Die Bekehrung der heiligen Maria von Ägypten

 

St. Bernardus lehrt in einer Predigt, die er auf das Fest der Geburt der allerseligsten Jungfrau Maria gehalten hat: „Maria ist die Leiter für die Sünder, sie ist unsere große Zuversicht und der ganze Grund unserer Hoffnung. Ich sage euch, wenn wir andächtig bei ihr anklopfen, wenn wir demütig sie anrufen, so wird sie mit uns Mitleid haben und unserer Not abhelfen. Es kann ihr weder an Macht fehlen, noch an Willen, denn sie ist ja die Königin des Himmels und die Mutter der Barmherzigkeit!“

Diese Worte haben schon in urältester Zeit ihre Bewährung gefunden an einer schweren Sünderin, die aber eine große Büßerin, ja eine Heilige geworden ist; ihr Name heißt: „Maria von Ägypten“.

Bereits im zwölften Jahr ihres Lebens verließ Maria das elterliche Haus und wanderte nach Alexandrien, in jene üppige Stadt. Hier ergab sich die Unglückliche dem schändlichen Laster der Unzucht, immer tiefer sinkend und zahllose Opfer in ihren Fall hineinreißend. Denn alles, was zur Sünde lockt, war ihr in hohem Maß verliehen; die Schönheit der Gestalt, die Gabe schmeichelnder und geistreicher Unterhaltung, und jener Reichtum, der, durch Verbrechen erworben, wieder andere zum Verbrechen wirbt.

In so schnödester Weise lebte Maria gegen siebzehn Jahre der bösen Lust, ohne Gedanken an Gott und die Ewigkeit, ohne Gedanken an jenes unselige Ende, das Personen von ihrer Entartung hienieden gewöhnlich trifft.

Da begab es sich einmal, dass sie, neue Opfer ihrer Begierlichkeit suchend, am Hafen umherging. Eben wollte ein Schiff die Anker lichten, um nach Jerusalem zu segeln. Das „Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes“ war nahe, und eine Menge Andächtiger hatte sich eingeschifft, um an der Stätte selber, wo das Kreuz Jesu Christi zum Heil der Welt errichtet worden war, es zu verehren. Da kam der so leichtfertigen Maria der Gedanke, auch mitzureisen. In Jerusalem, bei dem großen Zusammenströmen von Menschen, konnte eine Verführerin wohl gewinnreich das Handwerk des Teufels treiben. – Und wirklich, sie begab sich auf das Schiff.

Maria gelangte mit ihren Gefährten glücklich nach Jerusalem. Die erste Zeit trieb sie sich in wildester Lust herum. Da kam der Festtag der Erhöhung des heiligen Kreuzes; scharenweise eilte das fromme Volk der Kirche zu, das ehrwürdigste Marterholz des Lammes Gottes zu verehren. Auch Maria beschloss, freilich nicht aus Andacht, sondern der Neugierde wegen, in die Kirche zu gehen und das heilige Kreuz zu besuchen. Unter die Pilger sich mischend, näherte sie sich der Tür. Weiter aber gelangte sie nicht. Hier hemmte eine geheime Macht ihre Schritte und ließ sie nicht über die Schwelle in das Heiligtum dringen. Alle, die sie begleiten, vermögen hineinzugehen. Sie allein wird, so oft sie es versucht, zurückgehalten, und zwar mit desto größerer Gewalt, je mehr sie sich anstrengt, den Eingang zu erzwingen. Hierüber wird die Sünderin auf das Höchste bestürzt. Warum können all die anderen die Kirche betreten, und sie allein nicht?

Und hier ist der kostbare Zeitpunkt, wo die göttliche Gnade in ihr sündenumnachtetes Herz einen Lichtstrahl sendet und – vielleicht zum letzten Mal – es zu rühren versucht. Eine Stimme, die sie seit Jahren nicht mehr vernommen hatte, ertönt in ihr und spricht zu ihr die Donnerworte: „Die da eintreten dürfen, sind Kinder Jesu, sind würdig, das heilige Kreuz zu schauen, und werden einst den Gekreuzigten in seiner Himmelsherrlichkeit erblicken! Du jedoch bist es nimmermehr wert! In Sünden versunken, hast du aufgehört, eine Tochter des Herrn zu sein, den du schmachvoll durch dein Lasterleben aufs Neue ans Kreuz geschlagen hast! Auch du wirst ihn einstmals schauen, aber nicht als deinen, dich seligmachenden Gott, sondern als deinen furchtbaren Richter, dessen gerechter Zorn dich in die Flamme schleudern wird, worin Sodom und Gomorrha brennen.“

Da ergriff ein namenloses Entsetzen die Sünderin, die Augen gingen ihr auf und sie erkannte die Größe ihres Elendes.

Von der Tür hinweg flüchtete sie sich in ihrem Jammer in einen Winkel des Vorhofes der Kirche, und begann dort bitterlich zu weinen, so dass eine Träne die andere schlug. Ach, wie gar vieles hatte sie verschuldet! Von der Last ihrer Sünden niedergedrückt, sank sie auf die Erde, die Hände zum Himmel ringend, die Brust zerschlagend. Was sollte sie tun, um ihr grenzenloses Leid loszuwerden? Wohin sollte sie sich in ihrer Gewissensnot wenden? Wer konnte sie – die Sünderin von Jugend auf – retten von der Strafe des gerechten Gottes, dem sie eine so lange Reihe von Jahren getrotzt hatte?

Da erblickte sie in der nächsten Nähe das Bild der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria. Es war ihr, als hefte das Bild die Augen voll Mitleid und Teilnahme auf sie. Eine Erinnerung aus der Kindheit erwachte jetzt in ihr. Damals, wo ihr Herz noch schuldlos war, hatte sie mit Andacht Maria um ihre Fürbitte angerufen, hatte sie die „Gebenedeite des Herrn“, die „Mutter der Barmherzigkeit“ und die „Zuflucht der Sünder“ genannt. Dieses allerzärtlichste Mutterherz hatte Erbarmen mit ihrer Not, und konnte sie gewiss nicht in ihrem Seelenjammer verlassen. Bat die Mutter Jesu bei Gott für sie, dann war sie gerettet. Voll Vertrauen und Sehnsucht warf sich die Sünderin deshalb auf die Erde nieder, und flehte sie an: „sie möge doch durch ihre mächtige Fürbitte bei Gott ihr die Gnade einer wahren Bekehrung erwirken, und sie auf dem Weg der Besserung mit liebreicher Hand weiter führen“. Unter einem Strom von Tränen gelobte Maria, ihr Leben zu ändern, und wie ehedessen Maria Magdalena, von nun an den Herrn allein zu lieben und ihm allein nachzufolgen.

Nach diesem Seufzer- und Tränengebet wurde es der Bußfertigen leichter.

Maria, die „Mutter der göttlichen Gnade“, das wusste sie, würde sich nicht von ihr wenden. Sie erhob sich, und versuchte, von einer inneren Stimme getrieben, abermals die Schwelle zum Heiligtum zu überschreiten. Und siehe, ungehemmt ging sie, wie all die anderen, jetzt in die Kirche und verehrte das heilige Kreuz. Vor dem Kreuz hingeworfen, in Reue und Schmerz aufgelöst, legte sie nun ihre Sünden am Stamm des heiligen Kreuzes nieder und flehte das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, mit heißer Inbrunst an, auch ihre Schuld auf sich zu nehmen und zu tilgen. Dann suchte sie wieder die heilige Muttergottes im Vorhof auf und bat sie voll kindlichen Vertrauens: sie möge ihr doch anzeigen, was sie fortan tun sollte? Und deutlich hörte sie eine Stimme, die ihr gebot, in die Wüste diesseits des Jordans zu gehen.

Noch an demselben Tag machte sich Maria auf den Weg und erreichte den Jordan, wo sie in einer Kirche, dem heiligen Johannes dem Bußprediger geweiht, die Nacht im Gebet zubrachte. Am folgenden Tag reinigte sie sich von ihren Sünden durch eine aufrichtige Beichte, empfing mit innigster Andacht die heilige Kommunion und setzte dann, neugeboren, mit Gott vereint, ihren Weg weiter über den Jordan und kam in die Wüste. Dort erbaute sie sich eine Hütte und lebte daselbst siebenundvierzig Jahre lang Gott und der Buße.

Siebzehn Jahre hatte Maria der Sünde gedient, ebenso viele Jahre sollte sie nun nach dem heiligen Willen Gottes zu ihrer Läuterung in den schwersten Versuchungen und Kämpfen zubringen. Maria aber stritt mit den Waffen des Gebetes, der Wachsamkeit und Abtötung, sie vertraute auf die Hilfe der göttlichen Gnade und siegte auch über alle Feinde in Kraft der himmlischen Stärkung, die ihr umso reichlicher zu Teil wurde, je unermüdlicher sie die Fürbitte der liebreichen Mutter Maria anrief. Dankbar hat sie dies selbst vor dem heiligen Abt Zosimus bekannt, indem sie sprach: „Dass ich den Anfechtungen nicht erlag, habe ich der unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu verdanken. Ich verdoppelte mein Gebet, meine Bußwerke, mein Vertrauen auf Gott, meine Zuversicht auf den Schutz der allerseligsten Muttergottes, der ich sowohl meine Bekehrung, als auch meine Beständigkeit in der Buße zuschreibe. Ach, meine göttliche Mutter, bei dir habe ich Hilfe gefunden! Du hast mir in vielen Gefahren, du hast mir in meinem Kampf beigestanden, du hast meine Tränen und meine Klagen vor deinen göttlichen Sohn gebracht! Du hast mir in allen meinen Widerwärtigkeiten deine mütterliche Hand geboten!“

Nach siebzehnjährigem Streit floh der überwundene Versucher, und Maria, die Treue und Bewährte, diente nun Gott im Frieden und unaussprechlichem Trost bis zum Ende, das im Jahr 421 erfolgte.

Das Fest dieser heiligen Büßerin wird in vielen Bistümern mit großer Feierlichkeit begangen.

(Aus: Lebensbeschreibung heiliger Büßer und Büßerinnen)