Im Marien-Schoss

 

An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1290 saß auf dem Söller seiner Burg Klingenstein, die sich auf dem rechten Ufer der Blau hoch auf einem steilen Felsen erhebt, der Ritter Wolf von Klingenstein mit einem seiner Knappen und warf spähende Blicke auf die Straße hinab. Man sah es ihm an, dass er einen schlimmen Gedanken in sich trug und auf irgendetwas lauerte. Zwar war es heute kein Kaufherr, der von Ulm nach Blaubeuern oder hinab nach Urach zog, und den er zu berauben gedachte. Er hätte ihn heute seines Weges ruhig ziehen lassen, denn sein einziges Sinnen und Trachten ging auf einen anderen Gedanken. Nicht Raublust, sondern Durst nach Rache brannte in seinen Adern. An demselben Morgen hatte er nämlich den Edlen von Ehrenstein die Straße daher reiten sehen mit seinem etwa vier Jahre alten Söhnlein vorne droben auf dem Sattel. Dem galt nun sein Lauern und ungeduldiges Forschen, denn er war ihm Todfeind. In einem Streit um ein Erbgut, den vor einiger Zeit die beiden miteinander gehabt hatten, da ein kinderloser Verwandter gestorben war, mit dem sie durch ihre Familien verbunden waren, hatte der Klingensteiner den Kürzeren gezogen. Und da er falsche Zeugen gebracht hatte, so wurde er von seinem Gegner zu einem Zweikampf gefordert, bei dem er das rechte Auge durch die Lanze seines Feindes einbüßte. Der Verlust der Erbschaft und des Auges ließen ihn nicht ruhen und rasten, und er sann auf Rache. Vermummt als gemeiner Knappe lauerte er nun mit seinem Knecht, bis sein Opfer zurückkehrte. Und der Weg musste den Vater mit dem Kind vorbeiführen, denn sein Schloss stand nur eine Viertelstunde unter der Mühle auf der linken Seite der Blau. Aber schon sank der Abend hinein und eine finstere Nacht breitete sich über das Tal aus, und noch ließ sich kein Hufschlag vernehmen. Dagegen wetterleuchtete es im Hintergrund des Tales und ein schweres Gewitter drohte für die Mitternacht aufzuziehen.

 

Endlich ließ sich in der Ferne der dumpfe Trab eines Rosses vernehmen, und der Klingersteiner griff nach seinem Schwert, zog es aus der Scheide und eilte vor die Mühle hinaus mit seinem Knecht, um sich auf sein Pferd zu werfen und sein Opfer zu empfangen. Wieder verschlang der Sturm, der sich indessen erhoben hatte, den Hufschlag des sich Nahenden, und die Dunkelheit der Nacht hüllte alles so schwarz ein, dass der Rachedurstige nicht vermochte, den nächtlichen Reiter zu erkennen, selbst wenn er dicht an ihm vorübergeritten wäre.

 

Sorglos dagegen trabte der Ehrensteiner der Mühle näher und hatte seinen Knaben in den weiten Mantel gehüllt, um ihn vor den schon einzeln fallenden Tropfen zu schützen. – Er kam aus dem Nonnenkloster Blaubeuren, wo er ein Gelübde erfüllt hatte für seine Gemahlin. Diese hatte nämlich vor vier Jahren, ehe sie das Knäblein geboren hatte, der heiligen Muttergottes das Gelübde getan: „dass, wenn sie eines gesunden Knäbleins genese, es vom vierten Jahr an, alle Jahre an seinem Geburtstag selbst in die Klosterkirche nach Blaubeuren zwei große, wächserne Kerzen und einen frischen Kranz um die Schläfe des Muttergottesbildes bringen und opfern sollte, nebst einer Gabe in den Opferstock.“ Heute war dieses Gelübde zum ersten Mal gelöst worden, und der Ritter von Ehrenstein hatte sein Kind aufs Ross genommen, damit es zu Blaubeuren sein Opfer bringe, wie es die fromme Mutter, die so treue Verehrerin und Dienerin der heiligen Gottesgebärerin, gelobt hatte. Nicht entfernt ahnte der Heimkehrende, welch ein Mordanschlag ihm drohe, und nur die dunkle Nacht schützte ihn noch vor dem Erkennen. Aber er war nahe bei der Hohlmühle bei Herlingen und sah schon von Ferne die Lichter seiner Burg blinken. Da zuckte ein heftiger Blitzstrahl durchs Tal, der weit umher alles für eine Minute erleuchtete. Rechts und links an der Straße gewahrte er zwei Reitersknechte, von denen einer das Schwert gezogen hatte. In demselben Augenblick stürzte einer von ihnen auf ihn zu, während der andere seinem Ross in die Zügel fiel, und schrie schnaubend vor Wut: „Hab ich dich jetzt, verruchter Ehrenräuber? Wohlan, ich will dich zur Hölle schicken!“ – Da jedoch ein zweiter Blitzstrahl das Knäblein verriet, das jetzt schreiend sich an den Vater anklammerte, donnerte der Klingensteiner: „Ha, ha! Die junge Brut! Desto besser! Ihr seid eures Lebens frei, denn ein kostbareres Opfer hab ich gefunden! – Mag sein Blut statt des euren meine Rache sühnen!“ Und unter dieser Drohung stieß er mit dem scharfen Schwert nach der Brust des Kindes. Aber, o Wunder! Das so oft erprobte Schwert zerspringt, als wäre es von Glas, und bei dem Schein eines neuen Blitzstrahls bäumt sich das Ross des Klingensteiners und schlägt mit ihm rücklings über, während ein heller Schein ein Muttergottesbild ihm zeigte, das den Knaben auf dem Schoß hielt und mit der Hand seine Brust beschirmte. Verwirrt und mit Entsetzen in der Brust arbeitete sich der Klingensteiner unter seinem Ross hervor und eilte, von Schrecken gejagt, zu Fuß zu seiner nahen Burg, wo er sich auf sein Lager warf und das Geschehene nicht aus dem Sinn zu bringen vermochte.

 

Geisterbleich erhob er sich des anderen Tages, denn die wundervolle Erscheinung war ihm die ganze Nacht vor dem Bett gestanden und sein Frevel nagte nun an seinem Gewissen. – Mit dem Frühesten des Tages bot er Steinmetzen und Gesellen auf, und führte sie hinunter auf die Straße, unterhalb der Mühle. Daselbst ergriff er einen Spaten und grub selbst die erste Schaufel Erde aus und sprach: „Hier, Gesellen, will ich eine Kapelle bauen zu Ehren der heiligen Muttergottes, die mir heute Nacht hier erschienen ist als Beschützerin und Hilfe der Unschuld, die ich zu ermorden gedachte in meinem sträflichen Sinn!“ – Und fleißig machten sich nun die Gesellen an die Arbeit, also dass im nächsten Jahr an demselben Tag, wo das Wunder „Maria-Hilf“ geschehen war, die Kapelle eingeweiht wurde. Auf dem Altar war ein schönes Gemälde von einem Ulmer Meister angebracht, auf dem der mörderische Anfall dargestellt ist, wie die heilige Muttergottes, die „Hilfe der Christen“, das Kind schützend im Schoß hielt.

 

Am Festtag der Einweihung der Kapelle knieten, danksagend und voll heiligen Friedens, der Klingensteiner und der Ehrensteiner, samt Gemahlin und Kind, vor dem „Maria-Hilf-Altar“, auf ewig versöhnt in Jesus Christus und Maria.

 

Längst ist diese Kapelle, die mit der Zeit hinfällig geworden ist, verschwunden. Aber an ihrer Stelle wurde im Jahr 1708 eine andere Kapelle erbaut, gleichfalls „Maria-Hilf“ genannt, an welche sich diese Sage knüpfte.

 

(Aus: Die Burgen, Klöster, Kirchen Württembergs von Ottmar F. H. Schönhuth)