Unsere Liebe Frau von den Blumen

 

Frau von N . . ., die aus Frankreich nach Mailand reiste, erlitt in der Nacht, da sie jenseits der Alpen einen Bergabhang hinabfuhr, an ihrem Wagen eine Beschädigung, die sie nötigte, in dieser unwirtlichen Gegend während der Nacht ein Obdach zu suchen.

„Mein Diener, der in diesen Tälern heimisch war“, erzählt sie in ihrem Reisebericht, „versicherte mir, dass wir am Ende eines zu unserer Rechten längs eines Kastanienwäldchens sich hinschlängelnden Fußpfades ein Holzmacherdörfchen erreichen würden.

Ich ging diesem betretenen Weg nach. Die Nacht war anmutig, wenn auch ohne Mondschein: die Sterne funkeln in Italien gar so schön! Wenn die Luft auch ein wenig frisch wehte, wie denn die Frühlingsnächte selbst in diesen Gegenden gewöhnlich kühl sind, so machte diese nächtliche Wanderung dennoch einen angenehmen Eindruck auf mich. Wir mochten etwa eine Stunde gegangen sein, als wir da, wo das Wäldchen eine Krümmung machte, ein Licht erblickten. Wir waren bei dem Holzmacherdörfchen angekommen, einem armen Örtchen von ungefähr vierzig Hütten, zwischen denen große Haufen von aufgeklaftertem Holz und Reisigbüschen zerstreut umher lagen. Wir pochten mit einem Stein an die Tür der Hütte. Es war zwei Uhr. Ich war darauf gefasst, die gastliche Tür erst nach langer Zeit sich öffnen zu sehen. Aber schon beim zweiten Schlag schob sich der Riegel zurück und wir traten in eine geräumige Stube, die beim Eingang düster, nach vorne hin aber von einer Menge kleiner, buntfarbiger Kerzen erhellt war, die symmetrisch, wie auf einem Altar, aufgestellt gewesen waren. Die junge Frau, die die Tür aufgeschlossen hatte, war wieder vorgegangen und hatte sich bei diesen Lichtern und der altarähnlichen Erhöhung niedergekniet. Wie es schien, setzte sie ihr unterbrochenes Gebet fort.

Wir näherten uns ihr, indem wir durch die lange Stube schritten, die mit Wohlgerüchen von Blumen und dem Pflanzengeruch des Pfriemkrauts, der grünen Weinrebe und aller jener aromatischen Pflanzen durchduftet war, die die Bewohner des Tales von Ossola zum Trocknen an den Balken ihrer Hütten aufhängen, bevor sie sie in die Apotheken nach Mailand und Genf bringen.

Als die junge Frau einen Teil ihres inbrünstigen Gebetes beendigt hatte, stand sie auf, um uns zu grüßen. Sie sagte mit leiser Stimme: „Sehen Sie da mein Kind, es wird diese Nacht noch sterben! Der Doktor hat gesagt, um es zu retten, müsse man eine Pflanze haben, die vier Stunden von hier, hoch oben auf einem Berg wachse. Mein Mann ist hingegangen, um sie zu holen – der gute Mensch. Aber das Kind wird sie nicht mehr brauchen, wenn Bartolomeo wieder nach Hause kommt. Wie kann man 8 Stunden hin und her in einem Augenblick zurücklegen? Der Tod geht so schnell! . . . Sehen Sie selbst“, setzte die Mutter bei, indem sie ihr Kind auf der Stirn und seine blassen Händchen küsste, „sehen Sie selbst, ob das liebliche Geschöpf nur noch eine Stunde zu leben habe? . . . Acht Stunden!“

„Aber warum?“, sagte ich zu der armen Frau, „habt ihr denn so viele Blumen um die Wiege des Kindes herum, auf diesen Altar und in die Hände der heiligen Jungfrau Maria gelegt? Ihr Geruch könnte ihm sehr nachteilig, ja tödlich werden.“

„Ach nein!“ antwortete sie. „Meine Tochter heißt Rosina, meine kleine Rose. Unsere Liebe Frau von den Blumen, la nostra signora dei fiori, die in Mailand, wo sie ihre Kirche hat, hoch verehrt wird, ist also ihre Namenspatronin; ich richte deshalb mein inbrünstiges, ergebungsvollstes Gebet an sie für meine Tochter Rosina, für meine Rosina, mein Leben, mein Kind! . . . Rosina! Rosina! . . . Ich weiß nicht“, setzte sie hinzu, „ob Unsere Liebe Frau von den Blumen mich erhören werde: mein Kind ist so schwer krank, und ich bin dessen nicht wert! Aber, ich bekenne es, ich habe mehr Vertrauen auf mein Gebet, um mein Töchterchen zu retten, als auf alle Pflanzen, die mein Bartolomeo wohl vergebens so weit her holt . . . Sie haben sich gewiss verirrt, wie ich sehe. Sie sind übel angekommen; doch sind Erfrischungen für Sie in jenem Schrank, Brot und kalter Braten; auch steht das Bett zu Ihrer Verfügung: ich werde diese Nacht nicht mehr schlummern; ich will fortfahren, zu Unserer Lieben Frau von den Blumen zu beten.“

Ich kniete gleichfalls mit ihr nieder, um Maria von den Blumen anzurufen. Aber ich kann es nicht verbergen, nicht mit jenem Vertrauen, wovon Rosinas Mutter mir ein so rührendes Beispiel gegeben hatte. Ich fühlte mich gerührt, aber sie, sie war überzeugt, wo nicht von der Rettung ihres Kindes, doch von der Macht der hohen Fürbitte, um die sie flehte. Bereits beteten wir eine Stunde, als die Tür der Hütte aufgerissen wurde. Ein Mann, in Schweiß gebadet und keuchend, stürzte herein. Es war der Vater des Kindes, Bartolomeo. Er achtete weder auf mich, noch auf seine Frau, die im Gebet versunken kniete. Er warf in der größten Hast in das auf dem Herd kochende Wasser die heilsame, die wunderbare Pflanze, die der Doktor für den Augenblick der Krise empfohlen, und die er, der arme Bartolomeo, so weit, so hoch oben gepflückt und herbeigebracht hatte, ohne auch nur eine Weile auszuruhen. Zehn Minuten später träufelte Bartolomeo des Absud in den Mund des mit dem Tod ringenden Kindes. Nachdem dies geschehen war, setzte sich der Holzhauer, die Hände auf die Knie gestützt, neben die Wiege und richtete seinen starren, trostlosen und lauernden Blick auf das bleiche Gesicht seines Kindes, ohne Zweifel, um die stufenweisen Wirkungen zu beobachten, die der Trank hervorbringen sollte.

Bis zum Tagesanbruch machte das Kind auch nicht die leiseste Bewegung, und lag da, als wenn es von Wachs gewesen wäre. Aber mit den ersten Strahlen der Sonne wurde es unruhig, richtete sich auf und stammelte den Namen seiner Mutter. „Gerettet! Du hast sie gerettet, heilige Jungfrau Maria von den Blumen!“ rief die Mutter, indem sie ihre Arme ausstreckte und den tränenfeuchten Blick auf das Bild der Gebenedeiten des Herrn richtete: „Du hast sie gerettet!“

„Das hat sie gerettet“, sagte der Vater, indem er das Kind in seine Arme nahm und ihm noch mehr von dem Tränkchen zu trinken gab.

„Bitte Gott um Vergebung für Deine Lästerung“, entgegnete die Frau des Holzhauers, lächelnd und weinend und ihre kleine Rosine umarmend . . . . „Allmächtiger Gott! Gütige heilige Mutter Gottes!“

„O ihr trefflichen Kräuter, ich glaube an eure Kraft! – Du großer Arzt!“ wiederholte Bartolomeo.

„Sei gepriesen, Du Liebe Frau von den Blumen!“ rief die Mutter.

Während dieses Streites zwischen Mann und Frau kam der Arzt und erkundigte sich sogleich nach dem Kind.

„Ja, es ist gerettet“, versicherte er, „die Gefahr ist vorüber. Ihr habt doch dem Kind von dem Tränkchen zu trinken gegeben, das ich verordnet habe?“

„Ja, Herr Doktor!“ versetzte der Holzhauer.

„Lasst doch sehen“, sagte der Arzt weiter, „ob Ihr es nicht zu stark gemacht habt. Ich hatte vergessen, die Dosis anzugeben.“

„Großer Gott!“ rief er aus, als er die Blättchen sah, die auf dem Grund eines Restchens lauen Wassers schwammen, „großer Gott! Welcher Irrtum! Ihr habt eurem Kind einen Tee von Waldkrautblumen zu trinken gegeben! Das ist gerade so viel, als ob Ihr ihm gar nichts gegeben hättet!“

Der Holzhauer verstummte vor Überraschung. Der Doktor war um der Ehre seiner Wissenschaft willen beschämt. Nur die Mutter rief mit neuer Inbrunst aus: „Heilige Madonna von den Blumen! So bist es denn Du allein, die meine Rosine, mein Kind gerettet hat!“

Jawohl! Maria ist und bleibt das Heil der Kranken, besser als alle noch so heilsamen Kräuter!

(Aus: Die Barmherzigkeit Marias von P. A. M. Huguet)