Maria im Kerker

 

Der heilige Hieronymus Aemiliani ist zu Venedig im Jahr 1481 aus einer altadeligen Familie geboren. Von einer frommen Mutter nur für Gott und den Himmel erzogen, verließ er doch schon als Jüngling von fünfzehn Jahren den Weg der Nachfolge Jesu Christi. Er fürchtete Gott nicht mehr, nur vor den Augen der Welt wollte er noch untadelhaft erscheinen. Er trat in den Kriegsdienst und ergab sich, nachdem auch sein Vater gestorben war, allen Ausschweifungen der schnödesten Leidenschaften. Im Krieg war er tapfer, überhaupt ein guter, tüchtiger Soldat, und tat sich in vielen Schlachten rühmlichst hervor. Aber in den Augen Gottes erschien er als ein armer, unglücklicher Sünder. So verbrachte er sein Leben in allen möglichen Entartungen bis in sein dreißigstes Jahr.

 

Als im Jahr 1511 die Festung Castelnuova mit Sturm eingenommen wurde, befand er sich gerade darin. Mit Heldenmit kämpfte er an der Spitze seiner Soldaten, doch die Feinde überwältigten ihn. An Händen und Füssen gefesselt, wurde er ins Gefängnis geworfen und hatte jeden Augenblick des Todes gewärtig zu sein. Er erinnerte sich nun mit Wehmut an die hehren Tage seiner Jugend, wo er so oft vor dem Gnadenbild der seligsten Jungfrau Maria von Treviso seine kindlichen Gebete verrichtete. Mit innigster Andacht verlobte er sich dorthin und sein Verstand wurde hell, er erkannte seine Sünden und seine vielen Missetaten, und sein Herz wurde von peinlichstem Wehe bewegt, er weinte bitterlich. Da, mit einem Mal, erleuchtete ein ungewöhnlicher Glanz des Kerkers Dunkel. Maria, die gnadenreiche Himmelskönigin, von der Glorie einer Sonne umflossen, erschien ihm, so dass er, von ihren Strahlen geblendet, nicht in ihr Antlitz zu schauen vermochte. Sie berührte ihn, die Fesseln fielen und sie führte ihn, wunderbar ihn schützend, mitten durch die Feinde bis hin nach Treviso. Dort dankte Hieronymus auf seinen Knien und in Reuetränen zerfließend seiner himmlischen Mutter für die Rettung des Lebens.

 

Nun aber war er wie umgewandelt. Bei einer Hungersnot im Jahr 1528 verkaufte er all seine Habe, um die Armen zu speisen. Die Kirchen und die Spitäler der Kranken waren von nun an die Stätten, wo er die schönsten Werke der Gottseligkeit übte.

 

Sein heiliges Leben beschloss ein ebenso kostbarer Tod. Er verschied am 8. Februar 1537 mit den Worten: „Maria, meine Sonne!“

 

(Leben des heiligen Hieronymus Aemiliani)