Maria die Größere im Königskloster zu Wien

 

Der heilige Franziskus von Borgia erhielt, wegen der besonderen Andacht, die er zu dem anmutigen Gnadenbild Maria Major (die Größere) zu Rom trug, von Seiner päpstlichen Heiligkeit die Erlaubnis, mehrere Kopien davon nehmen zu dürfen: damit in diesem Bildnis die heilige Muttergottes an mehreren Orten verehrt werden könnte. Und die mit aller Sorgfalt verfertigten Kopien hat der ehrwürdige Gottesmann verschiedenen königlichen Personen zum Geschenk gemacht.

 

Auf solche Weise ist auch eine der genannten Kopien nach Frankreich gekommen, die später die gottselige Königin Elisabeth, Kaiser Maximilians II. Tochter und Carls IX. von Frankreich hinterlassene Witwe, im Jahr 1578 mit sich nach Wien gebracht und zu jeder Zeit mit inniger Andacht verehrt hat. In allen ihren Betrübnissen suchte sie bei diesem Bildnis die Hilfe der Mutter der Gnaden und Barmherzigkeit und erfuhr auch mit großem Trost deren Huld, besonders als sie vernommen hatte, dass ihr Bruder Erzherzog Maximilian, im Jahr 1588 durch heimlichen Verrat in Polen gefangen worden sei.

 

In dieser großen Angst flehte sie mit dem heißesten Eifer und großem Vertrauen um die Befreiung ihres Bruders; und nachdem sie eine gute Zeit unter vielen Tränen im Gebet verharrte, wollte die Mutter der Gnaden ihre treue Dienerin auch nicht ohne Trost von sich entlassen. Die gebenedeite Jungfrau streckte plötzlich von der Statue die rechte Hand aus, legte sie auf das Haupt der betenden Königin und sprach: „Sei getrost, meine Tochter, dein Bruder wird befreit werden!“ Worauf die gottselige Königin mit einer so hohen Freude erfüllt wurde, dass sie es sich gar nicht erklären konnte. Sie offenbarte es schließlich dem Pater Petrus Luck, aus dem Orden des heiligen Franziskus, als ihrem vertrauten Beichtvater, mit der ernsthaften Bitte, dieses Ereignis so lange sie leben würde, keinem Menschen mitzuteilen, weil sie besorgt war, man möchte sie für überfromm halten, und deswegen in ihrem Kloster weniger für sie beten.

 

Erzherzog Maximilian ist auch bald darauf wunderbarer Weise aus seiner Gefangenschaft erlöst worden und am 9. März 1588 in Wien angekommen, was die gottselige Königin nicht wenig erfreut machte und in der Andacht und in dem Vertrauen zur heiligen Muttergottes mächtig stärkte. Doch hat sie ihm nicht mitgeteilt, was sich seinetwegen mit ihr vor dem Marienbild zugetragen hatte. Sie befahl aber, dass dieses Bild gleich nach ihrem Tod in das von ihr gestiftete Kloster gegeben werden soll, und ersuchte ihren Beichtvater, den Klosterfrauen in ihrem Namen anzudeuten, dass sie allezeit dieses Bild in hohen Ehren halten sollen, dieweil sie es ihnen als eine „sichere Zuflucht in allen Nöten“ aus mütterlichem Herzen hinterlasse. Demgemäß ist das genannte Bild am 23. Januar des Jahres 1592 aus der Kammer der verstorbenen Königin in das Kloster übertragen worden.

 

Hierauf hat der Beichtvater Petrus Luck geoffenbart, was sich zur Befreiung des Erzherzogs aus der Gefangenschaft mit diesem Bild zugetragen hatte, und als sie es vernommen hatten, haben sie es aus Dankbarkeit in einen schönen, reich mit Silber verzierten Altar einfassen lassen. Es wird bis auf den heutigen Tag wunderbar gespürt, dass sich die heilige Muttergottes in diesem Bild als eine schützende Mutter des Erzhauses von Österreich erweist; denn wenn in ihm ein Todesfall oder sonst ein großes Unglück geschehen soll, dann verändert es die Farbe und wird ganz bleich, auch erscheinen die Augen, als wären sie stark geschwollen, obwohl es doch sonst eine so lebhafte und angenehme Gestalt hat.

 

(Aus: Die Mariensagen in Österreich von J. P. Kaltenbäck)