Die Erweckung eines ungetauften Kindes

 

Während der heiligen Fastenzeit wurde eines Tages dem gottseligen Abt Friederich im Kloster Mariengarten in Friesland die Nachricht gebracht, auf einem benachbarten Meierhof sei ein Knäblein, das noch nicht die heilige Taufe empfangen hat, gestorben. – Man pflegte die Taufe aller Kinder, die in der Fastenzeit geboren wurden und bei denen man keine Gefahr in dem Aufschub zu befürchten hatte, bis zum Karsamstag zu verschieben, wo dann die gnadenreiche Handlung an allen mit dem neugeweihten Wasser vorgenommen wurde.

Tief betrübt stand sogleich der Abt, der eben bei der Mahlzeit saß, auf, und, das unselige Ereignis seiner Nachlässigkeit zuschreibend, eilte er in die Kirche, warf sich dort vor dem Altar der heiligen Muttergottes nieder und beschwor unter Tränen und Seufzern, dass sie durch ihre Fürbitte bei Gott dem Kind das entwichene Leben für nur so lange Zeit zurückrufen möchte, bis es zu der Gnade der heiligen Taufe gelangt wäre, und fügte noch bei: „er würde nicht eher Speise zu sich nehmen, als bis er sich erhört sähe.“ – Dann stand er vom Gebet auf und ließ sich zu der Leiche des Kindes führen, legte Buch und Stola auf sie, und alsbald kehrte Leben in die erstarrten Glieder des Knaben zurück, dessen Seele, nachdem sie durch den frommen Diener Marias von der Erbsünde durch das Bad der Wiedergeburt gereinigt war, am anderen Tag in die Freuden des Himmels einging. 

 

(Aus: Leben der Heiligen)