28 - Von der Demut

 

1. Als die allerseligste Jungfrau Maria vom Engel Gabriel als die Gnadenvolle begrüßt wurde und die Botschaft erhielt, dass sie die Auserwählte unter allen Frauen sei, gab sie zur Antwort: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.“ Der Engel huldigt ihr als seiner Königin, er verkündigt ihr die höchste Würde der Gottesmutterschaft, und Maria nennt sich eine Magd. So demütig war sie in ihrem Herzen. Wohl erkannte sie die unvergleichliche Größe ihrer Auszeichnung. Sie sagt selber im Magnifikat: „Großes hat an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig.“ Aber alle Ehre gab sie Gott dem Herrn: „Er hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd.“ Das ist die wahre Demut, die Gottes Gabe und Gnade wohl zu würdigen weiß, aber keine Ehre für sich in Anspruch nimmt.

 

2. Die Demut wird das Fundament aller Tugend genannt. Je höher das Gebäude werden soll, umso tiefer muss das Fundament gelegt werden; je größere Vollkommenheit die Seele erreichen soll, umso demütiger muss sie sein. Die Demut gefällt Gott dem Herrn in vorzüglicher Weise, darum wählt er gerade die demütigen Seelen aus, um durch sie Großes zu wirken. Darum, sagt die heilige Theresia, ist die Demut Gott so angenehm, weil sie die Wahrheit ist. In Wahrheit sind wir Menschen aus uns selbst armselig und unwürdig, wie nichts zu achten; alles, was wir sind und haben, verdanken wir Gott. Die Demut ist gnadenreich. „Dem Stolzen widersteht der Herr, dem Demütigen schenkt er seine Gnade“, sagt die Heilige Schrift. So wurde das demütige Gebet des Zöllners erhöht, der stolze Pharisäer aber ging ungerechtfertigt nach Hause.

 

3. Wieviel Grund haben wir, demütig zu sein, wenn sogar die heiligste und gnadenreichste Gottesmutter sich nur als eine Magd des Herrn bezeichnen wollte! Aber wie oft verfehlen wir uns gegen diese Tugend, wie wenig ist die Demut fest gegründet in unserem Herzen! Vielleicht prahlen wir nicht mit offenen Worten, aber im Stillen überheben wir uns nur zu gern. Und werden wir nicht gleich unwillig, wenn wir nicht die Anerkennung finden, die wir wünschen, oder wenn wir getadelt werden? So wichtig und so schön die Demut ist, so schwer ist sie zu erlangen. Bete um diese Tugend, halte dir deine Armseligkeit vor Augen und betrachte das Gute als eine Gabe von Gott, deren du dich nicht rühmen darfst. Wenn die Versuchung über dich kommt, deine Mitmenschen zu verachten, so erwäge, dass du selber leicht in größere Fehler fallen könntest als sie, wenn Gottes Gnade dich nicht beschützte.

 

Lasset uns beten drei Ave-Maria, um durch die Fürbitte Mariä die Tugend der Demut zu erlangen.

Zusatz: . . . Jesus, der uns wahre Demut verleihen wolle.

 

Gebet

 

O Maria, du demütige Magd des Allerhöchsten, du hast uns den Heiland geboren, der sanftmütig und demütig von Herzen war, der gekommen war, nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen. Erbitte uns die Tugend einer aufrichtigen wahren Demut, dass unsere stolzen Herzen sich beugen vor Gott dem Herrn, auf dass wir Gnade finden vor seinem Angesicht. Amen.