Maria zu den drei Eichen bei Horn

 

Ein gottesfürchtiger Bürger zu Horn, Mathias Weinberger mit Namen, hatte in seinem Zimmer ein aus Wachs geformtes Bildnis der allerseligsten Jungfrau Maria aufgestellt. Täglich versammelte er vor ihm seine Hausleute, zündete eine Lampe an, schüttete sein frommes Herz andächtig vor Gott aus und hegte das volle Vertrauen zu der glorreichen Himmelskönigin, dass sie ihm in Not und Gefahr mächtige Hilfe erbitten werde.

Im Jahr 1656 wurde er schwer krank, und seine Kräfte nahmen so gänzlich ab, dass man ihn heben und legen musste. Der allweise Gott aber, der diesen Mann länger prüfen wollte, ließ ihn noch einige Jahre kränkelnd herumwandeln. Sein Handwerk musste die ganze Zeit hindurch ruhen, seine Not steigerte sich und das liebe Brot für die Seinigen wurde stets schmäler und schmäler. Aber sein Gebet vor dem Marienbild wurde täglich heißer und feuriger. Nie, wie schmerzlich ihn auch das Kranksein peinigte, unterblieb sein inbrünstiges Rufen zu Gott, nie sein Flehen um die Fürsprache der mitleidsvollen Mutter Jesu. Er hielt sich nicht für würdig, von Gott erhört zu werden, und nahm daher ganz besonders seine Zuflucht zu Maria, die für ihn bei ihrem Sohn, dem gütigsten Helfer der Elenden und Bedrängten, Beistand und Hilfe erbitten sollte.

In dieser anhaltenden Andacht, in diesem großen Vertrauen auf das Fürwort der gebenedeiten Jungfrau schlief er eines Tages ein und hatte folgenden Traum: Das Bildnis der göttlichen Mutter mit dem Jesuskind auf dem Schoß stand lebhaft vor seiner Seele. Dieses Bild sollte er auf den Molderberg bringen und daselbst an einem Eichbaum, der von der Wurzel aus in drei Stämme geteilt dort stehen wird, zur öffentlichen Verehrung aufstellen.

Aber erst auf das ernstliche Zureden seines Beichtvaters, der ihm wiederholt mahnend zusprach, dass er dem Befehl Gottes, sowie dem Drang seines Gewissens gehorsam sein sollte, entschloss sich Mathias Weinberger, das ihm so teuer gewordene Bildnis, sobald er Kräfte dazu bekommen würde, von seinem Zimmer nach der ihm bezeichneten Stätte zu übertragen. Gott, der diesen frommen Entschluss mit Wohlgefallen sah, erbarmte sich von nun an des stillen Dulders, ließ täglich mehr und mehr das Übel seiner Krankheit abnehmen und schenkte ihm bald so viel Kräfte, dass er seinem Erwerb nachgehen konnte.

Stark genug und von bitterer Not getrieben, begab er sich nach der Stadt Eggenburg, um daselbst durch den Verkauf seiner Pelzwaren sich und den Seinigen den nötigen Unterhalt zu verschaffen. Ob der von Kummer und Sorgen durchjagten Gedanken hätte er beinahe seines gefassten Entschlusses vergessen. Gott ließ ihn deshalb auf dem Weg nach dem Molderberg von einer so angreifenden Mattigkeit überfallen, dass er gezwungen war, unter einem schattigen Birnbaum sich niederzulassen, wo er aus Schwäche bald in einen sanften Schlummer verfiel.

Da bedünkte es ihm, als stehe er vor einem Thron, der gleich der Sonne strahlte und den Glanz feurig schimmernden Goldes um sich verbreitete. Plötzlich erklangen tausend liebliche Saitenspiele und jubelnde Stimmen, die da so selig entzückend in sein Herz drangen, dass er darüber freudig erwachte. Er blickte in froher Bewunderung um sich her, glaubte wirklich zu sehen und zu hören, und als er alles ringsum still und ruhig fand, schlief er zum zweiten Mal ein. So lieblich aber und erhebend der erste Traum gewesen war, so schrecklich und niederschlagend war der zweite, den er jetzt hatte. Es erdröhnte ein schauerliches, Mark und Bein erschütterndes Hochgewitter, und die feuersprühenden Blitze schienen auf ihn zu stürzen und ihn gänzlich zu vernichten. Da fuhr er vor Schrecken empor, zitterte am ganzen Körper, erwachte und sprang mit Gewalt von der Erde auf. Und als er zu einiger Besinnung gekommen war, war das erste, das ihm in die Augen fiel, ein mit drei Stämmen versehener Eichbaum, der ganz nahe auf der Stätte stand, auf der er eingeschlafen war. Nun fiel ihm zugleich das frühere Traumbild ein, und er fühlte Scham und Reue, dass er seines Entschlusses beinahe vergessen hätte. Er überdachte indes auch seinen letzten Traum und schloss daraus, Gott habe ihm gedroht, dass er ihn scharf züchtigen wolle, wenn er sein Gelübde nicht erfüllen werde. Er überdachte endlich auch den ersten Traum und es war ihm deutlich, dass Gott wie auf einen glänzenden Thron die Mutter seines Sohnes hier auf diesen Baum setzen wolle, um sie vor der Welt zu verherrlichen und den frommen Pilgern durch ihre Fürbitte, nach seiner großen Barmherzigkeit, Gnade und Trost zu verleihen.

Er kehrte daher ungesäumt nach Hause zurück, nahm das ehrwürdige Marienbild aus seinem Zimmer, brachte es auf den Eichbaum und flehte da zuerst – um Wiedererlangung seiner Gesundheit. Und er erhielt sie auch, und zwar so vollkommen, dass er bald darauf allen Arbeiten seines Gewerbes mit voller Kraft wieder vorstehen konnte.

Bei der damals zu Horn eingerissenen Pest stand Mathias Weinberger in der Liebe Jesu und Marias den Leidenden Tag und Nacht bei, half sorgsamst die Toten auf den Gottesacker bringen, sammelte sich durch diese christliche Barmherzigkeit viele Verdienste vor Gott und starb in einem hohen Alter den Tod des Gerechten.

Der vielfältige Trost und die mächtige Hilfe, die einzelne fromme Pilgrime bei dem „Gnadenbild zu den drei Eichen“ erhielten, zog bald nachher eine so große Menge wahrer Verehrer herbei, dass sich der Ruf davon weit nach Böhmen und Mähren verbreitete und Wallfahrer tausendweise aus diesen Ländern herbeiströmten.

Zu dieser Zeit aber, als das ehrwürdige Bildnis noch immer unter freiem Himmel verehrt wurde, geschah es, vermutlich durch Unvorsichtigkeit der Hirten, dass die dreistämmige Eiche beinahe ganz ausbrannte, und das wächserne Marienbild zerschmolz.

Als jedoch die ausgebrannte Eiche bald darauf neue Zweige hervortrieb und wie verjüngt wieder zu grünen begann, so schien dies ein Himmelszeichen zu sein, dass der Herr seine Verherrlichung durch Maria an diesem Berg bestätige und den frommen Andachtseifer der Gläubigen daselbst fortgesetzt wissen wolle.

Beseelt von diesem Eifer und durch ein Gelübde dazu verpflichtet, ließ daher Sebastian Förber, der damalige Bürgermeister zu Horn, das gegenwärtige Marienbild auf die frisch ergrünende Eiche setzen. Und als die Verehrung der heiligen Gottesmutter durch fromme Wallfahrer an diesem Ort täglich zunahm, wurden mehrere Wohltäter, um das erste so beklagenswerte Ereignis für die Zukunft einigermaßen zu verhüten, bewogen, die Eiche ringsum mit Bankläden einfassen zu lassen, um dadurch anzudeuten, dass man hier ein Marien-Heiligtum verehre zur Verherrlichung Gottes.

Und wirklich bewies der Herr seine allmächtige Gegenwart bei der Verehrung der Himmelskönigin an dieser Stätte so segensreich, und sein Erbarmen ergoss sich auf die Fürbitten Marias über so viele kranke und hilfsbedürftige Pilger, dass sie fortwährend als das „Heil der Kranken“ erkannt und fort und fort hochgepriesen wurde. Der Abt Placidus von Altenburg und der Graf Philipp Joseph von Hoyos entschlossen sich deshalb, unter Verwendung der eingegangenen Opfergelder eine Kapelle von Stein bauen zu lassen. Im Jahr 1732 wurde der Bau der ersten kleinen Kapelle vollendet; und nun wuchs die Zahl der Pilger so außerordentlich, dass man im Jahr 1738 nahe an fünfzigtausend zählte, und schon 1744 der Grundstein zu der gegenwärtigen großen und schönen Kirche gelegt werden konnte.

Rührend ist es, wenn der wegesmüde Pilger naht und beim Anblick seines Wanderziels, der Gnadenkirche, andachts- und vertrauensvoll ausruft: „Heilige Maria, du Heil der Kranken, bitte für mich!“

(Aus: Heilige Sagen in Österreich von J. Gebhart)