Zweiundzwanzigster Tag - Das Gebet

 

1. Keine Seele auf Erden, sagt der heilige Alfons von Liguori, hat mit größerer Vollkommenheit die Lehre unseres Herrn: „Man muss allzeit beten und nicht nachlassen“, befolgt, als Maria. An niemand andern, schreibt der heilige Bonaventura, können wir ein besseres Beispiel nehmen, von niemanden können wir besser lernen, wie notwendig die Beharrlichkeit im Gebet sei, als von Maria. Sie kam schon als Kind von drei Jahren in den Tempel, um dort sich dem Gebet besser widmen zu können. Sie betete ohne Unterlass bei Tag und Nacht, indem sie ihr Herz zu Gott erhoben hielt: immer stiegen Gebete aus ihrem reinsten Herzen wie leuchtende Flammen zum Himmel empor. Nach dem Tod ihres göttlichen Sohnes und nach seiner Auffahrt zum Himmel besuchte sie häufig die Orte seiner Geburt, seines Leidens und Sterbens, betrachtete dort seine unendliche Liebe und gab uns ein Beispiel, wie auch wir das Leben, Leiden und Sterben des Herrn stets vor Augen haben, innerlich betrachten und ihm nachleben sollen. So fasse denn auch du, meine Seele, den festen Entschluss, das Gebet und die Betrachtung zu üben. Das Gebet ist der Schlüssel zu allen Gnaden des Herrn, durch die Betrachtung lernst du dich und die Welt verachten und dein Herz über alles Irdische hinweg zum Himmel erheben, durch die Betrachtung wirst du frei von leidenschaftlicher Anhänglichkeit an die Erde.

 

2. „Weil die allerseligste Jungfrau“, sagt der heilige Alfons, „das Gebet so sehr liebte, so trug sie auch eine so innige Liebe zur Einsamkeit und mied daher auch den Umgang mit Menschen so viel wie möglich“. Im Gebet mit ihrem Gott vereinigt traf sie der Erzengel Gabriel einsam in ihrem Kämmerlein an, als er ihr die frohe Botschaft brachte, dass sie Mutter Gottes werden sollte. Der heilige Bernhard sagt daher, dass Maria aus Liebe zum Gebet und zur Einsamkeit immer darauf bedacht war, die Unterhaltung mit den Menschen zu vermeiden, weshalb sie der Heilige Geist eine Turteltaube nannte! „Schön sind deine Wangen, wie die der Turteltaube!“ Denn die Turteltaube lebt einsam und deutet die innigste Vereinigung einer Seele mit Gott an. Ahme denn auch hierin Maria nach, ziehe dich gern von unnützem und unnötigem Umgang mit Menschen zurück und lebe stets in der Gegenwart Gottes. Musst du unter Menschen sein, unter ihnen leben und arbeiten, so erhebe dein Herz, so oft du kannst, durch heilige Seufzer zu Gott und versuche dann in den Stunden, wo du dir überlassen bist, mit Gott im Gebet dich zu unterhalten.

 

Lasset uns beten drei Ave Maria, um durch Maria die Gnade des beharrlichen und andächtigen Gebetes zu erlangen.

Gegrüßet seist du . . .

 

Gebet.

Allerseligste Jungfrau, liebe Mutter Maria, ich verlange von Herzen eine ähnliche Liebe zum Gebet und zur Einsamkeit, wie du sie gehabt hast. O bewirke doch, dass mein Herz sich immer mehr von den Geschöpfen weg zu Gott wende und in der Unterredung mit ihm seine einzige Freude suche. Amen.