Die Salbung zur Genesung

 

Bruder Friedrich von Hamburg, dieser kostbare Schatz der so schönen und großen Handelsstadt an der Elbe, wurde von edlem Stamm geboren, trat, noch sehr jung, in das dortige, damals schon weithin bekannte und berühmte Prediger-Kloster.

All sein Leben war beflissen, Gott dem Allmächtigen und seiner preiswürdigsten Mutter Maria mit Eifer und Andacht zu dienen, weshalb er auch bei der milden Himmelskönigin in hohen Gnaden stand.

Das zeigte sich besonders einmal, als er in den heißen Tagen des August-Monats tödlich erkrankte, so dass ihm von herbeigerufenen Ärzten das Leben abgesprochen wurde. Da erschien ihm am Tag ihrer glorreichsten Himmelfahrt die allerseligste Jungfrau Maria in der Gesellschaft der heiligen Maria Magdalena und der heiligen Märtyrin Katharina. Diese trug einen Weihkessel mit gesegnetem Wasser, jene ein kristallenes Gefäß mit Salböl. Als die hehre Königin mit dieser ihrer himmlischen Begleitung in die Zelle des frommen Mannes trat, sprach sie grüßend die Worte: „Friedrich, sei getrost, denn von deiner Krankheit wirst du bald geheilt sein!“ Da nahm sie aus den Händen der heiligen Magdalena die kristallene Ölbüchse und begann den Kranken mit Öl zu salben, und zwar unter ähnlichen Zeremonien und Worten, wie sie der Priester der Kirche bei der Spendung des Sakramentes der letzten Ölung anwendet. „Ich salbe deine Lippen“, sprach sie, „damit sie würdig das Lob meines Sohnes verkündigen; ich salbe deine Brust und dein Herz, auf dass Jesus Christus darin ruhe; ich salbe deine Hände, damit sie stets unbefleckt den hochheiligen Fronleichnam im Sakrament des Herrn anrühren; ich salbe deine Füße, damit sie auf dem Weg der Gebote Gottes und der Verkündigung seines Wortes nie ermüden!“ . . . und so salbte sie, die göttliche Mutter, in dieser Erscheinung alle Glieder des Bruders Friedrich, der wie halbtot und besinnungslos dalag, den Blick voll Freude und Bewunderung fest auf die „himmlische Ärztin“ geheftet, die, nach der Salbung mit dem heiligen Öl, nun auch den Wedel mit Weihwasser aus den Händen der heiligen Katharina nahm und in Kreuzesform damit den Kranken besprengte. Dann sprachen alle drei den Segen über ihn und verschwanden.

Bruder Friedrich kam gleich darauf zu sich, fühlte sich vollständig genesen und wieder bei Kräften, und erzählte mit selig verklärten Mienen seine Vision einigen Brüdern. Damit aber die Klostergenossen keinen Zweifel in seine Erzählung zu setzen brauchten, sprang er in demselben Augenblick von seinem Krankenlager empor, legte den Habit an und lief eilends der Kirche zu, um „seiner liebreichsten Ärztin“ von Grund des Herzens zu danken. Indem er so der Sakristei zulief, begegnen ihm zwei Krankenwärter, die, wohl wissend, in welchem kläglichsten Zustand er sich noch vor kurzem befunden hatte, nicht anders glaubten, als der Kranke sei im heftigsten Fieber und habe den Verstand verloren. Sie packten ihn daher herzhaft an, um ihn sogleich ins Krankenhaus zurückzuführen. Er aber lächelte und sprach: „Nein, meine Brüder, nicht ins Krankenhaus, sondern in die Kirche will ich, um meiner himmlischen Helferin für die Gnade meiner Genesung zu danken, und an diesem ihrem hohen Festtag das hl. Messopfer darzubringen!“ Da ließen sie ihn, und er erzählte nun den ganzen Hergang der Sache. Dann feierte er in der Gegenwart aller, unter Vergießung vieler Freudentränen, die heilige Messe.

Danach lebte Bruder Friedrich noch drei Jahre in großer Reinheit und Vollkommenheit. Er scheint seine Vaterstadt Hamburg nie verlassen zu haben, bis er im Jahr 1250 eines seligen Todes verstorben ist.

(Aus: Ephemerides von Steill)