Der Auftrag an einen Wahnsinnigen

 

In einem der höheren Alpentäler Tirols hat einst ein wackerer Landmann gelebt, dessen Haus an den Abhang einer weißen Felsenwand sich lehnte, und der deshalb Leonard der Weißensteiner genannt wurde.

Aus unbekannten Ursachen geriet dieser rechtliche, von seinen Nachbarn geehrte Mann in einen Wahnsinn, der so oft zur Raserei sich steigerte, dass seine eigene Familie gezwungen war, ihn Jahre lang in engem Gehorsam zu halten.

In der Einsamkeit des düsteren Gemäuers, das ihn umschloss, kehrte zuweilen, wie er späterhin aus lebhafter Erinnerung mitgeteilt hatte, sein Bewusstsein zurück. In solchen Augenblicken geistigen Dämmerlichtes war es ihm jedesmal, als würde ihm von der heiligen Jungfrau Maria der Auftrag gegeben: auf der Höhe, die sein Haus beherrschte, eine Kapelle zu erbauen.

Eines Tages, in einem heftigen Anfall von Tobsucht, war es ihm gelungen, aus seinem Gewahrsam zu entrinnen. Erst nach langem Suchen fanden ihn seine Angehörigen in einem felsigen Abgrund, in den er hinabgestürzt war, ohne Schaden zu nehmen. Er schien vielmehr völlig von seinem Irrsinn genesen, so dass er die Geschäfte des Hauswesens wieder betrieb, das inzwischen in Unordnung geraten war. Seines Auftrags war er jedoch nicht früher eingedenk, als bis er von einem Rückfall wieder zu sich gekommen war. Nun ging er eifrig ans Werk. Und während er, um den Unterbau vorzubereiten, den Boden aufgrub, fand er in geringer Tiefe ein zierlich gearbeitetes, kleines Marmorbild, das die schmerzhafte Muttergottes darstellte.

Wie davon die Kunde sich verbreitete, fanden sich viele hilfreiche Hände ein, so dass der Bau der Kapelle rasch gefördert wurde, in der, seit jener Zeit, nicht wenig Gemütskranke, wie die Sage berichtet, die Genesung erlangt haben.

 

(Aus: Mater dolorosa von Dr. J. E. Veith)