Aus den Tagen des Kindleins von Bethlehem

 

(Eine Legende)

 

In Bethlehem war es. An der Wiege ihres Einzigen saß eine junge Frau, das Gepräge der schönen Bethlehemitin mit den tiefen, großen Augen und dem ernsten, sanften Ausdruck auf den Edlen Zügen. Verklärt durch einen hohen, erhabenen Gedanken schien das schöne Antlitz, als sie nun ihr Kind betrachtete, ein wunderliebliches Knäblein von wenig über einem Jahr.

 

Friedlich schlummerte das Kleine. Die Mutter aber faltete die Hände und das Auge zum Nachthimmel erhebend, flüsterte sie leise: „O lass ihn gut und fromm werden, Gott, einen wahren Israeliten, wie Eleazar, sein seliger Vater, war. Und höre, o erhöre das Flehen einer Mutter – gib, dass er ein Diener des Messias werde!“

 

Die schöne Ruth war eine der gottesfürchtigsten Frauen jener Zeit. In der Tempelschule zu Jerusalem hatte sie ihre Erziehung genossen und von all den Jungfrauen, die dort dem Herrn dienten, war nur eine besser und frömmer gewesen als sie – Maria, Annas und Joachims Tochter. Und zu dieser wunderbar heiligen Gefährtin hatte Ruth immer mit hoher Verehrung und inniger Liebe aufgeschaut. Fast gleichalterig mit der reinsten Jungfrau, hatte sie viel mit derselben arbeiten und beten dürfen; und wenn auch Maria still und zurückgezogen lebte und gar wenig sprach, so war doch ihr Beispiel allein schon eine stumme Predigt für die junge Ruth.

 

Einen Gegenstand aber gab es, über den die beiden Tempelschülerinnen manchmal redeten und er ihre jungen Herzen erglühen ließ in Liebe und Seligkeit: es war die herannahende Geburt des Messias. Sie beide wussten, dass die Zeiten erfüllt seien, dass der Gesandte des Herrn kommen müsse. Und welches Glück, welche Seligkeit, Ihm dann dienen zu dürfen und als seine geringste Magd!

 

Maria war Josef, dem Zimmermann aus Nazareth, vermählt worden und wenige Wochen später folgte Ruth dem frommen Eleazar aus dem Stamm Levi, einem Diener des Allerhöchsten an der Synagoge zu Bethlehem.

 

Gleiches Denken, gleiches Streben hatte die jungen Gatten vereint. In Frömmigkeit und Gottesfurcht dienten sie dem Allerhöchsten und ihr einziges Beten war, die Zeit zu erleben, in welcher der Messias geboren würde.

 

Und als Gott die Ehe des frommen Paares mit einem Söhnlein segnete, da gelobten die beiden sich, noch treuer die Gebote des Herrn zu halten und ihr Kind zu einem heiligen Diener des Allerhöchsten zu erziehen.

 

Fern von Bethlehem war der kleine Eliud geboren. Die Volkszählung unter Kaiser Augustus hatte das Ehepaar nach Mathanea geführt, das Eleazars Heimat war. Dort wurde der Kleine geboren und dort wollte Ruth auch bei ihren Schwiegereltern bleiben, bis Eliud ein paar Monate alt geworden wäre. Und dann erkrankte Eleazar an einer bösen, schleichenden Krankheit, die ihn lange, bange Wochen und Monate ans Lager fesselte, bis er endlich erlöst wurde durch einen sanften, gottseligen Tod.

 

Ruths Schwiegereltern wollten die junge Witwe bei sich zurückhalten, aber sie ließ sich nicht überreden. In den heiligen Schriften hatte sie gelesen, dass der Messias geboren werden solle in Bethlehem, der Stadt Davids, und deshalb wollte sie dort ihr Kind erziehen, damit es bereit sei und zur Stelle, wenn der Gottessohn zur Welt käme.

 

Als Ruth nach Bethlehem zurückkehrte, beschloss sie, das Leben einer ehrbaren, frommen, jüdischen Witwe zu führen. Gott und ihr Kind – sonst sollte es nichts mehr für sie geben auf der weiten Welt!

 

Durch fromme Hirtenfrauen, die in ihrem Hause Dienste taten, wurde Ruth Kunde von all dem Wunderbaren, das während ihrer Abwesenheit sich in Bethlehem ereignet hatte. Sie hörte von der Erscheinung der Engel und dem hochheiligen Kind, das die Hirten im Stall zu Bethlehem gefunden haben. Sie vernahm, wie die heilige Familie monatelang den dürftigen Stall bewohnt und mit den armen Hirten verkehrt habe. Sie erfuhr von den fremden Königen, die ein wunderbarer Stern zur Krippe geführt, und von der Huldigung, die sie dem Gotteskind erwiesen.

 

„Sie alle hielten es für den Messias,“ sagten die Frauen, „aber die reichen Bethlehemiten wollten nichts von Ihm wissen“.

 

Ruths Herz schlug höher. War es wirklich der Messias, der geboren wurde, während sie abwesend war? Und wo weilte er jetzt?

 

Niemand wisse es, sagten die Frauen. Kurz nachdem die fremden Könige abgereist waren, sei die heilige Familie eines Morgens verschwunden gewesen. Kaum vierzehn Tage seien es her.

 

„Kaum vierzehn Tage!“ seufzte Ruth. Warum konnte sie damals nicht zurück sein! Aber vielleicht kam es wieder, das Gotteskind, und blieb dann in Bethlehem. –

 

Und Tag und Nacht kannte die fromme Jüdin nur ein Sehnen, ein Beten.

 

-

 

„König Herodes befiehlt allen Müttern, ihre Knäblein bis zu zwei Jahren in den Vorhof des Richthauses zu Bethlehem zu bringen, wo ihnen ein besonderer Gnadenerweis des Königs zuteilwerden soll!“

 

Wie ein Lauffeuer durcheilte die seltsame Kunde ganz Bethlehem, überall Befremden und freudiges Staunen erweckend. Es war ein Akt der Gnade, dessen man sich von Herodes nicht versehen hätte.

 

Von überall her strömten die Mütter zusammen. Keine wollte die günstige Gelegenheit versäumen, ihren Liebling einer königlichen Gunstbezeigung teilhaft zu machen und alles drängte sich zu dem Richthaus.

 

Ruth allein hatte wenig Freude an dem Befehl. Reich mit Glücksgütern gesegnet, brauchte sie nicht die Gnade des Königs, um ihrem Kind zeitliche Vorteile zu verschaffen. Zudem war ihr Herodes als ein gottloser Wüterich bekannt und sie wollte schon deshalb nichts aus seiner Hand empfangen. Endlich hütete sie ihr Kindlein ängstlich wie einen Schatz und brachte es nur ungern unter so viele andere Kinder.

 

Aber der König befahl und so hieß es gehorchen.

 

Im Hof warteten die Frauen mit ihren Kleinen. Die wachehaltenden Soldaten hatten das Tor geschlossen und scherzten mit den Kindern, dabei von Zeit zu Zeit nach einem Gang blickend.

 

Plötzlich ertönten von dort feste, taktmäßige Schritte und zum Entsetzen der versammelten Frauen zog eine Rotte Soldaten mit gezückten Schwertern auf. Ein Zeichen ihres Anführers – und sie alle stürzten sich auf die Frauen, entrissen ihnen ihre Kinder und durchbohrten sie vor den Augen der schreckensstarren Mütter.

 

Eine furchtbare Szene war es. Die Frauen suchten ihre Kleinen zu schützen, sie mit dem eigenen Leib zu decken, sie mit Gewalt den Wütenden zu entreißen. Schauerlich tönte ihr Weinen und Schreien, herzzerreißend ihr Bitten und Flehen, das sich mit dem Wimmern und Klagen der armen Kleinen vermischte.

 

Alles war umsonst. An Flucht konnte nicht gedacht werden, denn die Tore waren verrammelt. Die schwachen Frauen unterlagen bald den rohen Soldaten und die kleinen Leichen bedeckten den Boden, der von ihrem unschuldigen Blut gerötet war.

 

Ruth war am Eingang stehen geblieben. Dennoch war ihr Kind das erste, das ein mordgieriger Soldat ergriffen hatte. Sie hatte um Eliuds Rettung gekämpft, wie eine Löwin kämpft für ihr Junges. Aber schließlich hatte sie dem Soldaten weichen müssen, der ihren Liebling durchbohrte. Ein einziges Mal noch schlug der Knabe die schönen Sternenaugen zur Mutter auf. Ein wunderbarer Glanz leuchtete darin. Es war, als ob das kleine Kind etwas Erhabenes, Geheimnisvolles sähe. Dann lächelte es selig und verschied.

 

Erschauernd in Schmerz und Ehrfurcht, die sie beim Todesblick ihres scheidenden Lieblings überkam, schloss Ruth die kleine Leiche in die Arme und schickte sich an, sie heimzutragen. Aber nicht einmal der Trost sollte den armen Müttern bleiben, dass sie ihre Kindlein selbst bestatten durften. Die Soldaten entrissen die kleinen Leichen den Armen der weinenden Mütter und warfen sie alle auf einen Haufen, dann stießen sie mit brutaler Gewalt die wehklagenden Frauen zum Hof hinaus.

 

Allzu viel der Grausamkeit schien dies zu sein, und doch lag es so im Plan Gottes. Wie wären sonst die Reliquien der unschuldigen Kindlein, dieser Erstlingsmärtyrer der Kirche, erhalten geblieben?

 

Abend war es und in ihrem einsamen Zimmer saß, aufgelöst in Schmerz, die unglückliche Ruth. Sie haderte nicht mit Gott, wie so viele der armen Mütter. Sie schrie nicht und raufte sich nicht die Haare, wie so manche andere der Frauen. Ihr Schmerz war heilig und ergeben und suchte in heißem Gebet Hilfe von oben, aber er war deshalb nicht weniger tief und brennend.

 

Mirjam, ihre Dienerin, hatte sie ebenfalls verlassen. Sie teilte den Schmerz ihrer Herrin um den verlorenen, kleinen Knaben, der aller Liebling war. Außerdem aber weinte sie um ihren Brudersohn, das Kindlein eines der Hirten, die einst die Engelsbotschaft vernahmen.

 

„Sonderbar ist die Kunde, die man überall hört“, hatte die treue Dienerin gesagt. „Man erzählt sich, König Herodes habe das Knäblein gesucht, das unlängst die fremden Könige begrüßten. Er habe Angst, das Kind sei selbst ein Fürst, der ihn von seinem Thron stürzen werde, und habe es deshalb töten wollen. Und um den Gesuchten sicher zu finden, habe er den Befehl erteilt, alle Knäblein Bethlehems bis zu zwei Jahren dahinzumorden.

 

Und so ist der unseren Kindern zur Ursache des Todes geworden, den wir als den Messias begrüßten“, hatte traurig die treue Dienerin geschlossen.

 

Die Worte waren scheinbar ungehört am Ohr der trauernden Mutter vorübergezogen. Aber jetzt, da sie allein war, traten sie plötzlich vor ihre Seele mit ungeahnter Macht.

 

Und wenn das Kind wirklich der Messias war? –

 

„Er ist der Messias!“ – Eine klare, helle Stimme sagte das. Erschrocken sah Ruth auf, dann sank sie sprachlos auf die Knie.

 

Vor ihr erschien, wie in lichten Wolken schwebend, von strahlender Helle umgeben, Eliud, ihr totes, teures Kind. Es trug ein glänzend weißes Gewand und seine Todeswunde war wie eine dunkelglühende Rose. Das süße Gesichtchen aber leuchtete in einer so hehren Freude, einer so erhabenen Schönheit und Seligkeit, die Sternenaugen sprachen von solch unendlicher Wonne und einem so namenlosen Glück, dass die Mutter des kleinen Heiligen erbebte in unsagbarem Jubel.

 

„Er ist der Messias – und ich würde gewürdigt, mein Leben für Ihn zu geben – freue dich, o Mutter, und danke dem Herrn!“

 

Wie eine Hymne klang das Wort ans Mutterherz, dann löste sich langsam das lichte Bild und einen Augenblick später war Ruth wieder allein.

 

Aber alle Trauer war aus der Mutterseele verschwunden. Jahrelang hatte sie gebetet, dass ihr Kind ein Diener des Messias werde – wie wunderbar, wie über alles Erwarten hatte Gott sie erhört!

 

Eliud ein Märtyrer, der erste Märtyrer für den Messias! Konnte es etwas Höheres, etwas Herrlicheres geben!

 

Und aus dem Herzen der Mutter, die an diesem Tag ihren größten Schatz, ihr ein und alles verloren, stieg in stiller Nacht eine jubelnde Lobeshymne auf zum Thron Gottes!