Vierundzwanzigster Tag - Die Lostrennung von allen Geschöpfen

 

1. „Sohn, Tochter, gib mir dein Herz!“ ruft uns allen der Heiland zu. Er verlangt also unser Herz, unser ganzes Herz. Solange es aber noch unordentlich an irgendeinem Geschöpf hängt, gehört es nicht Gott. Die leidenschaftliche Anhänglichkeit an irdische Dinge, an vergängliche Geschöpfe ist ein stetes Hindernis der Vereinigung mit Gott. Daher sprach auch Jesus: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Der junge Mann, zu dem Jesus sagte: „Gehe hin und verkaufe alles, was du besitzt, und gib es den Armen und folge mir“, ging traurig von Jesus weg, weil sein Herz am zeitlichen Vermögen hing; er gelangte also nicht zur Vollkommenheit, zu der ihn der Heiland berufen hatte. Maria aber, unsere liebe Mutter, hat sich schon als Kind von dieser Welt und allen Geschöpfen getrennt. Von der Welt wollte sie nichts; gleich einem Vogel lebte sie immer frei in den reinen Lüften der Liebe Gottes. Trachte also auch du, meine Seele, dein Herz von den erschaffenen Dingen loszureißen. Gebrauche die zeitlichen Dinge, die Geschöpfe, nur als eine Leiter, um zu Gott emporzusteigen. Willst du erkennen, ob dein Herz noch an Erschaffenem hängt, darfst du nur darauf sehen, ob du bei dessen Verlust unruhig und betrübt wirst. Wirst du übermäßig unruhig, betrübt, wenn du irgendein Ding verlierst, wenn dir etwas entzogen wird, so ist dein Herz noch nicht losgetrennt, noch nicht vollkommen in Gottes Willen ergeben, der verlangt, dass du dich ihm ganz hingibst, ihn über alles liebst, ihn allein suchst.

 

2. Diese Lostrennung von allen Geschöpfen besteht aber nicht darin, dass man sie hasst oder verabscheut, denn alles, was Gott erschaffen hat, ist gut und hat seinen Zweck: die Verherrlichung Gottes. Wir dürfen die Erschaffung der Dinge auch gebrauchen, ja, wir dürfen sie lieben, allein nur wegen Gott, der sie erschaffen und gegeben hat. Nie sollen wir aber die vergänglichen Güter und Vergnügungen der Welt, nie die Geschöpfe über uns herrschen lassen, nie ihnen knechtisch dienen, nie ihnen unseren Willen gleichsam zum Opfer bringen. „Alles, alles ist eitel“, sagt Thomas von Kempen, „außer Gott lieben und ihm allein dienen“, und der heilige Paulus: „Gebrauche die Welt, alle ihre Geschöpfe, Güter und Freuden, als brauchtest du sie nicht“, d.h. brauche sie nur zur Ehre Gottes und zu deinem Seelenheil. So handelte auch Maria. Die ganze Welt mit all ihrer Herrlichkeit und Pracht war ihr gleichgültig, an nichts Vergänglichem hing ihr Herz. Gott, seine Verherrlichung, war das einzige Ziel ihres Strebens. Folge ihr nach, meine Seele, und du erlangst den Frieden und die wahre Freiheit der Kinder Gottes.

 

Lasset uns beten drei Ave Maria, um durch Maria die Tugend der Losschälung zu erlangen.

Gegrüßet seist du . . .

 

Gebet.

O gütige Mutter Maria, hilf mir doch, dass ich mich ganz und gar Gott unterwerfe, ihm alles, was ich bin und habe, freudig zum Opfer bringe und aus Liebe zu Gott, losgetrennt von allem Zeitlichen, nach dem ewigen Besitz des höchsten Gutes strebe! Amen.