10 - Vom Gebet

 

1. Das Gebet ist das Große allgemeine Gnadenmittel, das wir täglich anwenden sollen. „Bittet, und ihr werdet empfangen“, sagt der Herr. Wohl gibt uns der gütige Gott viele Gnaden, ohne dass wir darum bitten; er muss uns ja bei jedem Gebet mit seiner Gnade zuvorkommen. Manche Gnaden aber erlangen wir nur durch das Gebet, und schon darum ist das Gebet nicht nur wichtig, sondern notwendig als Mittel zur Seligkeit. Auch hat der Herr uns das ausdrückliche Gebot gegeben, dass wir beten sollen, und hat uns diese Pflicht durch sein eigenes Beispiel tief einprägen wollen. Immer wieder berichtet das Evangelium, dass der Heiland die Einsamkeit aufsuchte, um zu beten.

 

2. Abgesehen davon, dass das Gebet als ein notwendiges Gnadenmittel verordnet und durch ein ausdrückliches Gebot anbefohlen ist, ergibt sich die Pflichtmäßigkeit des Gebetes ganz von selbst aus unserem Verhältnis zu Gott. Wenn Gott unser höchster, unbeschränkter Herr ist, der uns zu seiner Ehre erschaffen hat, dann müssen wir ihm die gebührende Ehre geben, indem wir ihn anbeten, loben und preisen. Wenn Gott uns alles geschenkt hat, was wir sind und haben, dann müssen wir ihm für seine Liebe und Güte danken. Wenn wir in allem auf Gott angewiesen sind, dann müssen wir im Gebet die Hand öffnen, um seine Gaben zu empfangen. Wenn wir unsern Herrn beleidigt haben, dann müssen wir ihm unsere Schuld bekennen und ihn um Verzeihung bitten. Wenn Gott sich würdigt, unser Vater zu sein, dann müssen wir vor seinem Angesicht erscheinen, um als Kinder vertrauensvoll mit ihm zu reden. Wer die rechte Gotteserkenntnis in der Seele trägt, der muss sich zum Gebet gedrängt fühlen. Und wie könnte die Liebe Gottes in einem Herzen wohnen, das sich nicht im Gebet zu Gott erhebt, um sich im Geist mit ihm zu vereinigen? Darum haben die Geisteslehrer recht, wenn sie sagen, dass das Gebet der Atem der unsterblichen Seele ist. Die Seele, die nicht betet, ist tot.

 

3. Eine Seele hat es auf Erden gegeben, die in vollkommenster Weise gebetet hat, so wie es Gott wahrhaft würdig ist. Das war die menschliche Seele des göttlichen Heilandes. Zu ihm haben die Apostel in staunender Bewunderung gesprochen: „Herr, lehre uns beten!“ Wenn du vor diesem erhabenen Beispiel des betenden Gottessohnes zagen möchtest, so blicke hin auf seine Mutter Maria, die ihm in aller Vollkommenheit und so auch im Gebet am nächsten stand. Wie sie vom Geist des Gebetes gesalbt und durchdrungen war, zeigt der herrliche Lobgesang des Magnifikat, der aus ihrer Seele strömte, bei der Heimsuchung Elisabeths. Als die Apostel im Abendmahlssaal zu Jerusalem mit ihrem Gebet den Himmel bestürmten, um den Heiligen Geist herabzuflehen, da war Maria mitten unter ihnen. Möchten wir doch von ihr lernen, oft und gut zu beten! Wer gut betet, lebt auch gut; wer gut lebt, stirbt auch gut.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, um durch die Fürbitte Mariä die Gnade des Gebetes zu erlangen.

Zusatz: . . . Jesus, der uns den Geist des Gebetes verleihen wolle.

 

Gebet

 

Maria, du hehre Braut des Heiligen Geistes, deine Seele war erfüllt von der Glut heiliger Andacht, dein ganzes Leben war ein wohlgefälliges Gebet vor dem Angesicht des Allerhöchsten. Siehe, wie kalt und trocken unsere Herzen sind, und wie armselig das Gebet ist, das wir Gott dem Herrn darbringen. Erflehe uns einen heiligen Eifer und eine treue Beharrlichkeit, dass unser Gebet dem Herrn gefallen möge, auf dass wir erlangen, worum wir bitten, vor allem Nachlassung unserer Sünden, Gottes Gnade, und endlich die ewige Seligkeit. Amen.