Das letzte Zwölfkreuzerstück

 

Anna, die Ehefrau des Sebastian Manzl aus dem Brixental in Tirol, der im Jahr 1814 in die Ewigkeit ging, pflegte mit besonderer Vorliebe folgendes, als die Ursache ihres neuaufblühenden häuslichen Wohlstandes zu bezeichnen.

 

Zu der Zeit, als ihr Mann noch in der Gefangenschaft Bayerns sich befand, das mit dem Kaiser Napoleon im Bunde war, geriet Anna oft in peinliche Geldverlegenheit. Einmal fiel ihr der Jammer besonders schwer aufs Herz und trostlos nahm sie ihre gewohnte Zuflucht hinaus zu der Feldkapelle am Weg, der über den kleinen Abhang in den Talgrund führt. Dort klagte sie dem Herrn im Elend und der schmerzhaften Mutter, als stünden beide lebendig vor ihr, die ganze Not, zeigte ihnen das Zwölfkreuzerstück, das ihr ganzer Vorrat wäre, fing dann an zu weinen und ließ unter den Worten: „Nehmt ihr mein letztes!“ die Silbermünze in den Opferkasten fallen und stammelte schluchzend: „Nun helft Ihr!“

 

Von dieser Stunde an sei, zu ihrer freudigsten Überraschung der zeitliche Segen wiedergekehrt, die Barschaft sei ihr von dort an niemals mehr ausgegangen, wohl aber sei alles besser gediehen, so dass die Schulden bezahlt wurden und keine Not mehr im Haus war.

 

(Aus: Die Manharter von Alois Flir)