22 - Von der Liebe Gottes

 

1. „Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: die größte unter ihnen ist die Liebe“, sagt der Apostel Paulus. Die Liebe ist aller Tugenden Königin, das Band der Vollkommenheit. Jede Tugend erhält ihre Weihe und Vollendung durch die Liebe, jedes gute Werk erhält seinen höchsten Wert und sein schönstes Verdienst durch die Liebe. Die vollkommene Liebe zu Gott hat solche Kraft, dass sie die Seele selbst von schwerer Sündenschuld reinigt, so dass keiner verlorengehen kann, wenn er die Liebe hat. Hat aber einer die Liebe nicht, so nützt ihm alles andere nichts. So sagt der Apostel: „Wenn ich alle meine Habe den Armen austeilte zur Speise, und wenn ich auch meinen Leib hingäbe zum Verbrennen, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Alles, was Gott von dir verlangt, ist im Grunde nur eins: du sollst ihm dein Herz schenken. Alle Gebote, die der Herr gegeben hat, sind enthalten in dem Einen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben.“

 

2. Kein Geschöpf hat auf Erden gelebt und kein Engel ist im Himmel zu finden mit einer solchen Glut innigster Gottesliebe, wie sie die Seele der allerseligsten Jungfrau Maria immerdar erfüllt hat. Die Liebe war es die sie antrieb, sich ganz dem Herrn zu weihen in unberührter Jungfräulichkeit. Aus Lieb brachte sie das Teuerste zum Opfer dar auf dem Altar des Kreuzes, ihren liebsten Sohn und Herrn, und die Liebe verzehrte ihr Leben, gleichwie eine Kerze sich verzehrt in der Flamme. Maria ist die Braut des Hohenliedes, die Tag und Nacht keine Ruhe hat und unter Tränen und Klagen den Geliebten sucht, bis sie ihn gefunden hat, und jubelt: „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein.“ Im Tod hat sie ihn gefunden auf ewig, aus Liebe ist sie gestorben. Wenn doch nur ein einziger Funke dieser Liebesglut in unser kaltes Herz fiele!

 

3. „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und was will ich anders, als dass es brenne?“ So spricht der göttliche Heiland. In seinem eigenen liebeflammenden Herzen hat er dieses Feuer auf die Erde gebracht; sein ganzes Leben war ein Ausströmen der Liebe, und der Tod war das herrliche Aufflammen der Liebesglut. „Denn größere Liebe kann niemand haben, als wer sein Leben dahingibt für seine Freunde.“ Noch immer geht der Herr durch die Welt und klopft an unser Herz, um Einlass zu finden; noch immer bietet er sich selber dar im Mahl der Liebe, und doch bleibt unser Herz so kalt und liebeleer. Noch immer will das Feuer nicht recht brennen, das der Herr auf Erden entzünden will. Für so viel Liebenswürdigkeit so wenig Liebe; für so viel Liebe so wenig Gegenliebe! Wohlan, meine Seele, verschwende deine Liebe nicht an die Geschöpfe, sondern gib dich ganz dem dahin, der aller Liebe unendlich würdig ist, und in dessen Liebe du das höchste Glück der ewigen Wonne finden wirst.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, um durch die Fürbitte Mariä in der Gottesliebe zu wachsen.

Zusatz: . . . Jesus, der die Liebe in uns entzünden wolle.

 

Gebet

 

Maria, du Mutter der schönen Liebe, die du in der Gottesliebe deine höchste Vollkommenheit und deine schönste Seligkeit gefunden hast, entflamme unsere kalten Herzen durch dein Vorbild und erflehe uns die Gnade, dass wir täglich in der Liebe wachsen. Lass nicht zu, dass diese kostbare Tugend uns jemals verlorengehe durch eine schwere Beleidigung Gottes, sondern erlange uns durch deine Fürbitte, dass wir in der Liebe ausharren bis an unser Ende. Amen.