Maria, Königin des Fegfeuers

 

Es war im unerforschlichen Gottesrat von Ewigkeit beschlossen, dass im göttlichen, seelenrettenden Heilsplan, Maria, die Mutter Gottes, als die von Gott bestimmte Mutter der Menschen, so lange zum Heil der Seelen tätig mitwirke, bis sie im Himmel sind. Eine große Zahl Seelen kommen aber nach dem Hinscheiden von dieser Welt ins Fegfeuer. Sie sind also in einem gewissen Sinn, im Gegensatz zu den Heiligen und Verdammten, im Zustand der Wanderung zum Himmel, sie sind noch nicht „daheim“. Deswegen ist aber auch Maria, die Mutter dieser Seelen, ihnen gegenüber auch noch im Fegfeuer tätig, indem sie bei Gott Fürbitte für sie einlegt, ihren Verstand durch tröstliche Wahrheiten und Erleuchtungen erhellt, ihren Willen zur vollkommenen Ergebung in den Willen Gottes hinleitet und ihnen die sühnenden Werke der Gerechten auf Erden zuwendet, bis sie, gereinigt von aller Makel und Strafe, in den Ort eingehen können „wohin nichts Unreines kommt“.

 

Wie Maria Königin der triumphierenden Kirche im Salve Regina, im Regina coeli, im Ave Regina angelorum genannt wird, so kommt ihr auch eine ähnliche Ehren- und Machtstellung gegenüber der leidenden Kirche im Fegfeuer zu. Professor Gföllner von Linz hat beim Marianischen Kongress im Jahr 1911 in Einsiedeln darauf hingewiesen, dass der Titel: Maria, Königin des Fegfeuers, dogmatisch richtig und zutreffend ist, was hier mit kurzen Worten verständlich gemacht werden soll, damit wir mit umso größerem Eifer um die Erlösung der Seelen aus dem Fegfeuer zu Maria rufen und die gewonnenen Ablässe in ihre Hände legen mögen.

 

Was ist das Fegfeuer? Es ist ein Feuer, ein Strafmittel, dessen sich die göttliche Gerechtigkeit bedient, um alle die Mängel hinwegzufegen, die den Seelen der Verstorbenen noch anhaften und den Eintritt in den Ort verhindern, wohin nichts Unreines kommt. Es sind in erster Linie die zeitlichen Sündenstrafen, die in diesem Feuerkerker des Jenseits abgetragen werden müssen, aus dem man nicht herauskommt, bis man den letzten Heller bezahlt hat. (Matthäus 5,26)

 

Maria steht nun als helfende Mutter zu diesen leidenden Seelen in einem ganz besonders nahen Verhältnis. Sie ist die Helferin dieser leidenden Christen, die Trösterin dieser betrübten verbannten Kinder. Wegen ihrer königlichen allmächtigen Fürbitte und ihrer Herrschaft über die Armen Seelen kann sie als Königin des Fegfeuers bezeichnet werden. Die heilige Brigitta, deren Schriften vom Konzil zu Basel und durch die Päpste Gregor XI. und Urban VI. bestätigt wurden, erhielt von der Mutter Gottes folgende Mitteilung: „Ich bin die Mutter Gottes, weil er (Gott) es so gewollt hat . . . ich bin auch die Mutter aller, die im Fegfeuer sind, weil alle Strafen, die die Seelen im Reinigungsort für ihre Sünden zu büßen haben, stündlich auf meine Bitten hin einigermaßen gelindert werden.“ Als Mutter der Armen Seelen hat Maria eben auch die königliche Macht, ihnen zu helfen.

 

In der vierten Totenmesse heißt es: „Wir flehen zu deiner Güte, o Gott, dass du durch die Fürbitte der allzeit reinen Jungfrau Maria die Seelen zur ewigen Glückseligkeit gelangen lassen mögest.“ Hier spricht die Kirche also von der wirklichen und wirksamen Fürbitte Mariä zur Erlösung der Armen Seelen aus dem Fegfeuer.

 

Ferner ist es allgemeine Lehre der Kirche, dass wegen der Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen die Heiligen im Himmel für die Armen Seelen beten. Katakomben-Inschriften deuten darauf hin, dass in den ersten Zeiten des Christentums schon Verstorbene den Gebeten bestimmter Märtyrer empfohlen wurden.

 

Nun übertrifft Maria, als Königin der Heiligen, diese alle durch die Macht ihrer Fürbitte für die Armen Seelen. Dr. Scheeben sagt: „Die Fürbitte Mariä ist nicht bloß ihrer Natur nach höher und kräftiger als die der anderen Heiligen, sondern sie ist, was bei keinem anderen Heiligen eintrifft, ein ordentliches und notwendiges Mittel des Heils für alle Menschen, so dass die Anrufung Mariä sogar in jedem Gebet implicite (eingeschlossen) enthalten sei.“ Diese Mittlerschaft Mariä bezieht sich zuerst auf die Glieder der streitenden Kirche, dann aber auch auf die Glieder der leidenden Kirche, so dass auch diese durch die Fürbitte Mariä zu den Freuden des ewigen Lebens gelangen. Maria ist die Pforte des Himmels auch für die Seelen im Fegfeuer.

 

Freilich können die Seelen nach eingetretenem Tod nicht mehr verdienen und an heiligmachender Gnade nicht mehr zunehmen, aber weil sie das Endziel der heiligmachenden Gnade, die Anschauung Gottes, noch nicht erreicht haben wegen der anklebenden Sündenmakeln, so sind sie doch noch einer innerlich übernatürlichen Gnadeneinwirkung, der Erleuchtung und des Trostes fähig, ebenso einer äußeren Gnade, des Nachlasses der noch zu büßenden Strafe durch Gottes gnädige Nachsicht.

 

Hier setzt nun vor allem das Fürbittgebet Mariä ein. In welchem Maß, ist der Barmherzigkeit Gottes vorbehalten. Doch ist als sicher anzunehmen, dass jene Seelen, die sich in ihrem irdischen Leben ganz besonders durch Liebe und Andacht zu Maria ausgezeichnet haben, nunmehr auch im Reinigungsort ihre mütterliche Liebe und königliche Fürbitte in hohem Grad erfahren werden. Auch werden gewisse Seelen an gewissen Marienfesten, die sie im Leben gut gefeiert haben, eine besondere Hilfe von Seite Mariä erfahren, was speziell auch vom Samstag gilt.

 

Ob der lindernde und tröstende Gnadeneinfluss von der Himmelskönigin persönlich ausgeht oder durch die Engel (Schutzengel) erfolgt, bleibt eine offene Frage. Gewöhnlich werden aber auf den von der Kirche gebilligten Bildern Engel ins Fegfeuer hinabsteigend dargestellt, die, als Diener der Königin des Fegfeuers, die Armen Seelen in den Himmel einführen.

 

Der Titel, Maria, Königin des Fegfeuers, hat also vom dogmatischen Standpunkt einen wahren und ungekünstelten Hintergrund.

 

Bis zum Jahr 1912 hatten bereits über 600 Bischöfe eine Nachricht an den Heiligen Vater unterzeichnet, in der die Bitte ausgesprochen wird, es möge diese oder eine andere Anrufung an Maria in die Lauretanische Litanei aufgenommen werden, die sich auf ihre Sorge für die leidenden Seelen im Fegfeuer bezieht.

 

Vereinigen wir uns also mit Maria, besonders im Apostolat der Erlösung der Armen Seelen aus dem Fegfeuer. Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit, die barmherzige Mutter für diese leidenden Seelen. Seien auch wir voll Barmherzigkeit für sie und opfern wir alle unsere Gebete, Leiden, Arbeiten, Messen, Kommunionen, Ablässe für die Armen Seelen auf. Seien wir barmherzige Brüder und Schwestern für unsere im Fegfeuer leidenden Angehörigen und für alle, die in jenem Leidensspital und feurigen Kerker eingeschlossen sind.

 

Lindern wir durch unsere Gebete und Bußübungen täglich, ja stündlich, ihre Qualen, versetzen wir uns oft in Mitte dieser leidenden Seelen und laden wir sie ein, mit uns zur Heiligen Messe, zur heiligen Kommunion zu gehen, lassen wir ihnen auch durch die zahlreichen „Ave“ des Rosenkranzgebetes den himmlischen Tau der Erquickung zuteilwerden. Vor allem wohnen wir so oft als möglich der Heiligen Messe zum Trost der Armen Seelen bei, und nehmen wir die Seelen der auf dem Gottesacker ruhenden Verwandten, Wohltäter und Bekannten mit zum heiligen Sühnopfer, das nach dem Konzil von Trient, „den Verstorbenen so heilsam ist“.

Aus: Der Armen-Seelen-Freund

Heft 1, Oktober 1911, 16. Jahrgang