Maria, die in der Not Kräftigende

 

Dem heiligen Hyazinth, Mitglied des Dominikaner-Ordens, genügte es nicht, die Städte seines Vaterlandes Polen durchwandert und durch seine Predigten die Sünder aus ihrem geistigen Schlaf erweckt zu haben. Sein Eifer für die Ehre Gottes und das Seelenheil seiner Mitmenschen zog ihn hinaus in die fernsten Länder, um auch den rohen Heidenvölkern die frohe Botschaft des Heils in Christus Jesus zu verkünden und sie in die Gemeinschaft der heiligen katholischen Kirche hineinzuführen.

 

So war er denn auch unter Gottes mächtigem Schutz und vertrauend auf die Fürbitte der heiligen Muttergottes, die er kindlich verehrte, nach Russland gekommen. Katholische Christen waren damals so wenige im Land, dass sie nicht einmal eine Kirche besaßen, überall fand er nur Götzendiener, Mohammedaner und Abtrünnige. Hyazinth durchwanderte zu Fuß dieses ungeheure Reich, überall Christus predigend und zur Buße ermahnend. Seine Bemühungen waren auch von Gott gesegnet, und trotz der so sehr feindlichen Gesinnung des Fürsten Wladimir konnte er zu Kiow, der damaligen Hauptstadt des Landes, nachdem er eine zahllose Menge von Ungläubigen und Abtrünnigen bekehrt hatte, ein Kloster stiften. Da brachen die Tartaren ins Land, erstürmten Kiow und verwandelten die Stadt in einen Schutthaufen. Während ringsum alles in Flammen stand und das Blut der Erschlagenen durch die Straßen der Stadt floss, nahm der Heilige den Speisekelch mit den konsekrierten Hostien aus dem Tabernakel, und hieß die Brüder ihm folgen. In der Kirche stand aber auch ein schönes Muttergottesbild aus Marmor gehauen, vor dem der Heilige oft sein Gebet verrichtet hatte. Als er nun die Kirche verlassen wollte und bei diesem Bild vorbeiging, hörte er aus ihm die klagsamen Worte: „Mein Sohn! Willst du deine Mutter hier den Feinden zum Raub und Spott überlassen?“ Auf sein Weinen und die Vorstellung der Unmöglichkeit, so schwere Last zu tragen, vernahm er die Erwiderung: „Mach den Versuch, ob dir nicht genügend Stärke gegeben sei!“ Nun hob er das Bild herab, fasste es in seine Arme und – wunderbar! – er fühlte keine Last. In der einen Hand den Speisekelch mit dem Hochwürdigsten Gut, in dem andern Arm das Bild der Gebenedeiten des Herrn tragend, eilte nun Hyazinth mitten durch die Flammen dem entgegengesetzten Tor der Stadt zu, ging ohne Schiff und Brücke trockenen Fußes über den Dnieperfluss und kam wohlbehalten nach Krakau, wo er mit Jubel empfangen wurde und die Statue der heiligen Jungfrau in der Klosterkirche aufstellte.

 (Aus: Heiligen-Legende)