Mariahilf bei den Minoriten zu Grätz

 

Der römische Kaiser Ferdinand II. ist der Urheber des Gotteshauses der Minoriten zu Grätz, zu dem er bereits im Jahr 1595 den ersten Grundstein gelegt hatte. Vier Jahre nach der Erbauung der Kirche stand der Hauptaltar noch ohne Bildnis, in dem, nach dem allgemein gefassten Beschluss, die göttliche Gnadenmutter sollte dargestellt werden. Nur war noch die Frage zu lösen, in welcher Gestalt das Bild Marias möge ausgeführt werden, damit es den sinnigen Beschauer zu recht kindlicher Andacht und Ehrfurcht erwecke. Wie aber ehedessen dem König David den ganzen Umriss des Tempels von Jerusalem, also hat Gott dem damaligen Obern des neuen göttlichen Hauses, namens Cornelius Tortella, in einer Vision die Form und Gestalt des Marianischen Bildes geoffenbart, in der es jetzt noch in besagter Kirche gesehen und verehrt wird.

 

Man schloss deshalb mit dem zu jener Zeit kunstreichsten Maler, Petrus von Pomis, nach allen Rechten den Vertrag ab, dieses Bild Unserer Lieben Frau auf die gemeldete, von Gott eingegebene Weise zu entwerfen. Er legte ungesäumt die Hand an die Zeichnung, die ihm gleich am Anfang so trefflich gelungen ist, dass, da er in seinen seitherigen Werken schon alle Künstler seiner Zeit überflügelte, er in diesem Bild seine eigene Kunst und Wissenschaft zu übertreffen schien.

 

Während der Arbeit verblendeten jedoch Geld und Ehrgeiz die sonst ehrenhafte Gesinnung des Malers: er wollte entweder gegen allen rechtsgültigen Vertrag mehr Geld, oder seine über alle Vermutung so kunstreich ausgeführte Arbeit sich selbst zu eigen machen, um sie dann gegen einen höheren Preis zu verhandeln. Der Armselige vergaß, dass er ein Werk zur Ehre Marias verfertigen sollte, wozu ihn, abgesehen von dem daraus ihm erwachsenden irdischen Gewinn, vor allem sein religiöser Sinn hätte begeistern müssen. Die hochwürdigen Väter des neuen Klosters hatten ihm freundlich zugeredet: doch ja den rechtmäßigen Vertrag nicht zu brechen. Allein, ähnlich dem Herzen Pharaos bei den Ermahnungen des Mose, blieb auch das Herz des Malers verstockt. Und so musste er denn gleichfalls wie Pharao die Strafgerechtigkeit Gottes empfinden.

 

Der geizige Petrus von Pomis erblindete in einer Nacht, und tiefdunkle Finsternis umgab ihn. Doch war von Pomis glücklicher als Pharao, denn dieser hat nie, jener jedoch ernstlich und mit aufrichtiger Reue die strafende Hand des Allerhöchsten erkannt und andachtsvoll und herzlichst geseufzt: „Maria hilf! Maria hilf!“ Und also, wie Gott ihn zum Werkmeister des Marianischen Bildes gemacht hatte, ist er selbst, und zwar durch die erbetene Hilfe Marias, zum ersten Wunderwerk desselben ausersehen worden. Am zweiten Tag nach der Erblindung nämlich, nachdem der Künstler würdig vorbereitet die heiligen Sakramente der Buße und des Altars empfangen hatte, erhielt er das Augenlicht wieder. Und wie er aufs Neue sein gezeichnetes Bildnis Marias beschaut, erblickt er mit Erstaunen sowohl das Antlitz des göttlichen Kindes als das der hochgepriesenen Mutter schon vollkommen und aufs Anmutigste ausgemalt, ohne dass er oder ein anderer an ihm, das ja bestmöglichst in einem Zimmer verschlossen gewesen war, nur mit einem Pinselstrich gearbeitet hatte. Man nannte das besagte Bild schon jetzt das „Maria-Hilf-Bild.“

 

Eben um jene Zeit der Verfertigung dieses Gnadenbildes, hatte Maria einen hochgeborenen Edelmann in Grätz, der sich in der Gefangenschaft der Türken befunden hat, von Eisen, Brand und Kerker und aus dem Land der Barbaren errettet, ebenso wunderbar, wie der Engel den heiligen Apostel Petrus aus dem Kerker zu Jerusalem. Die Gebenedeite des Herrn hatte aber dem genannten Edelmann auf seine Anrufung geboten: er solle in seiner Vaterstadt Grätz bei dem Marianischen Bildnis das Dankopfer erstatten, in dessen Gestalt sie ihm erschienen sei. Bei seiner Rückkehr nach Grätz zeigte man ihm die verschiedenen Gnadenbilder Marias, z.B. das zu Maria-Zell, Fernitz, Straßgang und andere. Aber keines von diesen glich dem Angesicht der Erretterin. Da er aber von dem Bildnis hörte, das der Maler Petrus von Pomis in Arbeit hatte, ging er in dessen Behausung. Er sah es und fiel voll Erstaunen und mit Tränen in den Augen auf die Knie nieder und rief entzückt aus: „In dieser Gestalt hat die allerseligste Jungfrau Maria mir geholfen!“ Er war denn auch der erste, der öffentlich und mit inniger Andacht bezeigte, als das besagte Bild Marias am 29. Mai 1611 von den Geistlichen des Klosters feierlich auf dem Hochaltar zur allgemeinen Verehrung aufgestellt worden ist, dass es ein bereits mit wunderbaren Ereignissen verklärtes, wahrhaftiges Gnadenbild sei.

 

(Nach: Das wundervolle Gnadenbild zu Grätz)