Das von einem Wolf geraubte Kind

 

Im dreizehnten Jahrhundert trug sich Folgendes zu: Eine Frau aus dem Adelstand, die auf einer Ritterburg bei Trier wohnte, hatte ihr einziges Kind, ein dreijähriges Mädchen, in einen nahen Meierhof gesendet, um ihm den Genuss der frischen Luft zu gönnen.

 

Das frohe Mädchen spielte eben – wenig beachtet – als aus dem nahe gelegenen Wald ein Wolf hervorbrach, es mit den Zähnen ergriff und so schnell in das Dickicht schleppte, dass die nacheilenden Leute, den Räuber einzufangen, alle Hoffnung aufgaben.

 

Die Mutter, die alsbald die entsetzliche Kunde vernahm, war einen Augenblick wie versteinert, und sank dann in Ohnmacht. Doch erholte sie sich bald wieder und sprach mit fester Stimme: „Es kann nicht sein! Der Wolf hat mein liebstes Kind nicht verschlungen!“ Anstatt aber dem Raubtier nachzueilen in den Forst, um die Reste des zerfleischten Kindes zu sammeln, die vielleicht dem reißenden Tier noch abgejagt worden sind, wanderten sie raschen Schrittes in die Kapelle, wo sie täglich zu beten pflegte, und wo eine aus Holz geschnitzte Statue der heiligen Jungfrau mit dem Jesuskind standverehrt als Maria-Hilf.

 

Durch das allerbitterste Leid ihres Herzens wie außer sich und doch voll gläubigen Vertrauens zu Maria, der in jeder Angst und Not so hilfreichen Mutter, nahm sie dem Standbild das Jesuskindlein aus den Armen, weinte gar herzlich und sprach: „O gnadenvolle Mutter! Nimmer gebe ich Dein Söhnlein Dir in Deine Arme zurück, bis Du mir zuerst mein Kind unverletzt zurückgegeben hast!“ Und siehe, ein Wunder ist geschehen! Der Wolf hat seine sichere Beute fallen lassen, und das geraubte Mädchen lief den Leuten entgegen und schrie: „Das böse Tier hat mich gebissen!“ Es zeigten sich aber auch deutlich an seinem Hals die Spuren der Wolfszähne.

 

Der Jubelruf über diese wundersamen Errettung verbreitete sich indes wie ein Lauffeuer schnell bis zu den Gemächern der Mutter, und sie, von überschwänglicher Freude beseelt, stürzte ungesäumt in die Kapelle und gab das Jesuskindlein wieder in die Arme der wundertätigen Muttergottes-Statue zurück, wobei sie dankerfüllten Herzens die Worte sprach: „Weil Du, o gnadenvolle Mutter mir mein Töchterlein wieder gegeben hast, so gebe ich Dir nun auch wieder Dein Söhnlein zurück!“

 

(Aus: Dialogus miraculorum von Cäsarius von Heisterbach)