Gewährte und auch versagte Hilfe

 

1. Man findet keinen Heiligen, zu dessen Ruhm man nicht sagen müsste, dass er Maria innig geliebt und verehrt habe. Wie die meisten Heiligen, so stand denn auch der heiligmäßige P. Philipp Jeningen im gemütlichsten Verkehr mit der Gebenedeiten des Herrn, wurde mancher Vision und manchen Zwiegespräches mit ihr gewürdigt, und sein Leben ist von vielen Tatsachen durchleuchtet, die sein unbeugsames Vertrauen zu ihr aber auch seine kindliche Einfalt bezeichnen.

 

Er hatte z.B. aus milden Beiträgen, die er von frommen Verehrern Marias zusammengebettelt hatte, für das Muttergottesbild in Eichbrunn ein neues Kleid machen lassen, und es unter außerordentlicher Freude seiner himmlischen Mutter und Königin überbracht.

 

Bald danach fürchtete man ein für das Jesuiten-Kollegium zu Dillingen, in dem er sich befand, ein herannahendes schmerzliches Ereignis. Man erachtete es, wenn es wirklich einträfe, geradezu als ein Unglück. Pater Philipp nahm seine Zuflucht zu Maria unter innigen Bitten: sie möchte das Haus beschützen. Aber sein Gebet hatte für den Augenblick keinen sichtbaren Erfolg: die göttliche Gnadenmutter, die ihm sonst nie etwas verweigerte, schien dieses Mal teilnahmslos und unerbittlich.

 

Da eilte er nach Eichbrunn, bat, betete, seufzte, weinte, wie Angst und Liebe es einem Kind eingibt. Aber wiederum, wie es schien vergebens. Da wurde er sozusagen des Bittens müde, und wie wenn diese Zögerung oder Härte seiner Mutter nicht würdig wäre, beklagt er sich vor ihr darüber, kommt in kindlichen Liebes-Unmut, und droht schließlich: „Mutter Maria hilf und bewahre unser Kollegium unversehrt oder ich nehme dir das Kleid wieder, das ich dir neulich gebracht habe!“ Die gute Mutter war mit dieser Drohung ihres guten und treuen Kindes nicht unzufrieden: Pater Philipps Bitte wurde jetzt erfüllt.

 

Wer fühlte nicht, welche zärtliche Liebe in diesem einzigen Zug liegt!

 

2. P Philipp Jeningen sollte bald noch mehr zum Lob und zum Preise Marias wirken, denn im Jahr 1680 wurde er nach Ellwangen geschickt, um an der Marianischen Wallfahrtsstätte auf dem „Schönen-Berg“ als Missionar tätig zu sein.

 

Aber hier nahm er in allen Bedrängnissen seine Zuflucht zu Maria. Es finden sich jedoch Ereignisse in seinem Gebetsleben vor, die bekunden: dass Maria ihm auch zuweilen ihre Hilfe versagte.

 

So trat z.B. einst eine große Hitze und Trockenheit ein, so dass die Satten fast verdorrten, und man kaum mehr auf einigen Ertrag der Felder hoffte. Pater Philipp bat auf dem „Schönen-Berg“ Maria, die „Hilfe der Christen“, dringend um Regen, als plötzlich Wolken den Himmel überzogen, und es zu regnen begann. Er freute sich bereits und lobte die Güte seiner himmlischen Mutter, aber dieses Mal etwas zu früh, denn der Regen hielt kaum eine Viertelstunde an, und die Wolken zerteilten sich wieder. Als er das wahrnahm, wurde er fast traurig, und mit Wehmut im Blick schaute er das Gnadenbild an und fragte: „Warum denn verachtest du, da du doch die Mutter der göttlichen Gnade bist, die Bitten deines Pflegkindes? Indem die Felder eines langen und anhaltenden Regens bedürfen, was können denn einige wenige Tropfen helfen? Eile mit deiner Hilfe, o Maria, und treibe nicht länger mit deinem Philippus Scherz, den du bisher wie einen Sohn geliebt hast!“

 

Nun beklagte sich Maria über den lauen und trägen Sinn des Volkes und sprach vorwurfsvoll und doch vertrauenerweckend: „Warum kommen sie denn nicht selbst, um den Regen zu bitten?“ Daraus ersah Pater Philipp, an wem es fehlte, und er redete noch eindringlicher zum Volk: doch ja recht demütig und bußfertig um Marias Hilfe, und zwar andauernd zu bitten.

 

Ein anderes Mal, als Pater Philipp wiederum auf dem „Schönen-Berg“ um Regen bat, wurde er von Maria gänzlich zurückgewiesen. Kaum hatte er sich auf die Knie niedergelassen und zu beten angefangen, als es ihm vorkam, wie wenn er durch eine unsichtbare Gewalt gehindert würde zu beten, selbst zu reden, und gleichsam als wenn er sagen hörte: „Ich will ihnen heiß machen!“ Daraus schloss er, Maria wolle ihn nicht vergebens beten lassen, da die Strafen der göttlichen Gerechtigkeit vollzogen werden müssten. Wie das sein liebevolles Herz gequält und seinen Eifer entflammt habe, alle zu der aufrichtigsten Buße zu bewegen und fortan zum treuen Dienst Gottes zu begeistern, lässt sich kaum mit Worten ausdrücken.

 

Ein anderes Mal hatte man in einem allgemeinen Andenken auch einen Bittgang auf den „Schönen-Berg“ unternommen. Pater Philipp, den die Not des Volkes stets zumeist drückte, zelebrierte dort das hochheilige Messopfer und wandte sich nach der Beendigung mit dringenden Bitten an Unsere Liebe Frau: sie möchte ihn doch wenigstens dieses Mal nicht zurückweisen. Allein sein beharrliches Gebet schien keine Erhörung zu finden. Darüber wunderte er sich endlich und klagte: „warum Maria, nächst Gott die sicherste Zuflucht in allen Nöten, nicht helfen wolle; sehe sie doch, wie schwer ihre Pflegbefohlenen leiden, wie demütig sie bitten, und“ – fuhr er fort – „opfern wir denn nicht den Sohn, den du begehrt hast?“ Aber wie tief betroffen war er, als er von Maria die Antwort empfing: „Ja, ihr opfert mir meinen Sohn, wie wenn man einer Mutter Fleischstücke eines geschlachteten Rindes vorlegt!“ Diese Auskunft verursachte ihm unsägliche Pein, und er konnte die Gott und Maria zugefügten Beleidigungen nicht genug beweinen. Darum klagte er in den rührendsten Ausdrücken darüber, dass Gott solche Unbilden erfahren müsse. „Derjenige, dem in Ewigkeit nichts schaden kann, der sonst durch nichts gezwungen ist, der gute Gott ist gezwungen, die Wunden zu ertragen, die ihm die Sünder schlagen! Daher rührt alle Marter einer Seele, die Gott wahrhaft liebt, dass derjenige so oft von den Menschen beleidigt wird, den die Seligen im Himmel anbeten und verherrlichen. Eine Seele, die Gott liebt, wird auf dieser Welt beständig gekreuzigt und durchstochen, weil sie den lieben Gott so oft beleidigt sieht! Welche Marter, Gott mit Liebe umfassen zu wollen, und wegen der unzähligen Dornen den Geliebten nicht umfassen zu können! Nicht nur das Haupt, sondern der ganze Christus, der ganze Gott gleichsam, wird von den Sündern mit Dornen umhüllt, die elendiglich die Seele stechen, die den Geliebten umarmen will! Wer aber Christus mit Sünden peinigt, der peinigt auch Maria und macht sie aufs Neue und aufs Kläglichste zur „Mater dolorosa“! Denn ach! Nicht Juden und Heiden kreuzigen Christus mehr, sondern Christen, d.h. die mit seinem kostbaren Blut Erlösten! Christi Blut ist aber der Jungfrau Blut! Christi Schmerz ist darum auch Marias Schmerz!“

 

Außer den eben erzählten Ereignissen sind keine anderen mehr bekannt, die dartäten, dass Pater Philipp noch öfter mit seinen Bitten wäre abgewiesen worden, aber das er oft erhört wurde und viele Gnaden durch Marias Fürbitte bei Gott sei teilhaftig geworden, hat er, der Demütigste der Demütigen, doch selbst eingestanden.

 

Denn als eines Tages die Rede davon war, bekannte er: „Es fehlen mir die Worte, die Größe der Gnaden und Wohltaten anzugeben, die ich von Maria empfangen habe.“ Und fügte bei: „Im Himmel werden wir sehen, welche Wohltaten ich allein von Maria und von unserem Gott erhalten habe. Zwar scheue ich mich, etwas von mir zu sagen und für etwas angesehen zu werden, da ich der größte Sünder auf dieser Welt bin, aber doch sage ich zur Ehre Gottes und der Gottesgebärerin und auf ihr Geheiß im allgemeinen so viel: von der allerseligsten Jungfrau habe ich allein so viele Guttaten erhalten, dass ich mit deren Erzählung ein ganzes Buch schreiben könnte!“

 

(Aus: Leben des P. Philipp Jeningen von Alois Piscalar)