Sechzehnter Tag - Die Tugend der Geduld

 

1. „In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen“, spricht der göttliche Heiland. Die Geduld ist also für uns Christen, die wir in diesem Tränental vielen Leiden unterworfen sind, eine unumgänglich notwendige Tugend. Christus, unser Heiland, leuchtet uns hierin als Muster voran, und nach ihm besonders seine heilige Mutter. Während ihres ganzen Lebens war sie Leiden aller Art unterworfen, aber nie wurde sie darüber betrübt, nie murrte sie gegen Gottes heilige Vorsehung. Ihr Herz blieb immer wie eine helle, ruhige Wasserquelle, und mit heldenmütiger Geduld ertrug sie alle Leiden. Ein Blick auf ihr göttliches Kind, das sie auf ihren Armen trug, dass in Unschuld vor ihren Augen lebte, duldend die größten Entbehrungen, machte sie getrost und bereitwillig, noch mehr Leiden zu dulden. Lerne, christliche Seele, von Jesus und Maria die himmlische Tugend der Geduld in allen Trübsalen üben und jede Regung der Ungeduld, der Erbitterung, des Zornes meiden.

 

2. Den höchsten Grad der Geduld bewies die Gottesmutter auf dem Kalvarienberg, wo sie mit ihren eigenen Augen ihr göttliches Kind am Kreuz sterben sehen musste. So hat noch kein Mensch gelitten, noch kein Mensch Schmerzen und Leiden ertragen. „Maria stand unter dem Kreuz“, schreibt der heilige Johannes. Wo das Herz auch des heldenmütigsten Menschen vor Schmerz zersprungen wäre, da stand mutig Maria, ohne vom Schmerz überwältigt zu werden, ohne zu sterben wurde sie hier die Königin der Märtyrer. Welche war denn die Stütze, die diese heldenmütige Mutter in diesem Meer der Schmerzen aufrecht erhielt? Die Geduld, in der sie sich ihr ganzes Leben geübt hatte und wodurch sie sich ganz in den Willen Gottes ergab. Willst du also wahrhaft ein Kind der geduldigsten Mutter sein, so ahme ihre Geduld nach. Nichts auf Erden kann dich mit mehr Verdiensten für den Himmel bereichern, als wenn du geduldig aus Liebe zu Gott alle Leiden erträgst. Die Geduld heiligt dich, sie gibt dir Kraft, mit ungestörtem Frieden sowohl das Kreuz, das Gott dir zuschickt, als auch die Leiden, die Menschen dir zufügen, zu tragen. Will deine Seele verzagen wegen deiner Leiden, will sie klagen und murren, dann betrachte Jesus am Kreuz und Maria zu seinen Füßen und schweige und dulde.

 

Lasset uns beten drei Ave Maria, um durch Maria die Tugend der Geduld zu erlangen.

Gegrüßet seist du . . .

 

Gebet.

O Königin der Märtyrer, du hast, obgleich du unschuldig warst, mit so großer Geduld gelitten: und ich, der ich die Hölle verdient habe, ich sollte nicht leiden? Ich bitte dich, meine liebe Mutter, um die Gnade, nicht etwa von meinem Leiden befreit zu werden, sondern nur, sie nach deinem Vorbild geduldig zu ertragen. Amen.