Die Pest-Prozession zu Rom

 

Italien war in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts von einer schrecklichen Überschwemmung heimgesucht worden, und der Schaden, den sie überall anrichtete, erwies sich als unberechenbar. Doch kaum zogen die verheerenden Gewässer dahin, als ein neues Unheil alle Gemüter beängstigte. Eine grausam wütende Pest raffte Tausende unerbittlich dahin, und auch der Papst Pelagius wurde ein Opfer dieser Seuche. Sein Nachfolger auf dem bischöflichen Stuhl zu Rom, Papst Gregor der Große, erklärte diese Heimsuchungen Gottes als wohlverdiente Strafen für die Sünden des ganzen Volkes, ermahnte zur Buße und Besserung des Lebens, forderte zum reumütigen und vertrauensvollen Gebet zu Gott auf, der wohl die Sünder durch seine Strafgerichte züchtige, aber an dem Tod des Sünders kein Wohlgefallen habe, sondern vielmehr wolle, dass er sich bekehre und lebe, und ermunterte zugleich auch zum gläubigen, zuversichtlichen Gebet zu Maria, der Himmelskönigin, die ja jeder Zeit als die „Mutter der Christen“ sich bezeigt habe.

Um dieser seiner Gesinnung und Überzeugung nun auch äußerlich einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen, um seine Worte zur Tat zu gestalten, ordnete er die berühmte „siebenfältige“ Prozession an. Die gesamte Einwohnerschaft der Stadt Rom und der umliegenden Gegend wurde in sieben Scharen abgeteilt. Jede Schar versammelte sich in einer anderen Kirche, um von da aus nach St. Peter zu ziehen, wo sich alle wieder vereinigten. Die Kleriker zogen von der Kirche des heiligen Johannes des Täufers aus, die Männer versammelten sich in der Kirche des heiligen Martyrers Marcellus, die Mönche bei St. Johannes und St. Paulus. Die Prozession der Jungfrauen und Nonnen ging von der Kirche der heiligen Martyrer Cosmas und Damianus aus, die verheirateten Frauen von St. Stephanus, die Witwen von Vitalis, die Armen und die Kinder von St. Cäcilia.

Der Papst selbst begab sich in die prachtvolle Liebfrauenkirche „Ara coeli, Himmels-Altar“, die an der Stelle erbaut ist, wo ehedem zur Zeit der Herrschaft des Heidentums der Jupiter-Tempel und das Capitol gestanden hatten, durch ihre vorteilhafte hohe Lage die ewige Stadt beherrscht und der Welt verkündet, dass der Zepter nunmehr dem Götzen Jupiter entwunden wurde, und der Eine, dreipersönliche Gott hier und auf der weiten Erde im Geist und in der Wahrheit angebetet werde. In der Kirche angekommen, nahm der Oberhirt der Christenheit das Bild der allerseligsten Jungfrau Maria, das der Sage nach von St. Lukas, dem Evangelisten, selbst gemalt sein soll, in seine Hände und die Prozession setzte sich in Bewegung.

Als man an dem Damm des Kaisers Hadrian vorüber kam, hörte man plötzlich in den Lüften himmlische Stimmen, die sangen:

 

„Regina Coeli laetare! Alleluja!

Quia quem meruisti portare, Alleluja!

Resurrexit, sicut dixit! Alleluja!

Freu dich, du Himmelskönigin! Halleluja!

Den du zu tragen würdig warst, Halleluja!

Ist auferstanden, wie er es gesagt hat! Halleluja!“

 

Der Papst und das ganze Volk aber, von heiligem Staunen ergriffen, fügten demütig bei:

 

„Bitt Gott für uns! Halleluja!“

 

Zu gleicher Zeit sah man einen vom Licht funkelnden Engel, der ein Schwert wieder in die Scheide steckte. Die Pest aber hörte noch an demselben Tag auf.- Dies geschah im Jahr 596 am hochheiligen Pfingstmorgen.

Vier noch heutzutage bestehende Tatsachen geben fort und fort für diese durch die huldreiche Vermittlung der heiligen Muttergottes erlangte Hilfe und für die wunderbare Begebenheit aller Welt Zeugnis. Und zwar: 1. Der Gesang „Regina coeli laetare!“, der seitdem während der hochheiligen Osterzeit von der katholischen Kirche an Maria gerichtet wird. 2. Eine Inschrift, die geradezu über dem Hochaltar der Kirche „Ara coeli“ sich befindet und den genannten Lobgesang verewigt. 3. Die eherne Statue des Erzengels Michaelüber dem Damm des Kaisers Hadrian, der seitdem der „Engelsberg“ genannt wird. 4. Die alljährliche Prozession am St. Markustag, die zum ewigen Gedächtnis an diese wunderbare Erscheinung und außerordentliche Bitt-Erhörung in der gesamten Christenheit stattfindet.

 

(Nach der Erzählung des Geschichtschreibers Walafried Strabo)