Heinrichs des Löwen Meerfahrt

 

In seiner „Chronik von Lübeck“ erzählt der Abt Arnold:

 

Im Frühjahr 1172 machte Herzog Heinrich von Braunschweig sich auf, das heilige Grab in Palästina zu besuchen, und zog mit großem Gefolge durch Österreich, Ungarn und Bulgarien gen Konstantinopel.

 

Daselbst bestieg er ein festgebautes Schiff, womit ihn der Kaiser der Griechen nebst vielen anderen Gaben beschenkt hatte, und begann mit den Seinigen die Fahrt. Es geriet aber das Meer gewaltig in Bewegung, so dass in dem rasenden Sturm alle voll Besorgnis ihren Tod vor Augen sahen. Auf dem Schiff aber befand sich ein tugendsamer Mann, den die drohende Gefahr sehr beängstigte. Er verfiel, während sein Gemüt ebenso unruhig war, wie das Meer, plötzlich in einen festen Schlaf und sah im Traum die allerseligste Jungfrau Maria vor sich stehen, die zu ihm sprach: „Fürchtest du die Gefahr des Meeres?“ Worauf er antwortete: „Hochgelobte Herrin! Wir sind in Ängsten und wenn der Herr des Himmels nicht auf uns gnädig herabsieht, so werden wir sehr bald untergehen!“ Sie aber erwiderte: „Sei getrost! Ihr werdet nicht untergehen, sondern, wegen des Gebets eines Mannes, der in diesem Schiff nicht aufhört, mich anzurufen, werdet ihr aus der drohenden Gefahr errettet werden.“

 

Obwohl nun nicht gefragt worden ist, wen das Gesicht bezeichnete, so war doch der, der das Gesicht gehabt hat, aus göttlicher Eingebung überzeugt: dass Heinrich, der fromme Abt des St. Aegidien-Klosters zu Braunschweig, der sich im Gefolge des Herzogs befand, gemeint sei.

 

Und die Verkündigung trog nicht.

 

Als es endlich zu tagen begann, wurde der Wind noch heftiger und das Schiff wurde mitten auf dem Meer von den Wogen hin und her geschleudert, und die Schiffsleute fürchteten sich sehr. Es erhoben sich dort sehr spitze Felsen links und rechts, und das Schiff schwankte mitten darin. Während sie nun in Todesfurcht sich ängstigten, erblickten die Seeleute Felsen, die sich öffneten wie ein Tor, und steuerten dahin, und siehe! der Sturm legte sich, die Fluten schwiegen und plötzlich fuhr das Schiff unverletzt hindurch, sie aber lobten den Herrn, "der „tötet und lebendig macht und in die Hölle führt und wieder heraus!“

 

(Aus: Heldengeschichten des Mittelalters von Ferdinand Bässler)