31 - Von der Vollkommenheit

 

1. „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Mit diesem Wort des Herrn wird Gott selbst als das Vorbild unserer Vollkommenheit hingestellt. Dieselbe Forderung hatte Gott schon im Alten Bund an Abraham gerichtet: „Wandle vor mir und sei vollkommen.“ Es gibt nur ein einziges Vorbild, das alle Vollkommenheit in unendlicher Fülle umfasst: das ist Gott. Dies Vorbild aber steht so unerreichbar hoch, dass wir in unserer Schwachheit und Armseligkeit den Mut verlieren möchten, wenn wir zu ihm aufblicken. Es wäre auch ganz vergebens, wollten wir nur mit eigenen Kräften diesen steilen Weg betreten, der uns durch Nachahmung der göttlichen Vollkommenheit immer näher zu Gott hinführen soll. Aber der Herr streckt uns seine Hand entgegen, die uns stützt und emporzieht. Das ist die Gnade. Mit ihrer Hilfe können wir in treuer Mitwirkung immer höher steigen, immer vollkommener und gottähnlicher werden. Und das ist unsere Aufgabe hier auf Erden, mit der wir nicht fertig werden, solange wir leben. Niemand darf stehenbleiben und zurückschauen. Jeder muss unablässig vorwärtsstreben, mit immer neuem Eifer, so dass er jeden Tag zu sich selber spricht: Heute fange ich erst an.

 

2. Ein jeder soll die Vollkommenheit erreichen, die ihm von Gott nach Maßgabe der ihm zugeteilten Gnade bestimmt ist. Nach freier Wahl teilt der Herr seine Gnade aus, und wenn er jedem genug gibt, so doch nicht allen gleich viel. So teilt der Herr auch einem jeden seinen Beruf zu, er stellt ihn auf den Posten und gibt ihm seine Aufgabe. Sei zufrieden und beneide deinen Bruder nicht; du bist reichlich bedacht worden. Sorge nur dafür, dass du die Gnade benutzt, dass du in deinem Beruf dein Heil wirkst, dass du die Stufe der Vollkommenheit erreichst, die du erreichen kannst. Auch Maria, die vor allen Geschöpfen zur höchsten Vollkommenheit berufen war und sie auch wirklich erreicht hat, steht doch unendlich tief unter Gott dem Herrn, und die bescheidenste Seele, die den letzten Platz im Himmel einnimmt, steht unvergleichlich hoch über allem irdischen Glanz und Ruhm. Sei zufrieden mit dem, was dir zugedacht ist, aber stelle dir ruhig vor, dass dir vielleicht ein hoher Platz im Himmel bereitsteht, und strebe mit allen Kräften danach, dorthin zu gelangen.

 

3. Es gibt viele Mittel der Vollkommenheit. Selbstprüfung und Selbsterkenntnis, Buße und Abtötung, Gebet und Sakramente, Betrachtung der ewigen Wahrheit, Wachsamkeit und Kampf gegen das Böse, Übung von guten Werken, alles das sind vorzügliche Mittel zur Erlangung der Vollkommenheit. Aber beachte wohl: es sind nur Mittel, in alledem liegt nicht die Vollkommenheit selber. Die Vollkommenheit besteht nicht in äußeren Übungen, so gut sie auch sein mögen, sie ist ganz innerlich und besteht in der vollen Hingabe an Gott, in der Gleichförmigkeit mit ihm, wie sie vor allem bewirkt wird durch die Liebe. Je größer und stärker und reiner die Gottesliebe in deinem Herzen glüht, um so vollkommener bist du, denn die Liebe ist das „Band der Vollkommenheit“.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, damit wir durch die Fürbitte Mariä fortschreiten in der Vollkommenheit.

Zusatz: . . . Jesus, der uns ein beharrliches Streben nach der Vollkommenheit verleihen wolle.

 

Gebet

 

In deiner Seele, o Maria, hat die göttliche Vollkommenheit sich am reinsten abgespiegelt. Du bist höher zu Gott emporgestiegen als irgendein anderes Geschöpf. Siehe, wir stehen noch so tief unten und fühlen uns beschwert von vielen Mängeln. Reich uns deine mütterliche Hand und unterstütze unser Streben, dass wir nicht nachlassen, bis wir das uns bestimmte Ziel erreicht haben. Amen.