Die Stiftung der Erzbruderschaft zum unbefleckten Herzen Marias

 

„Wohin gehen wir?“ lautet der Titel einer Schrift des trefflichen Dr. J. Gaume, Generalvikar der Diözese Nevers, der sich wie wenige auf die Diagnose der Krankheit des französischen Volkes versteht und den Schleier hinweggenommen hat von der tiefen Todeswunde, an der das Geschlecht hinsiecht, welche die Schönredner und Männer klingender Phrasen und lustiger Theorien immer wieder bedecken möchten, dessen Schriften, wie die Worte der Cassandra, seinem unglücklichen Volk eine verhängnisvolle Zukunft weissagen und immer auf den Abgrund hindeuten, der zu unsern Füßen gähnt. Aber wer kann helfen?

 

Gott allein! Gott allein und seine Gnade können wieder Licht hineinbringen und diese chaotische Verwirrung der Geister – in unsern Tagen, und den zündenden Lebensfunken legen in diese erstorbenen vermoderten Herzen. Man hat auf das Heer hingewiesen; der Donner der Kanonen soll die „brennenden“ Fragen der Zeit endgültig entscheiden und der Säbel eines Diktators die blutgierige Hyäne der Revolution in gehöriger Botmäßigkeit halten. Aber das löst die Frage nicht, das schiebt nur die letzte große Entscheidung auf einige Tage weiter hinaus, das zähmt und bändigt die Bestie nicht. Sie lauert dann nur im Hinterhalt, und zur Stunde, wo ihr schwach seid, stürzt sie von neuem, wie der Tiger mit einem Sprung, auf ihre Beute. Das Heer ist nur die eiserne Rute, mit der die Hand Gottes das zügellose Geschlecht züchtigt.

 

„Was die Arznei nicht heilt, heilt das Eisen!“ sagt ein alter Spruch. Ja, wenn die Geister durch Bajonette bekehrt werden, und die Gemüter ihre Überzeugung ablegen könnten, wie man ein Gewand auszieht! Darum werden wir viel eher den Satz noch ergänzen und sagen: „Was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer!“ Ob aber ein Läuterungsfeuer dies sein wird, aus dem das Geschlecht neu verjüngt hervorgeht, oder eine verzehrende Flamme – wer könnte dieses bestimmen?

 

So oft ich in dem Buch eines erleuchteten Geistesmannes an eine Stelle komme, die ich hier anführen will, muss ich an unsere gegenwärtigen trostlosen Zustände denken. Es sind diese Worte freilich schon dreihundertfünfzig Jahre alt, aber sie sind jetzt so wahr, wie zu jener Zeit. „Sieh“, spricht er als die kirchliche Revolution Deutschland zu einer Wüste gemacht hatte, „in Öde ist verödet das Land, weil keiner ist, der es überdenkt in seinem Herzen. Es hat der Feind Hand angelegt an all seine Kleinodien. Von allerwärts kommt die Verwüstung, sie treten nieder mein Erbe, meine Herden sind geworden zur Beute und zum Raub meine Schafe. Ihr aber, ihr Priester, zieht nicht aus gegen die Feinde und stellt euch ihnen nicht entgegen wie eine eherne Mauer und habt kein Erbarmen mit den Schäden Josephs! Erwartet ihr die Heilung so großer Übel von den Kriegsheeren und Waffen? Vergebens baut ihr auf die Gewaltigen, auf Menschenkinder, die nicht helfen können! Es ist eine ungeheure Täuschung, wenn ihr von einem starken Heer Rettung erwartet. Im Heerlager herrschen Ausschweifung, Wollust, Raub, Fluch – sollen diese die Friedensstifter werden? Gott muss helfen, und ihr Priester müsst stehen im Streit, bis die Tage des Schreckens vorüber sind; ihr müsst stehen zwischen dem Vorhof und Altar, und weinen und zum Herrn rufen: „Habe Mitleid, o Gott, habe Mitleid mit deinem Volk!“ damit er abwende die Zuchtrute seines Zornes und unschuldiges Blut nicht mehr vergossen wird. – Das sind eure Waffen, die euch Heil und Frieden wieder gewinnen und bewahren.“

 

Das hat ein Mann aus dem hiesigen Klerus erkannt, Abbé Dufriche-Desgenettes, Pfarrer an der Kirche von Unserer Lieben Frau vom Siege zu Paris. Er hat uns selbst in der Schrift: „Manuel d`Instructions et de Prières à I`usage des membres de I`Archiconfrérie“ die leitende Idee, Veranlassung und anfängliche Geschichte der von ihm gestifteten Erzbruderschaft des heiligsten und unbefleckten Herzens Mariä zur Bekehrung der Sünder in schlichten einfachen Worten ohne Prunk und Schmuck der Rede geschildert. Der demütige Priester hält nicht sich für den Gründer dieses segensvollen Werkes, das wie ein Schutzengel unsichtbar über Tausenden und Tausenden von Seelen wacht, und bereits über die ganze katholische Welt sich verbreitet hat, durch den apostolischen Stuhl gutgeheißen und mit vielen Ablässen bereichert. Er gibt Gott allein die Ehre, sich selbst will er nur als das schwache geringe Werkzeug betrachtet wissen, dessen die Gnade zur Durchführung ihrer ewigen Pläne sich bediente. Als er im Jahr 1832 mit dem Pfarramt an dieser Kirche betraut wurde, waren im ganzen Kirchspiel nur noch wenige schwache Reste, nur ein Schatten noch von Gottesfurcht und Gottesdienst. Die Anzahl der Osterkommunionen betrug im Jahr 1833 kaum 800! Die Kirche liegt nämlich recht eigentlich im Mittelpunkt des kommerziellen und gewerblichen Paris, das große geräuschvolle Leben der Hauptstadt hat hier seinen Brennpunkt, hier ist zugleich auch der Herd für alle politischen Bewegungen und Konspirationen. In diesem Stadtviertel wird am meisten für das Irdische gearbeitet und gelebt, es ist darum auch am meisten dem Materialismus und der Genusssucht verfallen; Geld und Genuss haben dort ihren Kultus, Theater und Vergnügungsorte finden sich dort am häufigsten. In vielen Menschen war jedes höhere bessere Gefühl erstorben, jeder Gedanke an Gott und das Göttliche erloschen, in den meisten herrschte Gleichgültigkeit gegen alles Religiöse, in nicht wenigen sogar bitterer Hass und wütende Verfolgungssucht gegen die Priester, so dass sich die Geistlichkeit kaum in ihrem priesterlichen Gewand in der Pfarrei durfte blicken lassen. Denn jene, die in diesen Jahren in der Kraft des Mannesalters standen, hatten in ihrer Jugend die blutigen Lehren der Revolution wohl gelernt und waren in der Schule des Atheismus herangewachsen – ein gottverlassenes Geschlecht, das erst sterben muss in der Wüste, bevor eine schönere und bessere Zeit anbricht.

 

Als den Tag der Entstehung seines guten Werkes bezeichnet Abbé Desgenettes den 3. Dezember 1836. An diesem Tag brachte er das heilige Messopfer an dem Altar dar, der später dem unbefleckten Herzen Mariä gewidmet wurde, und wo wir nun Tausende von Herzen aus Gold und Silber erblicken, die, in sinniger Weise geordnet, die Erhörung so vieler gläubigen Gebete beurkunden. Sein Herz war von tiefem Schmerz zerrissen beim Gedanken an den trostlosen Zustand seiner Pfarrei und die geringen Erfolge alles dessen, was er bisher mit Aufbieten all seiner Kraft für das Heil der ihm anvertrauten Seelen getan hatte. Da durchzuckte ihn plötzlich wie ein Blitzstrahl der Gedanke: seine Pfarrei dem heiligsten und unbefleckten Herzen Mariä zu weihen. Früher hatte er, nach seiner eigenen Aussage, von dieser Andacht nichts verstanden, selbst es vermieden, nur daran zu denken. Auch jetzt wies er diesen Gedanken als eine Zerstreuung zurück, immer jedoch kehrte er wieder, bis er endlich sich entschloss, als Beweis seiner Ehrfurcht vor der heiligen Jungfrau, einen Versuch zu wagen, aber immer im Hinblick auf die traurigen Verhältnisse seiner Pfarrei, ohne großes Vertrauen auf Erfolg. Vernehmen wir nun seinen Bericht:

 

„Am dritten Sonntag im Advent, den 11. Dezember 1836 verkündete ich, dass am Abend um 7 Uhr eine Andacht gehalten werden sollte, um die göttliche Barmherzigkeit unter der Fürbitte des Herzens Mariä um die Bekehrung der Sünder anzuflehen. Ich forderte die Anwesenden auf, der Andacht beizuwohnen. Es waren nur wenige Personen zugegen, und da unter ihnen manche verhindert waren zu kommen, so hatte ich keine besonderen Erwartungen von dem Erfolg der Andacht, ja ich hatte nicht einmal Ursache zu hoffen, dass nur die Kunde von dieser abendlichen Zusammenkunft sich verbreiten würde; denn in dieser Pfarrei, wo man nur von Gold und Vergnügen redet, spricht man auch in den Familien nicht über das, was die Kirche betrifft. Unmutig und niedergeschlagen stieg ich von der Kanzel herab, aber die Güte Gottes würdigte sich, meinen gesunkenen Mut wieder zu heben. Zwei Kaufleute, Familienväter aus der Pfarrei, die ich sonst fast nie in der Kirche gesehen hatte, folgten mir in die Sakristei und verlangten zu beichten; dies war die erste Frucht und das Vorspiel zu den zahllosen und wunderbaren Gnadenerweisungen, die die göttliche Barmherzigkeit uns bestimmt hatte.

 

Während des ganzen Tages schwankte ich zwischen Furcht und Unruhe und einem schwachen Hoffnungsschimmer; ich berechnete, dass nach der Anzahl der Anwesenden kaum mehr als sechzig bis siebzig am Abend erscheinen würden, aber siehe da! Um sieben Uhr fand ich in der Kirche eine Anzahl von vier- bis fünfhundert Personen versammelt. Niemals, außer an den hohen Festen vor Weihnachten und Ostern hatte ich hier in der Kirche so viele Menschen gesehen, und namentlich nicht so viele Männer. – Wer hat sie hierher geführt? – Die Mehrzahl wusste nicht einmal, was vorgehen sollte und nur der Umstand, dass sie die Kirche zu so ungewöhnlich später Zeit noch offen sahen, hatte sie veranlasst, einzutreten.

 

Die Versammlung wohnte der Vesper der allerseligsten Jungfrau in Ruhe, aber mit Gleichgültigkeit bei. Man wusste nicht, wozu man da war. Hierauf folgte eine Darstellung des Zwecks und der Bedeutung dieser Zusammenkunft, was mit Aufmerksamkeit angehört wurde; Alsobald gab sich der Eindruck kund, indem diese Menge, die an der Vesper kaum Anteil zu nehmen schien, mit herzlicher Andacht die Gebete vor dem Segen sprach. Die Gefühle wurden noch wärmer unter der Litanei bei dem Ruf: „Zuflucht der Sünder!“ der aus freiem Antrieb dreimal wiederholt wurde. Ich lag auf meine Knie niedergeworfen vor dem Allerheiligsten. Bei diesem Ruf der Liebestreue frohlockte mein Herz und ich erhob meine Augen voll Tränen zum Bildnis Mariens und ich wagte ihr zu sagen: „O meine liebe Mutter, Du vernimmst das Gebet der Liebe und des Vertrauens, Du wirst sie retten, diese armen Sünder, die Dich ihre Zuflucht nennen! O Maria, nimm auf diesen frommen Bund, gib mir dafür ein Zeichen durch Bekehrung des N . . . ; morgen will ich in Deinem Namen mich zu ihm begeben. N. war der letzte Minister Ludwigs XVI., er war ein Schüler der sogenannten Philosophen des vorigen Jahrhunderts und seit seiner Jugend der Religion entfremdet. Ein Greis von achtzig Jahren war er seit Monaten blind und krank, aber seine Geisteskräfte hatten keine merkliche Abnahme erlitten. Er war ein sehr gründlich gebildeter Jurist und der Ratgeber einer Menge von Familien. Zehnmal war ich an seiner Tür erschienen, aber ebenso oft abgewiesen worden. Am 12. Dezember verfügte ich mich abermals zu ihm, abermals will man mich abweisen, aber ich bestand darauf, ihn zu sprechen, und wurde eingeführt. Nach einigen Augenblicken der Begrüßung sagte der Kranke ohne weitere Umschweife zu mir: „Herr Pfarrer geben Sie mir gütigst den heiligen Segen!“ Als dies geschehen war, setzte er bei: „Ach, was hat mich ihr Besuch gelabt, ich kann Sie zwar nicht sehen, aber ich fühle Ihre Gegenwart; seit Sie bei mir sind, empfinde ich einen Frieden, eine innere Ruhe und noch nie gekannte innere Freude!“ Dieser Seele, in der so sichtlich die Gnade wirkte, wurde es nicht schwer, die Worte des Heils zu vernehmen, und der Pfarrer verließ den Kranken erst nach abgelegter Beicht. Gott hatte ihn mit außerordentlichen Gnaden ausgestattet und er machte einen heiligen Gebrauch davon. Sein Leben wurde noch um ein Vierteljahr verlängert, von dem jeder Tag dem Glauben, dem Vertrauen, der Reue, der Liebe und Ergebung in Gottes heiligen Willen gewidmet war.

 

Ein so überzeugender Beweis der Hilfe Mariens benahm mir alle Furcht und Besorgnis. Ich wurde von dem innigsten Vertrauen erfüllt, dass unser Vorhaben Gott wohlgefällig sei und dass seine unendliche Güte es segnen wolle. Ich sehnte mich nach dem 22. Januar, als an diesem Tag der Herr Erzbischof die Publikation der Statuten und den Anfang der Aufnahme in die Bruderschaft gestattet hatte. Jene frommen Personen, denen ich von meinen Hoffnungen sprach, wollten diese nicht teilen. Einige andächtige Menschen würden sich anschließen, meinten sie, vielleicht höchstens hundert Mitglieder würden sich einschreiben lassen, und ich selbst, wiewohl ich große Hoffnungen hatte, glaubte doch nicht, dass diese Zahl bedeutend überschritten würde. Aber siehe! Zehn Tage nach der Auslegung der Listen waren bereits 240 Mitglieder, großenteils aus meiner Pfarrei, eingeschrieben.“

 

Dieser Tag war der Wendepunkt nicht nur im kirchlichen Zustand der Pfarrei, wo in kurzer Zeit die Anzahl der Kommunikanten um 10.000 sich vermehrte, sondern für die ganze Stadt und ganz Frankreich, da die Bruderschaft sich alsbald über das ganze Land verbreitete, es wie mit einem unsichtbaren Netz von Gnaden und Erbarmungen überspannend.

 

Der würdige Klerus von Deutschland ist dem Beispiel seiner Brüder jenseits des Rheins gefolgt, und wenige Andachten sind in unseren Gemeinden so populär als die Bruderschaftsandacht zum unbefleckten Herzen Mariä. Und wenn einst am Tag der Ewigkeit die Bücher sich öffnen, die irdischen Täuschungen fallen und alles in seiner wahren Gestalt erscheint, wenn die Weltgeschichte zum ersten Mal klar und offen vor unseren Blicken liegt, im Weltgericht, dann wird es sich herausstellen, wer großes gewirkt, Frankreich und Europa gerettet hat. Dann werden wir erfahren, dass es so oft nicht die Weisheit der Weisen war, noch die Macht der Gewaltigen, sondern jene Seelen, die still und unbeachtet zum Herrn gebetet haben, der die Schicksale der Völker in seinen Händen trägt und von Ewigkeit den Nationen ihre Wege vorgezeichnet hat, die sie gehen in der Geschichte. Und wenn Er um der fünf Gerechten willen, die in Sodom sich finden würden, die Stadt hat verschonen wollen, dann müssen die Gebete, die Tag und Nacht aus tausend und tausend Herzen zu ihm emporsteigen, schwer in die Waagschale seiner ewigen Gerechtigkeit fallen. Sie kehren zurück zur Erde wie unsichtbare Engel Gottes, um so manchem verschlossenen Herzen Glauben, Gnade und Versöhnung zu bringen; sie halten auf seinen Arm, dass er nicht mit der Gewalt seines Zornes dieses verderbte Geschlecht zerschmettert.

 

(Aus: Die kirchlichen und socialen Zustände von Paris von Dr. Franz Hettinger)