Gegrüßet seist du, Königin

 

Die Entstehung eines trauten Gebetes

 

Von Josef Zimmermann

Aus „Kirchenzeitung für das Bistum Köln“

Verlag J.P. Bachem, Köln, 9. November 1947

 

Auf einer Burg nahe der noch jungen Donau, die, größer und größer werdend, als ein gewaltiger Strom sich später ins Meer ergießt, wurde im Jahr 1013 dem Grafen Wolfram von Veringen und seiner Frau Hiltrud ein Sohn, Hermann, geboren. Wie klein und armselig aber war dieses Kind! Sein Rücken war gekrümmt, es konnte nicht einmal lustig mit den Beinen strampeln, wie Kinder es tun. Es lag gelähmt in seiner Wiege und konnte sich nicht rühren. Mancher Arzt kam zu dem kranken Kind, aber keiner konnte ihm helfen.

Wie der Junge fünf Jahre alt war, saß er oft im Lehnstuhl am Fenster, schaute hinunter ins Tal und hörte das Lachen und Tollen der Kinder, das heraufscholl. Die Eltern taten ihm alle Liebe an, die Mutter sang mit ihm alle Lieder, die sie nur kannte. Doch Hermann war gefesselt wie ein Vogel im Käfig. Abends, wenn die Sterne aufglänzten, schaute Hermann in die weite Welt Gottes, unfassbar und fern einem jeden Menschen. Von Rittern und Riesen, die Gewaltiges vollbringen, von Zwergen, die zaubern, mochte die Mutter dem Kind nicht erzählen, um ihm, dem Gelähmten, Hilflosen, nicht weh zu tun. Doch von Notker, dem Stammler, der so manches Lied den Menschen geschenkt hat, dass sie es sängen im Gotteshaus, erzählte sie ihm. Von frommen Mönchen erzählte sie Hermann, unter denen vor langer Zeit Notker lebte. Und nun sangen gar viele Menschen des armen Stammlers Lieder. Das tat dem gelähmten Hermann wohl. Oft saß die Mutter bei ihm, las ihm aus Büchern, geschrieben von klugen Mönchen, vor, erzählte von armen, kranken Menschen, die dennoch Gewaltiges geleistet hatten. Immer wieder fragte Hermann, die ganze Welt wollte er kennenlernen, der Grafensohn, der gebannt war in seinen Lehnstuhl, in seine Stube. Da erkannte die Mutter, dass ihr Kind so viele Fragen hatte nach all den Dingen und Rätseln der Welt, dass selbst die Eltern nicht immer eine Antwort wussten. Niemals aber würde Hermann auf stolzem Streitross dahersprengen, ihm, dem Krüppel, würde die Grafenkrone versagt bleiben. Öffnete sich nirgends das Tor der Welt solch sehnsüchtigen Wünschen?

Da dachten die Eltern an die Mönche auf der Reichenau, dort, wo die Welt weit und schön daliegt, wo Schüler die Weisheit Gottes und der Welt erlernen. Würde ihr armes, hungerndes Kind reich und weise werden wie Notker, der arme Stammler?

An einem Sommertag fuhren die Eltern mit dem siebenjährigen Hermann im schmucken Wagen zum lächelnden Bodensee, der glänzte wie das Auge Gottes. Im Kloster der Reichenau wurde Hermann Schüler, lernte gar vieles, erfuhr von Gottes Herrlichkeit und den dunklen Rätseln der Welt. Da wurde sein Herz weit und froh. Nur manchmal, wenn er, in den Lehnstuhl gebannt, aus seiner Zelle hinausschaute über das Wasser des Bodensees, wo seine Kameraden sich tummelten mit fröhlichem Lachen, wenn er seine Freunde heimkehren sah von Wanderfahrten im fernen Gebirge, dann zuckte es leise und weh um seinen Mund. So weit ist der See, so weit ist die Welt, doch so eng ist die Zelle, so eng der Lehnstuhl, in den er gebannt ist! Der Lehrer erzählte den Jungen oft vom König Alexander, der als Junge ein wildes Pferd gebändigt und als starker Mann von Griechenland aus das weite Asien erobert hatte, von Mönchen, die mit dem Kreuz ins fernste Land gezogen waren, Welteroberer Gottes – und er, Hermann, war wie der Riese Prometheus, der an einen Felsen geschmiedet ist! Manchmal, in einsamen Nächten, weinte Hermann still in sich hinein. Doch dann schaute er zu den Sternen, fern und unerreichbar einem jeden Menschen. Die Sterne und die Geschichte der Welt wurden Hermanns Liebe. Mit heißem Herzen und durstiger Seele nahm er alles in sich auf, was die Mönche ihn lehrten. Doch als ein Schüler nach dem anderen in die Welt zog, im Mönchsgewand, Verkünder der Erlösung durch das Kreuz, da wurde es einsam um Hermann. Weit ist die Welt, weithin lächelt der See, fern glänzen die Berge in schneeigem Licht, und so eng, so eng ist die Zelle! Ach, schaffen, schaffen wollen und nicht schaffen können! O hartes Geschick!

Mit zitternden, lahmen Fingern ritzt Hermann Worte in sein Wachstäfelchen, Worte vom Wissen um Gott, um die Welt, um die Sterne, dass mancher alte, weise Mönch erstaunt ob so viel Weisheit, die hinter blasser Stirn aufleuchtet. Da sitzt Hermann in seinem Lehnstuhl, diktiert gelehrten Mönchen, die aufhorchen wie Schüler, eine Weltgeschichte, deutet den Lauf der Gestirne, umfasst, wie ein Kind den Spielball, die Welt. Dann klingen Lieder in ihm auf, Lieder, die aus der Zelle zum Abt dringen. Priester ist er geworden, aber niemals kann er die geweihten Hände segnend emporheben am Altar. Gefesselt in seinen Lehnstuhl, darf er nicht, wie der Heiland am See Genezareth, ziehen zu den Menschen, er kann nur denken an die Welt, beten und leiden wie der ans Kreuz Gefesselte. Und draußen, da wandern seine einstigen Freunde wie Paulus, der Jünger Christi – und er ist sein Leben lang ein Gefesselter, wie Paulus in den letzten Jahren seines Lebens! Wie Maria von Nazareth, so muss er bleiben und kann nicht mit Christus ziehen durch die Welt, dass sie werde zur Welt Gottes! Nur unter dem Kreuz, an dem der Erlöser hängt, kann er ihm nahe sein, selber ein armer, gefesselter Mensch!

In seinem Fahrstuhl sitzt Hermann und lehrt die Schüler, die gesunde, starke Glieder haben, die Weisheit Gottes, die Weisheit der Welt. Lieder singt er ihnen von Gottes Lob, vom Kreuz der Erlösung, vom Tal der Tränen, vom Elend, aus dem wir wandern zur ewigen Heimat, wo alles heil und weit und licht und froh ist. So wird er Musiklehrer des Klosters; seine Gesänge erklingen im Chor, vor dem Altar, dem heiligen Berg Gottes, den er niemals ersteigen kann. Hermann ist gebannt ins Tal der Tränen, sein Blick aber richtet sich auf das ewige Jerusalem.

Als die Kunde vom Tod seiner Mutter zur Reichenau dringt, wo der arme Hermann im Lehnstuhl sitzt, da denkt er an eine Mutter, die dem armen, ans Kreuz Gefesselten nahe war wie einst seine Mutter ihrem armen, gelähmten Kind. Und süß und weh kommt es von seinen Lippen:


„Gegrüßet seist du, Königin,

Mutter der Barmherzigkeit,

Unser Leben, unsere Süßigkeit,

Unsere Hoffnung sei gegrüßt!

Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas,

Zu dir seufzen wir

Trauernd und weinend

In diesem Tal der Tränen.

O wende du, unsere Fürsprecherin,

Deine barmherzigen Augen zu uns,

Und nach diesem Elend zeige uns

Die gebenedeite Frucht deines Leibes, Jesus!“

 

Und all die Gefesselten dieses Lebens, die sich sehnen nach großer Arbeit, die schaffen möchten und nicht schaffen können, sie beten und singen Hermanns Gebet.

Das Jahr 1054 wird für Hermann zum Jahr des Herrn, der ihm sein ewiges Reich öffnet, als zur Herbstzeit über der Reichenau Zugvögel dem ewigen Frühling des Südens entgegenwandern.