Die Mehl-Besorgerin

 

Maria Theresia Carolina von Lamourous, genannt die „gute Mutter“, ist die Stifterin und erste Oberin des Hauses der „Frauen vom guten Hirten“ oder der „Barmherzigkeit“ zu Bordeaux in Frankreich, und starb im Ruf der Heiligkeit im Jahr 1836 daselbst.

 

Zu ihr kam eines Tages die Vorsteherin, die das Brot zu besorgen hatte, mit der Bemerkung: dass man nicht mehr so viel Mehl besitze, um für den morgigen Tag das nötige Brot zu backen. Anfangs hatte nämlich Lamourous, so gut sie konnte, das Brot außer dem Haus eingekauft. Wie sie aber sah, dass sich die Zahl der Büßerinnen immer mehr vergrößerte, glaubte sie aus Rücksicht auf die Sparsamkeit das Brot im Haus selbst bereiten zu sollen.

 

Sie redete eben noch mit der Vorsteherin, die sich beklagte, dass sie kein Mehl habe, als man ihr anmeldete: eine junge Person bitte um Aufnahme in das Haus. Lamourous wendete sich an die anderen Vorsteherinnen, die um sie versammelt waren, und sprach:

 

„Wir wollen sehen! Was ist wohl zu tun, meine Kinder? Auf der einen Seite sagt ihr mir: es ist nichts vorhanden, um Brot zu backen für diejenigen, die bereits in dem Haus sind, und auf der anderen Seite kommt eine neue Person, die die Aufnahme begehrt! Soll man diese Person annehmen?, fügte Lamourous hinzu, indem sie die jüngste von den Vorsteherinnen ansah und um ihre Meinung fragte.

 

Sie erwiderte ohne Zögern: man solle die Bittende aufnehmen.

 

„Aber man hat ja kein Brot mehr für die übrigen!“, rief Lamourous aufs Neue aus.

 

Die jüngste Vorsteherin beharrte aber dennoch bei ihrer ersten Meinung.

 

Die übrigen Vorsteherinnen wurden gleichfalls der Reihe nach um Rat gefragt und gaben dieselbe Antwort. Da rief nun Lamourous voller Freude, die ihr so natürlich war, laut auf: „Nun gut, meine Kinder, das ist schön, ich erkenne jetzt in euch den Geist eurer Mutter! Umarmt mich, ihr seid wahrhaft meine Töchter!“

 

Die neue Ankömmlingin wurde sogleich in das Haus aufgenommen. Lamourous fuhr aber fort und sagte: „Man muss ihr aber einen Namen geben. Wir wollen erwägen, wie wir sie nennen! Da ich mich entschloss, sie aufzunehmen, so erweckte ich bei mir selbst einen Akt des Glaubens an die göttliche Vorsehung, ebenso einen Akt der Hoffnung auf die göttliche Hilfe, und ich wirkte ja einen Akt der Liebe, da ich die unglückliche Person der Straße entzog. Demnach wäre Glaube, Hoffnung und Liebe in dieser einen Handlung vereint, und das sind die drei theologischen Tugenden. Nun denn, so wollen wir sie die Theologin nennen!“ Und sie behielt diesen Namen.

 

Lamourous fuhr fort und sagte: „Nachdem wir dieser Person einen Namen gegeben haben, so wollen wir wieder zu unserem Anliegen zurückkommen. Sie sprachen mit mir vom Mehl, und sie glauben, dass wir für morgen nicht mehr genug haben. Aber sucht ihr denn auch fleißig alles zusammen, meine Kinder? Denn die Armen suchen ja alles fleißig zusammen! Gut, lasst mich aber erst noch dieses Buch durchsehen!“ Sie zeigte da ein Buch, das so viele verschiedene Gebete an die allerseligste Jungfrau Maria in sich enthielt, als Tage im Jahr sind. Das Gebet, das gerade auf diesen Tag passte, lautete indessen so: „O mächtigste Jungfrau Maria, bring uns Hilfe in der äußersten Not! Bitte für uns!“

 

„Wohlan“, sagte sie darauf zu zwei von ihr bezeichneten Vorsteherinnen, „geht hin zur Getreidekammer und sammelt alles Mehl, dass ihr finden könnt, fleißig zusammen. Wenn ihr aber dahin geht, dann betet auf dem ganzen Weg beständig und andächtig: „O mächtigste Jungfrau Maria, bring uns Hilfe in der äußersten Not! Bitte für uns!“

 

Man befolgte genau und sammelte auch das Mehl, so viel man finden konnte, ganz nach dem Befehl der Oberin. Und siehe, es war die notwendige Menge Mehl vorhanden. Die beiden Vorsteherinnen waren vor Erstaunen ganz außer sich und kamen in größter Eile, der Lamourous die Nachricht zu bringen. Die demütige Frau gab sich aber das Ansehen, als erblicke sie hierin ein ganz schlichtes Ereignis, indem ja Maria jedem helfe, der kindlich ergeben sie um ihre Hilfe anflehe.

 

(Aus: Leben der M. Th. C. Lamourous von M. Pouget)