23 - Von der Nächstenliebe

 

1. „Wenn jemand sagt, er liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner und betrügt sich selbst. Wie kann jemand Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht?“ So spricht der Apostel, den der Herr mehr als die anderen geliebt hat, und dessen ganzes Wesen von der Liebe verklärt war, der heilige Evangelist Johannes. Die Nächstenliebe ist gewissermaßen der Prüfstein der Gottesliebe. Die Nächstenliebe ist auch das Kennzeichen des wahren Christen. So spricht der Herr: „Daran sollen die Menschen erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch einander liebt.“ Wenn wir Kinder Gottes sein wollen, müssen wir einander als Brüder anerkennen und lieben. Wenn wir dem Heiland nachfolgen wollen, müssen wir ihm vor allem nachfolgen in der Liebe, weil sie vor allem sein ganzes Leben erfüllte. Nichts ist dem wahren Christentum und der Vollkommenheit so zuwider wie Herzenskälte und Gehässigkeit.

 

2. Die Nächstenliebe muss aber nicht bloß auf den Lippen wohnen, sondern wir müssen sie im Herzen tragen; sie muss sich nicht bloß in schönen Worten zeigen, sondern im Werk. Nur der liebt seinen Mitmenschen wahrhaft, der bereit ist, ihm zu helfen in der Not, der mit ihm trauert im Unglück und sich mit ihm freut im Glück, der auch bereit ist, ein Opfer zu bringen für den Nächsten, wenn es darauf ankommt. „Geben ist seliger als nehmen“, sagt der Herr; das ist ein Wort, dessen Wahrheit sich nur dem erschließt, der es selber in werktätiger Liebe erprobt. Immer wieder weist uns die Heilige Schrift hin auf die Werke der Barmherzigkeit, und der Heiland verheißt uns ein gnädiges Gericht, wenn wir diese Werke üben. Er will das, was wir dem geringsten seiner Brüder tun, so ansehen, als sei es ihm selber getan worden. Könnte er die werktätige Nächstenliebe wohl eindringlicher empfehlen?

 

3. Weil Maria Gott von ganzem Herzen liebte, darum war ihr Herz auch voll von aufrichtiger Liebe zu den Menschen. Ihre mitleidigen Augen sahen auf der Hochzeit zu Kana die Verlegenheit der armen Brautleute, und sie, die von ihrem Sohn nie etwas für sich selbst erbeten hatte in ihrer eigenen Armut, sie setzte alle Zurückhaltung beiseite und bat für die Brautleute. Ihrem liebevollen Herzen hat der Herr vom Kreuz herab die ganze Menschheit anempfohlen, und alle hat Maria mit ihrer mütterlichen Liebe umfangen. Wollen wir nun rechte Marienkinder sein, so müssen auch wir Liebe üben an unseren Brüdern und Schwestern. Gelegenheit dazu finden wir alle Tage, und möglich ist es einem jeden, denn es wird nicht von uns gefordert, dass wir reiche Spenden geben und große Opfer bringen. Gerade im Kleinen, im alltäglichen Leben bewährt sich das wahrhaft liebevolle Herz.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, um durch die Fürbitte Mariä in der Nächstenliebe zu wachsen.

Zusatz: . . . Jesus, der uns wahre Liebe zum Nächsten verleihen wolle.

 

Gebet

 

Maria, du liebevolle Mutter aller Gläubigen, du wirst niemals müde, deiner Kinder zu gedenken und ihnen mit deinem Gebet zu Hilfe zu kommen. Erbitte uns die Gnade, dass wir auch untereinander durch wahre Liebe verbunden seien, damit wir so würdig werden, deine Kinder zu heißen, und damit auch Gott der Herr uns als seine Kinder anerkenne. Amen.