Fünfundzwanzigster Tag - Die Liebe Gottes

 

1. Je leerer das Herz von sich selbst und von den Geschöpfen ist, desto mehr wird es von der Liebe zu Gott erfüllt sein. Weil nun Maria so demütig, also leer von sich selbst, und so abgetötet, also leer von allen Geschöpfen war, deshalb wurde sie von der Liebe Gottes so erfüllt, dass sie, wie der heilige Bernhardin sagt, Gott mehr liebte, als die Menschen und Engel ihn lieben. Mit Recht wird sie daher eine Königin der Liebe, eine Mutter der schönen Liebe genannt. Sie erfüllte das Gebot: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben aus deinem ganzen Herzen“, auf das vollkommenste. Dieses vollkommene Liebesfeuer hatte das heiligste Herz Mariä so tief verwundet und durchdrungen, sagt der heilige Bernhard, dass nichts davon übrig blieb, was nicht von der Liebe erfüllt gewesen wäre. Sie konnte mit vollem Recht ausrufen: „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein“, und deshalb konnten nach dem Ausspruch des Richardus sogar die Seraphim vom Himmel herabsteigen, um von dem liebeerfüllten Herzen Mariä zu lernen, wie man Gott lieben soll. Warum liebst du noch etwas außer ihm? Ist er nicht wert, mehr als alles geliebt zu werden? Hat er dich nicht zuvor geliebt? Liebt er dich nicht noch immer?

 

2. Da nun Maria eine so große Liebe zu Gott trägt, so verlangt sie sicher nichts so sehr von ihren Verehrern, als dass auch sie Gott lieben, so sehr sie können. Das sagte sie auch eines Tages der seligen Angela von Foligno, nachdem sie kommuniziert hatte: „Angela, mein Sohn hat dich gesegnet: suche ihn also zu lieben, so sehr du vermagst.“ Auch sprach die allerseligste Jungfrau eines Tages zur heiligen Brigitta: „Wenn du dich mit mir vereinigen willst, meine Tochter, so liebe meinen Sohn.“ Siehe, die Mutter der schönen Liebe hat das innigste Verlangen, dass die Herzen aller Menschen von diesem Liebesfeuer erglühen wie das ihre. Darum nannte die heilige Katharina von Siena sie die Trägerin des Feuers der göttlichen Liebe. Willst du also auch, meine Seele, von dieser Flamme entzündet werden, so musst du suchen, durch treue Haltung der Gebote, durch Gebet und durch Anmutungen zu Gott immer mehr dieser geliebten Mutter zu gleichen.

 

Lasset uns beten drei Ave Maria, um durch Maria die heilige Liebe Gottes zu erlangen.

Gegrüßet seist du . . .

 

Gebet.

O Königin der Liebe, Maria, du Liebenswürdigste, o Geliebte und mehr als alle anderen Geschöpfe Liebende, o meine Mutter, du warst immer ganz von Liebe zu Gott entzündet. Erweise mir die Gnade, mir wenigstens einen Funken dieser Liebe mitzuteilen. Du batest deinen Sohn für jene Brautleute, die keinen Wein mehr hatten: „Sie haben keinen Wein.“ Solltest du Gott nicht auch für mich bitten, dem der Wein der Liebe Gottes mangelt, der ich Gott nicht liebe, den zu lieben ich so sehr verpflichtet bin? Sage ihm also: „Siehe, er hat keine Liebe!“ und erlange mir die Liebe! Ich bitte dich um keine andere Gnade, als um die Liebe zu Gott. O meine Mutter, wegen deiner großen Liebe zu Gott erhöre mich und bitte für mich. Amen.