, ihre Base Maria von Nazareth zu sehen, sie warte auf ihren Besuch. Und dies alles sei ihr so zugekommen, ohne dass ein Bote ihr eine Kunde hinterbracht habe.

 

Es war Elisabeth in einem Traum geoffenbart worden, dass eine Jungfrau ihres Geschlechtes den Messias empfangen habe. Und Elisabeth hatte, als sie erwachte und den Traum überdachte, an Maria von Nazareth, ihre Base denken müssen, die sie nie im Leben gesehen hatte, die sie nur durch den heiligen Ruf ihres Lebens kannte. 

 

Verwundert schüttelte Zacharias den Kopf und gab durch Zeichen und durch Schreiben auf ein Täfelchen seiner Frau Elisabeth zu verstehen, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Neuvermählten jetzt eine so weite Reise unternehmen sollten. So führte Zacharias Elisabeth nach Jutta zurück.

 

Da merkte er zu seinem Verwundern, dass Elisabeth rechts vom Eingang seines Hauses ein Stübchen bereitet hatte, dass Maria, die Base, es mit allem vorfände, was sie nach langer Reise erquicken könne. Indessen, wie sehr er auch Elisabeth mit Worten, die er auf ein Täfelchen schrieb, eine Törin der Liebe schalt und sie mit Zeichen verspottete, - des anderen Tages saß Elisabeth in jenem Stübchen und wartete und wartete, ob Maria nicht käme, an die sie ohne Unterlass denken musste, und dann trieb es sie aus dem Haus hinaus, den Berg hinunter zwischen die Gassen von Jutta.

 

Da sah sie eine noch junge Frau ihr entgegenkommen, und beide, die schier greise Elisabeth und die jugendliche Maria, die sich nie in ihrem Leben gesehen hatten, erkannten sich sogleich und eilten freudig aufeinander zu, reichten sich zum Gruß die Hände und standen einen Augenblick versonnen einander gegenüber. Da aber traten aus allen Häusern rundum Menschen und staunten die sich Begrüßenden an, sodass Maria ihren Arm in den Elisabeths schob, und die beiden gingen still und versunken, als würden sie sich seit Jahren kennen, hinauf zum Haus des Zacharias.

 

Die Bewohner der benachbarten Häuser, die auf den Weg getreten waren, wurden von der wunderbaren Erscheinung Mariens und von der übernatürlichen Würde ihres Wesens, das sie empfanden, so berührt, dass sie scheu und schüchtern in ihre Häuser zurücktraten.

 

Wie ein dienender Knecht schritt Josef mit dem Lasttier hinter den Frauen drein, gab im Hof die Zügel des Tieres einem Diener, der herbeigeeilt war, und trat in die offene Halle zu Zacharias, der noch stumm war. Er begrüßte den alten, ehrwürdigen Priester gar demütig. Dann umarmten sie sich, und Zacharias gab ihm Zeichen und schrieb auf sein Täfelchen Worte der Freude und des Willkommens.

 

Indessen hatte Elisabeth Maria in die Kammer geführt, die für sie schon zubereitet war. Dort in der Einsamkeit fassten sich die beiden Frauen grüßend an den Händen, sahen sich an und lehnten ihre Wangen aneinander. Dabei ging eine Flut von Liebe durch ihre Seele und ihren Leib, und aus dem Leib Mariens brach ein heiliges Leuchten auf und überstrahlte Elisabeth, dass sie ergriffen von diesem Wunder des Lichtes und seiner Kraft eine Offenbarung empfing und zu Maria sprach:

 

"Gebenedeit bist du unter den Frauen

und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.

Woher kommt mir das zu,

dass die Mutter meines Herrn mich heimsucht?

Als die Stimme deines Grußes an mein Ohr kam,

hüpfte das Kind unter meinem Herzen in Freude auf.

Selig bist du,

du hast geglaubt und es wird erfüllt werden,

was der Herr von dir gesagt hat."

 

Dann lösten sie die Umarmung und setzten sich einander gegenüber. Von neuem überkam Maria das Glück dieser Stunde, sie kreuzte die Hände vor der Brust und begann schier wie in einem Gesang Worte zu sprechen, die vom Allerhöchsten selbst als ein heiliges Gebet auf ihre Zunge gelegt waren:

 

"Hoch preiset meine Seele den Herrn!

Und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland. 

Er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut

und sieh, nun werden mich selig preisen alle Geschlechter.

Er hat Großes an mir getan,

er, der da allmächtig ist

und dessen Name heilig ist,

und dessen Barmherzigkeit

von Geschlecht zu Geschlecht

bei denen ist, die ihn fürchten.

In seinen Arm ist Kraft gelegt,

und sie, die stolz sind in ihrem Herzen,

hat er zerstreut.

Die Mächtigen hat er von ihren Sitzen gestoßen 

und die Niedrigen hat er erhöht.

Die Hungernden hat er mit Gütern erfüllt

und die Reichen leer entlassen.

Er hat Israel, seinen Diener aufgenommen

eingedenk seiner Barmherzigkeit,

wie er zu unseren Vätern gesprochen hat,

zu Abraham und seinem Samen

in alle Ewigkeit."

 

Die Worte fielen Elisabeth in das Herz und blieben in ihr aufbewahrt, und auch in Maria, der jungfräulichen Mutter. Sie waren ihnen kostbar wie ein Geheimnis, das ihnen von Gott geschenkt worden war. Und so behielten sie alles zum Gedächtnis an diese Stunde. Oft noch, wenn sie in diesen Tagen bei einander standen und der heiligen Geheimnisse gedachten, die in ihren beiden Leibern schlummerten, grüßte Elisabeth Maria:

 

"Gebenedeit bist du unter den Frauen,"

 

und Maria erwiderte mit den Worten ihrer ersten von Glück berauschten Begegnung:

 

"Hoch lobpreiset meine Seele den Herrn."

 

Josef, der Maria zu Elisabeth geleitet hatte, wollte des anderen Tages zur Heimkehr rüsten. Doch Zacharias bewog ihn, acht Tage und acht Nächte zu bleiben.

 

Die Zeit, die sie beisammen waren, wurde ihnen festlich durch all die sieben Werktage bis zum Sabbat, dem heiligen, dem geheiligten. Auch Zacharias war das Herz übervoll von Ahnungen der Nähe des Messias, und so hielt er Josef stets in seiner Nähe, dass er einen Gefährten seines Glaubens und seiner Sehnsucht an ihm fände. So saßen sie Stunden und Stunden beieinander. Zacharias schrieb auf sein Täfelchen Prophezeiungen und legte sie Josef aus, und dann verharrten sie wieder in Gebeten. Zacharias war stumm, doch Josef, der des Zacharias stummes Denken erriet, sprach in die Nacht oder in die Stille des ländlichen Gartens, in dem sie saßen, laut ihr Rufen zum Herrn.

 

*        *        * 

 

Neben dem Haus war eine Halle. Dort saßen Maria und Elisabeth oft unter einem großen Baum. Einmal hatten sie die Reisetasche Josefs vor sich liegen, und derweilen sie von der Herabkunft des Messias und den heiligen Geheimnissen sprachen, aßen sie schlicht und einfach Früchte und Brot aus der Reisetasche des Josef, damit es nicht verderbe. So lebten sie kärglich in den Augen der Reichen der Welt, und die größten Reichtümer unter den Sternen waren unter ihnen.

 

*        *        *

 

Zacharias suchte Josef das Traute und Herrliche seines Heimes zu zeigen. Er wies ihm auch seine priesterlichen Gewänder und erklärte ihm heilige Zeichen und führte ihn des anderen Tages in einen abgelegenen Garten, der Zacharias gehörte.

 

In diesem Garten stand ein Lusthäuschen und darin ein Lager, das mit Moos und feinduftenden Kräutern gepolstert war. Hierher, ganz in die Einsamkeit gingen in diesen Tagen oft Elisabeth und Maria und ein andermal auch Josef und Zacharias, und die heiligen Paare begegneten sich.

 

Des Tages saßen Maria und Elisabeth zuweilen zu Hause in der Halle und webten an einem Lagerteppich, wie sie dort zu Lande für die Frauen bereitet wurden, die der Stunde der Niederkunft entgegensahen. Das war ein Teppich, in dessen Mitte eine Hülle eingewirkt war, sodass Mutter und Kind ganz in dieser Hülle geborgen ruhen konnten, und außen im Viereck waren Blumen und heilige Schriftzeichen eingewebt. Stunden saßen sie und wirkten, und das heilige Glück der beiden Mütter war in ihrem Tun und in ihrem Lied.

 

So vergingen die Tage. Ehe Josef schied, verlebten sie noch einen Nachmittag draußen in jenem abgelegenen Garten. Sie saßen unter einem Baum, aßen Früchte und kleine Brote und führten heilige Gespräche bis tief in die Nacht.

 

Sie wollten die Frist bis gegen Morgen hier im Garten verbringen. Abwechselnd gingen die heiligen Frauen und die beiden Männer in das Häuschen und legten sich zur Ruhe nieder und kamen nach einer kurzen Weile wieder hervor in den mondbeschienenen Garten zu denen, die da wachten, einmal die Männer zu den Frauen, einmal die Frauen zu den Männern. 

 

Da wandelte sie mitten in der Nacht ein Begehren an, ganz still zu sitzen und in die Nacht hinauszuhorchen, als komme von dorten ein Wunder. 

 

Wie sie so saßen und warteten, stand Maria mit einem Mal auf, ging zu Zacharias und sprach zu ihm:

"Lege dein Täfelchen fort. Für diese Nacht bis zum Aufbruch des Tages sollst du die Gnade des Wortes wieder haben."

 

Er hob erstaunt den Blick und glaubte und begann laut Gott zu loben und zu preisen. Er sprach und lobte Gott laut bis zum Anhub des Tages, und dann sank er in die Stummheit der Strafe zurück, die ihn für seinen Zweifel am Altar zu Jerusalem getroffen hatte.

 

Als aber Maria dies zu Zacharias gesagt hatte, war es ihr, als rufe sie eine Stimme und befehle ihr, diese drei zu verlassen, und sie ging in das Häuschen.

 

Da geschah es, dass Maria selbst ein Geheimnis geoffenbart wurde, das ihr bis zur Stunde verschlossen war. 

 

Sie war allein in das Lusthäuschen gegangen, und auch Elisabeth war bei den Männern zurückgeblieben, die im Gebet im Freien saßen. Als Maria allein war, hüllte sie sich mit einer Decke ganz ein und legte sich auf das Lager hin, das Haupt auf einen zusammengerollten Teppich hingeschmiegt. So schlief sie ein.

 

Da brach aus ihrem Herzen ein Leuchten auf. Und es ging eine Flut von Licht durch das Gemach; ihr Leib schlief, und ihre Seele wachte auf.

 

Sie sah sich selbst so liegen und schlafen auf dem Lager und gewahrte, wie der Strom von Licht durch die Nacht ging und sich nach allen Seiten verästelte, als suche das Licht über der Erde und an Gräbern tastend hin und wecke das Gestorbene, das schon zu Asche Gewordene zurück ins Fleisch.

 

Da sah Maria dreimal vierzehn Paare von Menschen von Anbeginn, die Reihe ihres Geschlechtes, aus dem sie entsprossen war. Ein gewaltiger Baum von Licht erhob sich aus uralter Zeit und trieb Äste und Zweige bis her zu Maria. Aus allen Männern dieses Stammbaumes brach ein Strahl von Licht, und dieser Strahl ging in das von Ihnen gezeugte Geschlecht ein und wurde Fleisch, aus dem wieder Licht brach, das zu einem Fleisch wurde, das neue Licht gebar. Und so, wie den Männern das Licht aus dem Mund brach, brach es den Frauen des Geschlechtes aus dem Herzen, und auch ihnen wurde das Licht des Herzens Fleisch, das wieder Licht gebar und wieder wurde zu Fleisch. So stieg der Baum des Lichtes auf und wurde zur Leiter Jakobs.

 

Von fern her kam in diesem Licht und Fleisch ein glühendes, ein ewiges Licht und floss wie ein Strom mitten in einem Strom.

 

Es befanden sich unter den Älterherren und Älterfrauen auch solche, die in ihrem Fleisch und in ihrer Seele sündig waren. Aber der ewige Lichtstrom, der da durch die Geschlechter kam, ging selbst durch diese unreinen Glieder hindurch und ging auch auf ihnen, wie ein Mensch auf Sprossen einer Leiter schreitet, und ihre Sünde konnte den Glanz dieses durch die Geschlechter fließenden Lichtes nicht verwandeln. 

 

Das ewige Licht ging durch das Licht der Geschlechter bis in die letzte Blüte dieses Baumes, in Maria selbst, und wurde Fleisch in ihr, ihr eingeborener Sohn, und wandelte den Sohn in Brot und Wein. So wuchs aus dem Fleisch der Menschen das Fleisch des Menschensohnes und das Sakrament. Maria sah, wie das Korn aufwuchs und reifte und wieder Frucht zum ewigen Brot wurde, das die Völker der Erde vom ewigen Tod genesen machte.

 

Als Maria von dieser Erscheinung erwachte, ging sie in den Garten. Der Mond stand gegen den Hang der Berge zu, und ein leichter Schein verkündete das Nahen der Sonne. Zacharias und Josef hatten ihre Reisemäntel angetan und brachen auf. Die heiligen Frauen schritten mit den Männern hinaus in die Nacht und in den anhebenden Tag und begleiteten Zacharias und Josef durch die Stadt Jutta hinaus ins freie Feld. Dort nahmen sie Abschied von einander. Sie umarmten sich. Die Männer schieden von den Frauen und wanderten gegen Nazaret. Die Frauen gingen zurück in das Haus am Berg zu Jutta.

 

Drei Tagereisen weit begleitete Zacharias Josef, und dann schieden auch sie. Zacharias kehrte zu den heiligen Frauen heim. 

 

Josef lebte, bis Maria zu ihm zurückkehrte, allein im Haus zu Nazaret. Eine Magd der Mutter Anna ging im Haus ab und zu und besorgte die Geschäfte an Mariens statt.

 

*        *        *

 

Drei Monate blieb Maria bei ihrer Base Elisabeth. 

 

Da kam der Tag, dass Elisabeth eines Knäbleins genas, und Maria war in der Stunde der Geburt bei ihr. Hernach jedoch traf es sich, dass Leute aus Nazareth, die Maria kannten und ihr befreundet waren, durch Jutta kamen; und obwohl das Fest der Beschneidung des Kindes acht Tage nach der Geburt gefeiert werden sollte, wollte Maria die Gelegenheit, in Begleitung dieser Leute nach Nazareth heimzureisen, wahrnehmen und verließ Elisabeth und Zacharias. 

 

So war Maria nicht zugegen, als am achten Tag nach der Geburt bei der Beschneidung des Kindes sich dies begab:

 

Die Nachbarn und Freunde und die Verwandten der Elisabeth und des Zacharias, zu denen die Kunde von dieser Geburt gedrungen war, kamen am achten Tag in das Haus des Zacharias; es sollte das Kind beschnitten werden. Weil nun Zacharias stumm war, fragten sie die Mutter, wie dies Kind heißen solle. Elisabeth antwortete, es solle Johannes heißen. Dort zu Lande war es jedoch Sitte, dass die Namen von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbten, und da nun in der Familie des Zacharias kein einziger war, der Johannes hieß, verwunderten sich die Leute sehr und fragten Zacharias selbst, wie das Kind heißen solle.

 

Zacharias verlangte sein Täfelchen und schrieb:

 

"Johannes."

 

Alle, die zugegen waren, verwunderten sich.

 

Da geschah es, dass Zacharias, der bis zur Stunde stumm gewesen war, die Zunge wieder gelöst wurde, und dass er anhub, Gott laut zu loben und zu preisen.

 

"Gepriesen sei der Herr," rief Zacharias, "der Gott Israels,

denn er hat sein Volk heimgesucht

und es erlöst von seinen Sünden.

Ein Horn des Heils hat er aufgerichtet in dem Haus Davids, seines Knechtes,

wie er es durch den Mund seiner Propheten verheißen hat von alters her,

uns zu erlösen von den Feinden

und aus der Hand aller, die uns hassen.

Barmherzigkeit wollte er uns an unseren Vätern beweisen

und seines heiligen Bundes eingedenk sein

und jenes Eides,

den er Abraham geschworen hat,

uns zu erlösen aus der Hand unserer Feinde.

Furchtlos wollen wir ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit

vor seinem Angesicht unser Leben lang.

Und du, Kind, wirst ein Prophet des Allerhöchsten genannt werden.

Du wirst hergehen vor dem Angesicht des Herrn,

wirst ihm seinen Weg bereiten,

wirst dem Volk die Erkenntnis des Heiles mitteilen

zur Vergebung seiner Sünden durch das innige Erbarmen seines Gottes,

damit unsere Füße auf den Weg des Friedens gebracht werden."

 

Die zugegen waren und dies hörten, wunderten sich sehr. Sie sprachen untereinander: "Was wird wohl aus diesem Kind werden? Die Hand des Allmächtigen ist sichtbar mit ihm!"

 

Das Kind wuchs, es wurde stark im Geist. Nach einer Weile wurde es in die Wüste verbracht und blieb dort bis zu dem Tag, da es vor Israel auftrat.

 

*       *       *

 

Indessen war auch zu Josef eine Nachricht von der Geburt des Kindes Johannes und der Heimkehr seiner bräutlichen Frau Maria gekommen. Er eilte ihr entgegen bis zur Stadt Dothan und traf sie Dort im Haus des Freundes seines Vaters.

 

Des anderen Tages, als sie auf der Reise einsam und allein über Land zogen, bemerkte Josef an der Gestalt seiner Frau, dass sie gesegneten Leibes war. Da erschrak er tief in seinem Herzen, denn er wusste nicht, wie solches geschehen konnte. Maria hatte ihm bis zur Stunde von dem Geheimnis jener Nacht nicht gesprochen, in der der Engel ihr die Botschaft gebracht und die Kraft des Allerhöchsten sich auf sie niedergesenkt hatte. Als er sie nun so gesegneten Leibes sah und ihre Heiligkeit kannte und seines eigenen heiligen Versprechens gedachte, das sie sich von ihm erbeten hatte: dass sie auch als seine Frau reine Magd und Braut des Allerhöchsten sein dürfe, - da erwachten in ihm Zweifel und Sorgen über alle Maßen.

 

Maria sah seinen verwirrten Blick und wusste, was ihn in seiner Seele ängstigte. Da sie sich aber scheute, das, was Gott ihr geoffenbart hatte, ihm zu sagen, versank auch sie in Gedanken und schritt still neben ihm her. Er sah, wie sie selbst in Trauer versank, und wurde nur verwirrter an ihrer Stummheit und an ihrer Trauer.

 

So kamen sie nach Nazareth. Vor ihrem Haus verweilte Maria und bat Josef, dass sie bei befreundeten Bekannten, die sie in der Stadt hatte, etliche Tage zu Besuch verweilen dürfe, ehe sie in sein Haus zurückkäme. So ging Maria in das Haus der fremden Anverwandten, derweilen Josef allein mit seinen Zweifeln und Sorgen und Ängsten in ihrem Haus wohnte. 

 

Nach drei Tagen sandte Maria einen Boten zu Josef, dass sie des anderen Tages zu ihm in das Haus zurückkehren werde.

 

In dieser Nacht wurde seine Not so groß, dass er beschloss, Maria zu verlassen und vor Anbruch des Tages heimlich zu entfliehen.

 

Unruhig lag er in seiner Kammer und suchte vergeblich den Schlaf. Doch als er sich erheben wollte, weil der Tag begann und er aus dem Haus flüchten wollte, übermannte ihn plötzlich ein Schlummer von überirdischer Gewalt. Er fiel auf sein Lager zurück und versank in eine tiefe Ohnmacht. In dieser Ohnmacht erschien ihm ein Engel und tröstete ihn und offenbarte ihm das Geheimnis Mariens. 

 

Der Engel sprach:

"Fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen. Denn der Sohn, den sie gebären wird, wird der Sohn des Allerhöchsten genannt werden."

 

Josef erwachte und saß horchend aufrecht auf seinem Lager.

 

Da vernahm er die Stimme Mariens, der Heimgekehrten. Durch eine Wand von ihm getrennt, kniete sie in ihrer Kammer, und zum ersten Mal hörte er, wie sie drüben in der Einsamkeit auf den Knien liegend und mit ausgebreiteten Armen betete:

 

"Hoch lobpreiset meine Seele den Herrn -" 

er vernahm den Lobgesang aus Mariens Mund,

der ihm das Geheimnis ihres Lebens enthüllte,

er blieb im Haus und war ein Knecht Mariens und dem Kind.

 

*       *       *

 

Der Herbst war tief ins Land geschritten. Da zogen Boten des Kaisers umher und verkündeten eine Volkszählung und eine Steuerzahlung. Wer immer Liegenschaften und Ländereien besaß, wurde am Ort dieser Ländereien und Liegenschaften gezählt und besteuert. Die Vielen aber, die kein eigenes Land hatten, mussten in die Stadt ihrer Geburt reisen, sich dort in eine Liste eintragen zu lassen und das Steuergeld zu hinterlegen.

 

In jenen Wochen bereitete Mutter Anna in ihrem Haus, das etwa eine Stunde weit von Nazareth im Tal Zabulon lag, alles für die Niederkunft ihrer Tochter vor. Sie stickten Teppiche und Binden und Tücher allerlei Art. Mutter Anna ging immer geschäftig im Hause um, Wolle und Garn herbeizuschaffen, es den Mägden auszuteilen und ihre Arbeiten zu bestimmen. Auch Maria war viel im Haus ihrer Mutter Anna zu Gast und bei diesen Vorbereitungen anwesend, wie an sich, solange Mutter Anna lebte, Maria und Josef keinen eigenen Haushalt führten, sondern alles Nötige aus dem Haus der Mutter Anna erhielten. Wenn Maria im Haus ihrer Mutter weilte, dann war eine Magd im Hause Josefs und sorgte für ihn.

 

Josef selbst strebte seit langem danach, Nazareth zu verlassen und nach Betlehem zu ziehen. Es schien günstiger, in Betlehem sich ein Haus zu bauen und dort Arbeit zu suchen, als in Nazareth zu bleiben. So reiste er denn in jenen Tagen nach Betlehem. Er erkundigte sich dort nach Steinen und Bauholz; auch wollte er erfragen, wie es mit der Einschreibung für die Volkszählung und die Steuerzahlung für ihn bestimmt sei; er schrieb sich selbst aber noch nicht in die Steuerliste ein. Erst wollte er die Niederkunft Mariens abwarten und nach Mariä Reinigung mit Maria selbst zum Tempel nach Jerusalem kommen und dann mit Maria nach Betlehem reisen, um sich dort niederzulassen.

 

Maria wusste wohl, dass ihr Kind in Betlehem geboren werde. Sie hatte im Tempel von ihren Lehrerinnen heilige Schriften erhalten und in ihnen nach allem gesucht, was auf die Herabkunft des Erlösers Bezug hatte. Im Tempel schon hatte sie dies alles getan, nur aus dem heiligen Verlangen nach der Herabkunft des Ersehnten und weil sie sich wünschte, durch ihr Beten nur um ein kleines Teil beizutragen, dass die Zeit der Bestimmung komme. Seit sie aber wusste, dass auf ihr selbst die Bestimmung lag, Mutter des Herrn zu werden, hatte sie mit den Augen dieser gottestrunkenen Erwählung die Heilige Schrift nach allem Geheimnis und in allen Stellen durchsucht, die auf die Herabkunft des Herrn Bezug nahmen. So hatte sie erfahren, dass Betlehem der Ort sei, an dem der Christ geboren werde. Und obwohl sie all die Anstalten sah, die ihre Mutter für das Kommen des Kindes machte, sprach Maria doch kein Wort und ließ alles geschehen, denn sie glaubte, dass Gott alles fügen werde, wie es in den Prophezeiungen stünde.

 

Als Josef nun seine Geschäfte in Betlehem verrichtet hatte, eilte er nach Hause; er reiste Tag und Nacht und war um die Mitternacht etwa sechs Stunden von Nazareth entfernt auf dem Feld Chimki. 

 

Da erschien ihm in dieser Nacht auf dem Feld ein Engel und mahnte ihn, mit Maria sogleich nach Betlehem zu ziehen. Der Engel trug ihm alles auf, was er zu dieser Reise mitnehmen solle: nur weniges und geringes Gerät, das Notdürftigste und nichts von all dem Reichen, was Mutter Anna vorbereitet hatte. Nur solle er außer dem Reittier für Maria eine einjährige Eselin mitnehmen, welche noch nicht geworfen habe. Diese Eselin solle er frei laufen lassen; er solle nur dem Weg folgen, den sie einschlagen werde. Als der Engel Josef dies eröffnet hatte, entschwand er, und Josef stand allein in unendlicher Nacht. Er eilte voran, nach Hause zu kommen. 

 

Am Tag zuvor hatte Mutter Anna schon viel, was sie für die Niederkunft vorbereitet hatte, von ihrem Haus im Tal Zabulon hinüber nach dem Haus Mariens in Nazareth bringen lassen. Dann war sie selbst mit Maria in das Haus gekommen, da sie wusste, dass Josef in dieser Nacht heimkehren müsse.

 

Josef kam gegen Morgen und tat den heiligen Frauen kund, was ihm durch den Engel geoffenbart worden war. Da kehrten sie sogleich in Annas Wohnhaus zurück, und Anna rüstete den Aufbruch, so wie der Engel es Josef bestimmt hatte. Sie wählten eine Eselin für Maria aus, dann eine zweite für Mutter Anna selbst. Josef schritt voran und führte das Maultier Mariens, und so zogen sie südwärts bis zum Feld Chimki, auf dem der Engel in der Nacht zuvor Josef erschienen war. Hier besaß Mutter Anna ein Weidefeld und große Herden, und hier wählten sie erst die einjährige Eselin aus, die nach der Bestimmung des Engels Josef den Weg zeigen sollte. Dann nahmen Mutter Anna und Maria Kleophä, die mitgekommen war, Abschied von den heiligen Reisenden, und Mutter Anna ritt auf ihrem Tier mit den Knechten zurück.

 

Maria und Josef zogen weiter südwärts gegen das Gebirge Gilboa. Die junge Eselin vom Feld Chimki lief ihnen voraus. Spielend lief sie einmal zur Rechten und einmal zur Linken oder auch hinter den heiligen Reisenden drein. Nur wenn eine Wegkreuzung kam, eilte sie herbei und schritt den heiligen Reisenden voran.

 

Sie mieden die Städte und zogen einsame Wege. So erreichten sie auf einem Berg nicht weit von der Stadt Ginim gegen Samaria ein hochgelegenes Gut, das gehörte einem Freund ihrer Familie mit Namen Lazarus. Der Verwalter des Hauses und dessen Frau begrüßten Maria und Josef aufs freundlichste und wunderten sich sehr, dass sie bei diesem Zustand Mariens die schwere Reise unternehmen wollten. Sie schüttelten die Köpfe, schwiegen aber aus Ehrfurcht, da sie die Geheimnisse der Reise nicht zu erraten vermochten.

 

Des anderen Tages, schon am frühen Morgen, reisten sie durch ein Tal, in dem die Kälte an den Hängen stand. Es hatte gereift. Maria fiel die Sorge an, dass die Kälte ihr und dem Kind schaden könne. Es war noch ganz nächtlich rundum. Da bat Maria Josef, nach einem Ort Ausschau zu halten, an dem sie rasten könnten.

 

Kaum hatte sie diesen Wunsch ausgesprochen, kam die Eselin herbeigelaufen und führte sie zu einem Terebinthenbaum. Josef breitete Decken für einen Sitz der heiligen Jungfrau auf den Boden aus und half ihr vom Reittier. Dann nahm er eine Lampe, zündete das Licht an und hängte das Licht in die Zweige des Baumes.

 

Die heilige Jungfrau

 

(Aus: "Die Erdenpilgerschaft der heiligen Jungfrau und Gottesmutter nach Gesichten heiliger Frauen")