9 - Von der göttlichen Gnade

 

1. Der Himmel ist hoch und der Weg dahin so steil, dass wir ohne besondere Hilfe Gottes niemals dorthin gelangen könnten. Der natürliche Zustand und die natürlichen Kräfte der Seele reichen nicht aus für ein Ziel, das alle Natur weit übersteigt, das ganz und gar übernatürlicher Art ist. Auch wenn der Mensch nicht gesündigt hätte, hätte er aus eigener Kraft nicht in den Himmel kommen können. Da er nun aber in Sünde gefallen ist und durch seine Schuld die Gnade der Gotteskindschaft verloren und seine eigene Natur verderbt hat, bedarf er der Gnadenhilfe Gottes in verdoppeltem Maße. Die unendliche Liebe des Erlösers hat am Kreuz die Sündenschuld getilgt und uns alle Gnade verdient, deren wir bedürfen, so dass kein anderer Name gegeben ist, in dem wir selig werden können, also der Name Jesus.

 

2. Die erste, höchste, kostbarste Gnade ist die heiligmachende Gnade. Sie ist das hochzeitliche Gewand, ohne das niemand zugelassen wird zum ewigen Hochzeitsmahl des Himmels. Sie ist aber mehr als ein äußerliches Kleid, sie durchdringt die Seele und gestaltet sie um, indem sie den Tod der Sünde hinwegnimmt und die Seele mit der Schönheit und Würde der Gotteskindschaft salbt. Sie erhöht den Menschen über sich selbst und verleiht ihm den Adel der Himmelsbürgschaft. Ein Abglanz von Gottes Heiligkeit spiegelt sich wider in der begnadeten Seele. Die heiligmachende Gnade in uns zu bewahren und zu vermehren, ist unsere Aufgabe auf Erden. Wie eine Knospe alle Schönheit der Blume umschließt, so liegt die Herrlichkeit des Himmels verborgen in dieser Gnade und wird aufblühen in der Ewigkeit.

 

3. Um die heiligmachende Gnade zu bewahren und zu mehren, dazu bedürfen wir eines besonderen göttlichen Beistandes, den wir als wirkliche Gnade bezeichnen. Diese Gnade erleuchtet unseren Verstand, dass wir das Gute erkennen und vom Bösen unterscheiden, sie bewegt und stärkt unseren Willen, dass wir die Sünde meiden und unsere Pflicht treu erfüllen. Ohne diese Gnade vermögen wir nichts zu tun für unser ewiges Heil. Allen Menschen gibt der Herr hinreichende Gnade, aber die Gnade will das Werk des Heils nicht allein vollbringen, wir müssen sie ergreifen und mit ihr wirken.

Meine Seele, trägst du den kostbaren Schatz in dir, die heiligmachende Gnade, so hüte ihn wohl! Du trägst ihn in einem gebrechlichen Gefäß. Hast du diesen Schatz verloren, so ruhe nicht, bis du ihn wiedergefunden hast; alle anderen Angelegenheiten sind gleichgültig gegen diese. Meine Seele, unzählige wirkliche Gnaden strömen dir zu, wie benutzt du sie? Siehe, unsere Mutter Maria wurde vom Engel gegrüßt als die Gnadenvolle. Sie ist von Gott geschmückt worden mit der Fülle der Gnaden; sie hat aber auch so treu die Gnade bewahrt und so eifrig mitgewirkt mit der Gnade wie keine andere Seele. So gnadenvoll wie sie im Leben war, so glorreich ist sie jetzt im Himmel.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, um durch die Fürbitte Mariä viele Gnaden von Gott zu erlangen.

Zusatz: . . . Jesus, der uns seine Gnade verleihen wolle.

 

Gebet

 

Sei gegrüßt, Maria, du Gnadenvolle! Du hast uns den gebracht, der uns alle Gnaden erworben und verdient hast. Du vermagst es, uns Gnade von Gott zu erflehen. So erbitte uns vor allem einen heiligen Eifer in der Bewahrung der heiligmachenden Gnade und in der treuen Mitwirkung mit allen wirklichen Gnaden, damit wir so durch die Gnade Gottes zur ewigen Herrlichkeit erlangen. Amen.