24 - Von der christlichen Klugheit

 

1. In gewissem Sinne ist die Klugheit von den sittlichen Tugenden die erste, weil sie gleichsam die Leuchte in der Hand trägt und den übrigen Tugenden den rechten Weg zeigt. Man muss die Tugend der Klugheit nicht verwechseln mit der Kraft des Verstandes, die eine natürliche Gabe ist, und erst recht nicht mit der Weltklugheit, die darin besteht, dass einer sich in weltlichen Dingen und Geschäften leicht zurechtfinden kann. Nicht selten stehen sich die Weltklugheit und die christliche Klugheit feindlich gegenüber, weil ihre Ziele und die Wege zum Ziel oft entgegengesetzt sind. Während die Weltklugheit das Irdische sucht, Ehre und Rang, Macht und Reichtum, schaut die christliche Klugheit nur auf das Ewige. Während die Weltklugheit listig und verschlagen ist und nicht selten unlautere Mittel wählt, verbindet sich die christliche Klugheit mit der heiligen Einfalt und geht immer den geraden Weg.

 

2. Wie wir an Eva den Mangel dieser Tugend sehen können, so ist Maria ein Vorbild der Klugheit. Eva wollte die Gefahr nicht erkennen, als die Schlange sie in verführerischer Weise ansprach; sie ließ sich in eine Unterhandlung ein, wo sofortige Flucht geraten war, und so kam sie zu Fall. Maria hörte den Gruß des Engels und erschrak über die Ehre, die ihr zuteil würde; aber sie schwieg in kluger Besonnenheit. Sie hörte die wunderbare Botschaft, dass sie die Mutter des Erlösers werden sollte, und mit klugem Bedacht hielt sie dem Engel das Gelübde ihrer Jungfräulichkeit entgegen. Erst als ihr die Versicherung geworden war, dass sie als Mutter des Erlösers Jungfrau bleiben sollte, nahm sie die himmlische Botschaft in Demut an. So handelt die christliche Klugheit: sie überlegt und erwägt, um den Willen Gottes recht zu erfassen und den Weg zu finden, der dem göttlichen Willen entspricht, und dann fasst sie ihren Entschluss, ohne weiter zu zögern.

 

3. Die Klugheit muss alle Tugendübung begleiten. Sie gibt die rechte Art und Weise an, sie zeigt das vernünftige Maß und die schöne Mitte, die vom Zuviel und vom Zuwenig gleichweit entfernt ist. Die Klugheit muss unseren Verkehr mit den Menschen regeln. Sie lehrt uns das rechte Wort zur rechten Zeit. Sie zeigt uns, wie wir den Nächsten seiner Eigenart entsprechend behandeln müssen, um in Frieden mit ihm zu leben und ihn im Guten zu bestärken. Die Klugheit warnt uns vor den Gefahren, die unserem Seelenheil drohen, und gibt uns die besten Mittel an die Hand, um in der Vollkommenheit voranzuschreiten. Noch eins müssen wir uns merken. Die Klugheit hält sich nicht selber für klug, sondern sie ist immer bereit, zu fragen und zu lernen und sich Rat zu holen, zunächst bei Gott in seinem heiligen Wort, dann auch bei verständigen und zuverlässigen Menschen.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, um durch die Fürbitte Mariä die Tugend der Klugheit zu erlangen.

Zusatz: . . . Jesus, der uns die Tugend der Klugheit verleihen wolle.

 

Gebet

 

Maria, du kluge Jungfrau, erflehe uns Einsicht und Klugheit und bewahre uns vor der Torheit der Sünde und vor der Verblendung der stolzen Weltweisheit. Lass uns immer den rechten Weg erkennen und die rechten Mittel wählen, dass wir nicht in die Irre gehen, sondern die ewige Heimat glücklich erreichen. Amen.