27 - Von der Mäßigung

 

1. Der Starkmut kräftigt uns, dass wir auf dem Weg des Heils nicht zurückweichen vor dem, was unserer Natur unangenehm ist; die Mäßigung kräftigt uns, dass wir uns nicht verlocken lassen von dem, was unserer Natur angenehm ist. Das eine kann so gut ein Hindernis des Heils sein wie das andere, und so bildet die Mäßigung eine Ergänzung des Starkmutes. Die Mäßigung lehrt uns, das leidenschaftliche Begehren zu beherrschen und Maß zu halten in allen Dingen, so wie die vom Glauben erleuchtete Vernunft es uns vorschreibt. Diese Kardinaltugend umfasst mehrere besondere Tugenden, namentlich die Mäßigkeit, die sich auf den Genuss von Speise und Trank bezieht, die Keuschheit, die in der Beherrschung der sinnlichen Lust besteht, die Demut, die das übermäßige Verlangen nach Ehre und Ruhm überwindet, und die Sanftmut, die die Neigung zum Zorn im Zaum hält.

 

2. Die Mäßigung ist eine wichtige Tugend, denn sie hält die Begierlichkeit zurück, die so leicht im Menschen zur Leidenschaft heranwächst und ihn dann in viele Sünden stürzt. Sie ist eine schöne Tugend, denn sie schafft Ordnung in der Seele des Menschen, weil sie das Niedere der Herrschaft des Höheren unterwirft; sie verleiht der Seele eine liebliche Ruhe und eine erhabene Würde. Die Mäßigung ist Selbstbeherrschung, und diese Herrschaft ist wahrhaft königlich. Wie elend, wie niedrig und wie unglücklich wird dagegen der Mensch, der sich seinen Leidenschaften überlässt! Es geht ihm nicht anders als dem verlorenen Sohn, der so tief herunterkam, dass er die Schweine hüten musste und nach ihrem Futter hungerte.

 

3. Nicht leicht wird die Tugend der Mäßigung errungen, besonders wenn dem Menschen eine gewisse Leidenschaftlichkeit angeboren ist. Es kostet Kampf und Opfer. Die Kirche leitet uns an zum Fasten und zu anderen Abtötungen; sie ermahnt uns, dass wir uns auch in erlaubten Dingen mitunter etwas entziehen sollen, und diesen Weisungen sollen wir folgen. Maria hat das große Opfer nicht gescheut, dass sie schon in frühester Jugend ihr Elternhaus verließ und in der Einsamkeit des Tempels auf die Freuden des Weltlebens verzichtete. Von der greisen Prophetin Anna wird uns gesagt, dass sie noch mit vierundachtzig Jahren Gott diente mit Fasten und Gebet. Lass dich ermuntern durch diese erhabenen Beispiele! Eine unbeherrschte, ungeübte und weichliche Seele ist immer in Gefahr der Sünde. Wer sich aber selbst überwindet, der wird auch den Teufel und die Welt überwinden.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, um durch die Fürbitte Mariä die Tugend der Mäßigung zu erlangen.

Zusatz: . . . Jesus, der uns die Tugend der Mäßigung verleihen wolle.

 

Gebet

 

O Maria, du opferwillige, abgetötete Magd des Herrn, in deiner Seele hat sich niemals eine ungeordnete Regung gegen den heiligen Willen Gottes empört. Siehe, wie unsere Leidenschaft immer wieder sich erhebt und uns zu überwinden sucht. Hilf uns doch, dass wir allen Lockungen widerstehen und uns niemals fortreißen lassen, die Grenzen zu überschreiten, die Gottes heiliger Wille uns gesetzt hat. Amen.