Der kranke Schläfer beim Taufstein

 

Joseph Locatelli, auf der Insel Zypern als Türke geboren und zu Florenz getauft, ist vierzehn Monate lang mit der Wassersucht im höchsten Grad behaftet gewesen, so, dass ihm die Ärzte in den Spitälern, in denen er sich auf seiner Reise aufgehalten hatte, das Leben gänzlich abgesprochen haben. Deswegen wurde er Willens, sich von Wien nach Görz zu seinen Brüdern zu begeben, trat also die Reise, wiewohl elend und mühselig, an, und kam den 19. April 1737, am Karfreitag, gegen Abend nach Neunkirchen im Steinfeld. Hier wollte ihn niemand in die Herberge aufnehmen, aus Furcht, der elend kranke Mensch möchte ihnen liegen bleiben und selbe Nacht zur Leiche werden. Dennoch ist er beherbergt worden, ohne Zweifel aus besonderer Anordnung Gottes, der durch die Fürbitte seiner Mutter, seine Allmacht an diesem armseligen Kranken zeigen wollte.

Des anderen Tages, am Karsamstag, hatte er sich entschlossen, entweder aus Schwachheit oder der heiligen Zeiten wegen, über den Ostertag in Neunkirchen zu bleiben; aus dieser Ursache ist er nachmittags zwischen ein und zwei Uhr zur Klosterpforte gekommen, um sich ein Almosen zu erbitten, womit er das Bettgeld für die künftige Nacht zahlen könnte. Die Geistlichen, deren etliche zusammen gekommen waren, betrachteten seinen Zustand, bedauerten sein Elend und gaben ihm etwas zu essen und zu trinken; allein er tat nur einen Schluck, vorgebend: essen könne er nichts. Und obwohl ihn über die Maßen dürste, so könne er dennoch nichts trinken, weil er ein so schreckliches Brennen darauf bekomme, dass er glaube, es sei pur lauteres Feuer auf der Brust und im Magen. Darüber erteilte ihm einer aus den Geistlichen, Pater Aurentius mit Namen, das Almosen, schenkte ihm einen Rosenkranz, und führte ihn in die Kirche zum heiligen Grab, sprechend: „Siehe, hier ist der Brunnen des Heils! Dieser, der da ausgesetzt ist, kann dir allein helfen; bete fleißig!“ und damit hat er den Armseligen verlassen.

Er, nachdem er einige Zeit vor dem hochwürdigsten Gut gebetet hatte, ging ganz abgemattet in die nicht weit davon entlegene, aber finstere St. Nikolaus-Kapelle, des Willens, sich in einen Winkel zu setzen, auszuruhen und dann wieder zu beten. Da erblickte er in einer Ecke den aufgerichteten Taufstein, und war der Meinung, sich dahin zu begeben. Im Vorbeigehen aber fiel ihm auf einem kleinen schlichten Altar ein Muttergottesbild und zwar Maria-Hilf in die Augen. Er empfand eine absonderliche Andacht zu dem Bild, kniete davor nieder, und bat mit einem kindlichen Vertrauen die allerseligste Jungfrau: sie möchte ihm in seinem großen Elend helfen, und befahl sich in ihren mütterlichen Schutz.

Nach vollendeter Andacht setzte er sich beim Taufstein nieder, legte den Kopf auf die Stufen desselben und schlief ein. Da erschien ihm die heilige Gottesmutter Maria in derselben Gestalt, in der sie auf dem Altar gemalt war, und fragte ihn, was er hier begehre? Darauf antwortete er: „Unsere Liebe Frau, entweder meine Gesundheit oder einen glückseligen Tod!“ Und alsobald nahm die Muttergottes ein weißes Gefäß aus ihrem Ärmel und gab ihm zu trinken. Und nachdem er getrunken hatte, verspürte er sogleich im ganzen Leib eine Bewegung, und es schien ihm, als zöge es durch alle seine Glieder, worüber er aufwachte und merkte, von allen Schmerzen befreit zu sein. Und als er aufgestanden war, empfand er eine große Leichtigkeit, sein Leib war nicht mehr geschwollen, sondern frisch und gesund.

Er kniete alsogleich bei dem genannten Altärlein nieder, dankte mit lauter Stimme der göttlichen Mutter für die ihm erwiesene Gnade und geschenkte Gesundheit, und lief hernach in die Kirche, mit heller Stimme rufend: „Miraculum! O benedicta Virgula Maria!“

Schließlich eilte er ins Kloster und zeigte alles, was mit ihm vorgegangen war, der geistlichen Obrigkeit an, die ihn öfter von zwei Vätern examinieren und seine Aussage mit einem körperlichen Eid durch Berührung des Cruzifixes und Evangelienbuches bekräftigen ließ.

(Aus: Die Mariensagen in Österreich von J. P. Kaltenbäck)