Der gesegnete Trunk

 

Es war im Jahr 1038, als Gisela, die Schwester des deutschen Kaisers Heinrich II., des Heiligen, und Witwe des heiligen Stephan, Königs von Ungarn, Panonien verließ, um sich vor den Unruhen im Land zu flüchten, und glücklich in Wien anlangte.

Als sie nun hier nach Verlauf einiger Zeit mit einem täglichen Fieber behaftet wurde und alle angewandten Arzneien für die Hebung ihres Leidens sich als unwirksam erwiesen, dachte sie: vielleicht würde eine öftere Bewegung in der frischen Luft ihr zu der vorigen Gesundheit verhelfen. Und frohen Sinnes begann sie alsbald ihre Wanderungen in die nächsten Auen und Waldungen.

Als sie nun eines Tages wieder eine ziemliche Strecke Wegs gegangen war, verlangte sie, weil von heißem Durst gequält, sehnsüchtig nach einem frischen Trunk Wassers. Die Dienerschaft fand denn auch nach emsigem Suchen eine Quelle. Und als die vor Durst lechzende Königin den ganz mit wilden Gesträuchen überwachsenen Brunnen zu öffnen und Wasser zu schöpfen befahl, sah man allplötzlich – eine gar anmutige, von Lindenholz geschnitzte Statue der allerseligsten Jungfrau Maria, das liebwerteste Jesuskind im Arm tragend, im rot gemalten Kleid und blauen Mantel, samt einem goldenen Gürtel. Über diesen kostbaren Fund hoch entzückt, trank die leidende Königin, voll des Zutrauens und des Trostes Marias, des „Heiles der Kranken“, von diesem von ihr gleichsam gesegneten Wasser und – genas vollkommen.

Gisela ließ, nach dem völlig verschwundenen Fieber, zur immerwährenden Dankbarkeit eben daselbst eine Kapelle errichten und das hehre Marianische Gnadenbild zur öffentlichen Verehrung darin aufstellen.

Die Kapelle führt den Namen „Maria-Brunn“.

 

(Aus: Geschichte der österreichischen Klerisei von Marian)