Zwei Bekehrungen

 

Die Bekehrung eines Marine-Offiziers

 

Herr von Camper, 71 Jahre alt, hatte eine schöne Karriere gemacht. Frühzeitig in die Marine Frankreichs eingetreten, hatte er 3 Mal die Welt umschifft und war auf seiner letzten Expedition der zweite unter Herrn von Bougainville. Später wurde er zum Kommando des Schul-Schiffes auf der Rhede von Brest, sodann zur Regierung von Französisch Guyana und endlich zu der von occidentalisch Indien berufen. Er hatte von seinen Reisen Orden, Sammlungen, Memoiren mitgebracht, nicht aber – Religion. Indessen war es höchste Zeit, sich für den Gang in die Ewigkeit vorzubereiten: schon von zwei Schlaganfällen getroffen, war er von einer dritten und letzten Krise bedroht. Der berühmte Prediger und weise Seelenführer P. Xaver von Ravignan, aus der Gesellschaft Jesu, wurde, unter dem Vorwand alter Freundschaft, in St. Germain-en-Laye bei ihm eingeführt, aber schlecht empfangen und nach einigen Worten über vierzehn Tage wieder bestellt. Er kommt nach den verabredeten vierzehn Tagen wieder, aber fünf Mal nacheinander gibt der Kranke vor, zu schlafen, sobald man den Priester anmeldet.

 

Eines Tages begegnet der Pater, der anfing zu fürchten, ohne aufzuhören zu hoffen, beim Herausgehen der Verwandten des alten Seemannes, mit der er sich in ein Gespräch einließ und sagte: „Man muss ein Ende machen, denn mit all unserem Zögern könnten wir uns wohl das Heil dieser unsterblichen Seele entschlüpfen lassen!“

 

„Was sollen wir aber tun, mein hochwürdiger Pater?“

 

„Folgendes! Hören Sie mich wohl: was mich betrifft, so werde ich morgen die heilige Messe zu Notre-Dame des Victoires (Unsere Frau vom Sieg) lesen. Das ist aber noch nicht alles, man muss mir zu Hilfe kommen. Zunächst müssen Sie die Gräfin Saisseval um den Beistand ihres Gebetes bitten, mit der sich all die lieben Waisenkinder vereinigen werden: dieses Gebet der Unschuld ist ja so mächtig bei Gott! Sodann müssen auch Sie ihren Anteil haben. Verschaffen Sie sich eine Medaille der heiligen Jungfrau Maria, und bewirken Sie, dass der Kranke sie annimmt, und dass er sie sogar trägt, denn es ist gewiss: diese Angelegenheit wird keinen guten Fortgang nehmen, bis erst die heilige Muttergottes sich darum kümmert.“

 

"Ach, mein Pater“, erwiderte die Dame, „niemals werde ich das zu tun wagen, denn Sie können sicher darauf rechnen: meine arme Medaille wird mit Protest zurückgestoßen!“

 

„Wie“, rief Ravignan erstaunt, „Ihr Mut leidet Schiffbruch noch im Hafen? Nun gut, so machen Sie denn, was Sie wollen! Was mich betrifft, so werde ich tun, wie ich gesagt habe, und morgen früh um sechs Uhr bin ich am Altar des heiligen Herzens Marias in der gesegneten Kirche von Notre-Dame-des-Victoires.“

 

Am anderen Tag – zur bestimmten Stunde – waren alle am Werk, jeder in seiner Art: P. von Ravignan brachte das heilige Messopfer in der von Maria schon so reich begnadeten Kirche dar. Die Gräfin Saisseval betete, von hundert Waisen umgeben. Und die Verwandte des Herrn von Camper , die so furchtsame Unterhändlerin, näherte sich dem Kranken und bot ihm die mit dem so passenden Namen „wunderbar“ benannte Marien-Medaille dar. Alsogleich greift dieser danach, küsst sie mit Inbrunst und hängt sie sich selbst um den Hals mit den Worten: „Sie soll mich nie mehr verlassen!“

 

Die Partie war gewonnen.

 

Dies geschah an einem Samstag, der bekanntlich dem Andenken und dem Dienst der göttlichen Gnadenmutter gewidmet ist.

 

P. von Ravignan kam am Sonntag wieder, blieb lange allein mit dem Kranken, der nun keine Lust mehr hatte zu schlafen, und, nachdem der Pater weggegangen war, rief Herr von Camper seine fromme Verwandte und sagte zu ihr: „Dieser gute Herr von Ravignan hat mich mein ganzes Leben erzählen lassen. Ich glaube wirklich, dass er mich ein wenig Beicht gehört at!“ Und in der Tat, der weise Gottesmann hatte ihn vollständig Beicht gehört, aber der alte Seemann kannte die Sache gar wenig aus Erfahrung und stellte sich dieselbe sowohl viel länger als auch mühsamer vor. Einige Augenblicke vorher hatte er noch förmlich erklärt: „er würde lieber noch einmal die Welt umschiffen, als seine Beicht ablegen.“ Die Wirklichkeit war nichts im Vergleich zur Einbildung, und der Sünder war Büßer geworden, ohne es selbst zu merken. In der Tat hatte sich kaum der Mund zum Geständnis geöffnet, als auch das Herz sich der Reue erschloss, und alsbald fand sich auch der Glaube darin ein wie zu Hause.

 

Von dieser Stunde an schien der Kranke wie verklärt. Der alte Mann zeigte die Gelehrigkeit eines Kindes, nannte den Priester „seinen besten Freund“ und Gott den „besten der Väter“, und Maria die „gütigste der Mütter“. Und mit großer Anstrengung begann er die schönen Gebete wieder zu lernen, die er einst auf dem Schoß seiner Mutter gelernt und im Weltleben längst vergessen hatte. Endlich griff er zu der Waffe des sterbenden Christen. Man brachte über dem Kopfende seines Bettes ein Kruzifix an, dessen bereits sein Vater sich bedient hatte, um gut zu sterben. Er nahm es an sich, und nichts konnte es seinen Händen entreißen. Bald hob er es über seinen Kopf empor wie eine Fahne, bald setzte er es vor sich auf das Bett, stützte seine Hand darauf, wie auf einen Anker und hatte in dieser Haltung noch den Ausdruck der Sicherheit eines Seemannes.

 

Nachdem ihm ein Priester der St. Magdalenen-Kirche die letzten Sakramente gespendet hatte, dankte der Sterbende, da er des Wortes beraubt war, noch durch Zeichen dem P. von Ravignan, der seinerseits herzlichst Maria, der „Zuflucht der Sünder“, dankte.

 

Nach hartnäckigem Widerstand erwies sich der Sieg als ein vollständiger, und der Pater erklärte: dass er in seiner Amtstätigkeit selten zuerst mehr Unruhe und zuletzt mehr Trost gefunden hätte.

 

Die Bekehrung einer Schauspielerin

 

In der priesterlichen Tätigkeit des P. von Ravignan ist auch die Bekehrung einer jungen Schauspielerin merkwürdig, deren Leben ein Wunder der Gnade war. Im Gehorsam wurde ihr aufgegeben, ihre Geschichte zu schreiben, von der hier ein kurzer Auszug folgt. Beim Lesen desselben wird man begreifen, dass ein so aufrichtiges und edles Herz gänzlich dazu gemacht war, Jesus und Maria zu lieben.

 

Die Erzählung der Bekehrten lautet:

 

„Meine Mutter war sehr unglücklich verheiratet und wurde, da sie vierzig Jahre zählte, von ihrem Mann verlassen, nachdem er ihr ganzes Vermögen durchgebracht hatte. So befand sie sich in Paris ganz allein, ohne Geld, ohne Freunde, ohne Anstellung. Dazu kam, dass sie gerade unglücklicherweise – um dieselbe Zeit mich gebar, und ich so ihr Elend noch vermehren musste.

 

Meine arme Mutter hatte zwar nicht jene starke Frömmigkeit, die alle Unglücksfälle, die Gott uns schickt, ertragen lehrt, aber doch ein lebendiges Vertrauen auf die heilige Jungfrau Maria. Schon seit meiner frühesten Kindheit ließ sie mich das kleine Gebet sprechen, das ich noch in keinem Buch gefunden habe: „Mein Gott, ich übergebe dir meinen Leib, meinen Geist, mein Herz, mein Leben, ich übergebe mich dir gänzlich! Gib mir die Gnade, eher zu sterben, als dich schwer zu beleidigen! Amen.“

 

Ungefähr fünf Jahre alt, ging ich gar oft mit einer alten Frau zu der Feier der heiligen Messe, und einmal besonders auch zu einem heiligen Grab, um Jesus daselbst anzubeten. Ich kam nach Hause zurück, krank darüber, dass ich unseren Herrn für uns gestorben gesehen habe, und weinte. Meine Mutter zürnte der alten Frau, dass sie mein Gefühl so sehr aufgeregt habe, und wollte sogar, dass ich durchaus nicht mehr in die Kirche zurückkehren sollte. Ich war sehr stolz darauf, „Maria“ zu heißen. Man gab mir jedoch zu Hause den Namen Josephine; wenn man mich aber frug, wie ich hieße, antwortete ich ungesäumt: „Maria! Ich habe den Namen der heiligen Jungfrau!“

 

Meine Mutter tat mich im Alter von sechs Jahren aufs Theater, um tanzen zu lernen. Man bat sie dann, mich spielen zu lassen, und sie ließ sich bereden. Ich spielte also und erzielte einen großen Erfolg.

 

Indessen hörte ich die kleinen Mädchen von der ersten Kommunion reden, meine Mutter aber sprach nichts davon. Ich wollte sie durchaus auch empfangen, allein kein Priester wollte mich zulassen, weil ich dem Theater angehörte, so dass ich zu meiner Mutter sagte: „Ach, in der römischen Kirche will man mich nicht! Nun gut, ich werde mich darüber trösten und in die französische Kirche (eine damals zu Paris bestehende Sekte) gehen!“ Ich suchte den Gründer der Kirche auf, Herrn Châtel, erzählte ihm meine Lage, und er empfing mich sehr freundlich. Darüber war ich entzückt. „Ich werde also nun meine erste Kommunion verrichten!“ bemerkte ich. Offen gestanden wusste ich aber gar nicht, was das wäre; aber das ließ mich gleichgültig, ich fühlte mich nun einmal glücklich in diesem Gedanken.

 

Châtel taufte ein Kind in meiner Gegenwart, indem er sprach: „Ich taufe dich im Namen Gottes und des Gesetzgebers Christus.“ Als wir in die Sakristei zurückgekehrt waren, fragte ich ihn: „Was ist das, ein Gesetzgeber?“ Er erklärte es mir. „Aber glauben Sie denn nicht, dass Christus Gott ist?“

 

Er erwiderte: „Ich hatte das Unglück, in eine Erziehungs-Anstalt zu kommen, mein Fräulein, und dort habe ich gelernt, dass Eins und Eins Zwei macht, und noch Eins Drei!“

 

„Aber Maria, nicht wahr, Sie glauben, dass sie Jungfrau ist?“

 

„Nein!“

 

Damit hatte ich genug, ich ging weg und sagte mit schwerem Herzen zu meiner Mutter: „Wohlan, Gott will mich nicht! Aber ich will auch nicht aus der Hand eines Menschen kommunizieren, der aus Jesus einen Gesetzgeber und aus Maria eine gewöhnliche Frau macht!“

 

Ich betete immer. Ich arbeitete unaufhörlich. Außerhalb des Theaters verfertigte ich kleine Arbeiten mit der Nadel und verkaufte sie. Ich war von Lastern umgeben, selbst bei den Frauen, die ich am meisten liebte; ich bedauerte sie. Meine Mutter hatte mir Grundsätze eingeprägt, die das gräulichste Elend nicht zu zerstören vermochte. Ich war schlecht gekleidet und aß Kartoffeln, aber ich war glücklich bei meiner Mutter. Ich sprach zu mir selbst: „Gott sieht mich, und er, er findet mich schön in meinem hässlichen Hut, er spottet nicht über die arme Maria.“ Denn man verspottete mich, man sagte mir: „Wenn Sie wollten, könnten Sie Cachemir tragen!“

 

„Ja wohl“, entgegnete ich; „allein ich würde meine Mutter bald dadurch ins Grab bringen!“

 

Ich war eine der ersten auf den Brettern des Theaters und in Folge dessen sehr bewundert. Wenn ich Ihnen dies mitteile, so geschieht es deshalb, damit Sie recht den hohen Schutz erkennen, den Maria, meine himmlische Patronin, mir inmitten dieses Abgrundes zuteilwerden ließ.“

 

Meine Mutter wurde krank, und ich war genötigt, die Nächte bei ihr zu wachen, da ich über keinen Dienstboten verfügte. Ich spielte, hatte während des Tages Probe und musste zum Lernen meiner Rollen die Nacht verwenden, und zwar am Bett meiner Mutter. Und hier zeigte mir Gott seine Huld und Nachsicht. Ich empfing sehr wenig Gehalt, obgleich ich als die Erste galt. Und trotz alledem, und obgleich meine arme Mutter vier und einen halben Monat zu Bette lag und während dieser Zeit viel Geld verbrauchte, was ich nicht besaß, habe ich keine Schulden gemacht und mich mit Ehren herausgezogen. Allein gewiss musste ich krank werden vor Müdigkeit und Kummer? Durchaus nicht, denn ich flehte zu Gott, und Gott hilft denen, die von ganzem Herzen beten!

 

Als ich die letzte Nacht bei meiner Mutter zubrachte, begriff ich nicht, dass dies der Todeskampf sei. Genug, ihr letztes Wort war: „Maria, ich liebe dich!“ und sie hauchte den letzten Seufzer aus.

 

O welche Nacht! Keinen einzigen Augenblick meines ganzen Lebens hatte ich meine Mutter verlassen, und nun stand ich da mit zwanzig Jahren, allein, ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Vermögen, ohne Gott, denn ich besaß ihn noch nicht! Ich schwur meiner Mutter auf diesen entseelten Leib, der mich geboren hat, auf diese Hand, die mich gesegnet hat, dass ich immer ihrer würdig bleiben wolle. Man suchte mich von meiner Mutter zu entfernen, „nein“, sagte ich, „erst am Grab werde ich sie verlassen!“ Ich hatte den Mut, sie zu beerdigen. Endlich wurde sie mir genommen, doch nicht für immer. Eines Tages werde ich sie ja wiedersehen! Tagtäglich ging ich auf den Kirchhof Montmartre, und wenn ich dann zurückkam, warf ich mich mitten in meinem Zimmer auf die Knie. Ich hatte das Portrait meiner Mutter dann gerade vor mir. Ich besaß auch ein Kruzifix, das auf ihrer Leiche gelegen hatte. Ich küsste diesen Christus, ich küsste das Portrait, und mein Leben verfloss zwischen diesen beiden Bildern.

 

Sie begreifen vielleicht nicht eine so große Liebe für ein Geschöpf, Sie, mein Pater, der Sie gänzlich in Gott sind, allein ich hatte mich gewöhnt, meine Mutter wie ein übernatürliches Wesen zu betrachten.

 

Meine Gefährtinnen brachten mir 155 Francs; man kannte mein Elend, ich machte keinen Hehl daraus und vermochte darüber nicht zu erröten.

 

Wiederholt war ich zur Ehe begehrt worden; ich fragte dabei nicht mein Herz um Rat, sondern Gott und Maria, Christus und das Portrait. An dem Tag, an welchem ich mich verheiratete, war ich sicher, Gott und Maria und meiner Mutter wohlzugefallen.

 

Endlich hörte ich Sie, mein Pater; Sie brachten Licht in die verworrenen Ideen meines Kopfes. Aber noch immer war ich sehr unwissend in Dingen der Religion. Doch hänge ich mit Liebe an Jesus und Maria. – Warum? Wie? – Davon weiß ich nichts, ich liebe sie, damit genug!

 

Nun erst begriff ich meine Lage. „Heilige Jungfrau Maria“, sagte ich damals, „das Theater ohne dich, oder dich ohne das Theater! – O, meine Wahl ist getroffen! – Aber um zu dir zu kommen, o Maria, was muss ich da tun?“ – Am Weißen Sonntag, mein Pater, sah ich Sie mehr in der Nähe; ich hatte mich an den Fuß der Kanzel gestellt. – „Ich will an Herrn von Ravignan schreiben“, sprach ich; „es ist unmöglich, dass er nicht jene Gnade vom Erzbischof erlangte; ich muss kommunizieren!“ – Ich schrieb Ihnen demnach, mein Pater. Das übrige wissen Sie; doch was Sie nicht wissen, das ist, dass mein Geist nicht mehr derselbe ist, ebensowenig mein Herz: die frommen Frauen, welche mich Sie kennen lehrten, haben mein ganzes Wesen umgeändert.

 

O Dank, mein Gott! Dank, mein hochwürdiger Pater! Ihr Eifer hat alles bewirkt. Ich habe kommuniziert, das will sagen: ich bin die Glücklichste der Frauen, und ich war dabei umgeben von den Damen von Gontaut Levavasseur und von Auberville. Ach, auch einst schon glaubte ich Gott zu lieben; aber nein, Er war es, der mich liebte! Ich liebte auch Maria, allein nicht mit jener heiligen Liebe, welche sie für uns hat. Ich weiß nicht, was Gott mir vorbehalten hat; will er mich aber glücklich machen, so kann er mir jedes Wehe schicken, welches er will; ich werde mich bestreben, alles mit meinem gänzlich ihm angehörenden Herzen zu ertragen. Wenn Gott mir diesen Glauben bewahrt, den er mir verliehen hat, so vermag ich alles für ihn. Erst jetzt begreife ich die Martyrer.

 

Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Pater, für die Länge meines Berichtes; ich bin jedoch in der Kunst des Schreibens nicht sehr geübt. Nur um Ihnen zu gehorchen, gab ich diese Einzelheiten. Wenn ich von meiner Mutter rede, kann ich ja kein Ende finden.

 

Meine erste Handlung beim Verlassen des Theaters war der Empfang der heiligen Kommunion. Gebe Gott, dass ich beim Verlassen dieses Lebens wieder an seinem heiligen Tisch knie! Für Gott, für Jesus, für Maria, für jene Frauen, für Sie, mein Pater, sei mein ganzes Leben! – Maria.“

 

So hat Gott der Erlöser überall seine Auserwählten, und der gute Wille zieht, durch das Vertrauen auf die Fürsprache und Hilfe Marias, den Segen der Gnade herab.

 

Die junge Schauspielerin war selbst auf dem Theater ein Engel gewesen, durch die Reinheit ihrer Unschuld und durch ihre kindliche Liebe; sie blieb getreu, - wie hätten Gott und Maria es da nicht bleiben sollen?

 

P. von Ravignan, dieser echte Sohn Marias, fand stets Mittel und Wege, einer Seele beizustehen; und um dies zu können, würde er mit einem Eifer, dem nur seine Klugheit gleich kam, die ganze Welt in Bewegung gesetzt haben, ohne etwas dabei preiszugeben oder zu schonen

 

Zunächst vertraute er die junge Frau einigen frommen und ergebenen Personen an, die er immer bereit wusste, seinem apostolischen Ruf zu folgen. Sodann kam er beim Erzbischof um die Erlaubnis ein, sie zur heiligen Kommunion führen zu dürfen, wenigstens in einer Privatkapelle, da damals in Frankreich die Meinung noch ziemlich verbreitet war, dass die dramatischen Künstler exkommuniziert seien. Diese Meinung teilte er nicht, er erhielt auch die so sehr gewünschte Erlaubnis. Trotzdem befahl er der Schauspielerin gar bald, mit dem Theater zu brechen und fortan vom Kapital der göttlichen Vorsehung zu leben. Er selbst versah sie, wie ein Vater, eine Zeit lang mit allem nötigen und zwar mit ebenso viel Zartheit als Edelmut.

 

Nach zehn Jahren der Prüfung, als Maria bereits Familienmutter geworden war, schrieb sie an P. von Ravignan, um ihm für seine Hilfe zu danken, deren sie nun, wie sie bemerkte, nicht mehr bedürfe, und fügte die Worte bei:

 

„O, mein Pater, was für Freuden seit sechs Jahren! Was für Elend! Was für Krankheiten! Aber Gott und Maria weilten in dem Grund meines Herzens. Was für ungekannte Freuden! Und Sie sind es, denen ich dieselben verdanke.

 

Ach, wie beklage ich diejenigen, welche niemals an Gott denken! In der Liebe, die er uns einflößt, finden wir alles, was wir hienieden nötig haben. Dieses Leben der Seele besitzt Reize, von denen man in der Welt nichts ahnt!

 

Beten Sie, mein hochwürdiger Pater, damit meine Seele stets diesem Gott der Barmherzigkeit anhange, der sich – durch die Fürbitten der allerseligsten Jungfrau Maria – gewürdigt hat, mich in meiner Niedrigkeit aufzusuchen. Ach, wie hat mein vergangenes Leben mich aufgeklärt über die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen! Auch will ich nun kein anderes Wort für mein Herz als dieses: „Liebe für Jesus und Maria in Freude, in Traurigkeit, in Reichtum! – Liebe, ja nur Liebe für Jesus und Maria!“

 

Wenn ich Ihnen all diese Geheimnisse meiner Seele mitteile, so geschieht es darum, damit Sie sehen, was alles Ihre Liebe für mich gewirkt hat.

 

Ich bin glücklich, mein Pater, glücklich im Geist, glücklich über jenes Glück, welches die Welt uns weder geben noch nehmen kann; ich bin glücklich, weil ich glaube, dass ich Jesus und Maria gänzlich angehöre!“

 

Diese wahrhaft seraphische Seele verzehrte sich rasch in einem schmerzhaften Martyrium, zu dem die Betrachtung des gekreuzigten Jesus und seiner schmerzhaften Mutter und die nahen Hoffnungen des Himmels ihr innigste Liebe einflößten.

 

In ihrem Testament befindet sich eine Klausel, worin sie ihre Kinder zu Erben ihrer Dankbarkeit einsetzt. Sie sagt: „Ich verlange, dass ihr eine große Verehrung für den P. von Ravignan hegt. Wenn ich im Schoß der Kirche sterbe, so ist er es, seine Liebe, welcher ich dies verdanke. Vergesst ihn nicht in euren Gebeten!“

 

(Aus: Leben des P. Xaver von Ravignan von P. A. von Ponlevoy)