Einundzwanzigster Tag - Die Tugend der Hoffnung

 

1. Aus dem Glauben geht hervor die Hoffnung, oder das Verlangen nach dem Besitz Gottes, und das Vertrauen, durch seine Gnade wirklich zu seinem Besitz zu gelangen. Maria war so fest im Vertrauen auf Gott gegründet und hatte ein solches Verlangen nach dem Besitz Gottes, dass sie die ganze Welt verachtete und weder auf irgendein Geschöpf, noch auf ihre eigenen Verdienste das geringste Vertrauen setzte. Wenn schon ein heiliger Paulus und viele andere Heilige eine so große Sehnsucht hatten nach dem Besitz Gottes und deshalb vollendet zu werden wünschten: wieviel mehr dürfen wir annehmen, dass Maria, die die Tage dieses Lebens als Tage der Verbannung ansah, von heftigem Verlangen nach der Vollendung entbrannte, um mit ihrem göttlichen Sohn auf das innigste Vereinigt zu werden! Einen Beweis ihres vollkommenen Gottvertrauens gab sie, als sie bemerkte, dass der heilige Josef, der Gottes Wundertaten an ihr nicht kannte, sie entlassen wollte; sie schwieg und überließ alles Gott dem Herrn, mit dem festen Vertrauen, Gott werde ihre Unschuld und ihren guten Ruf zu bewahren wissen. Ebenso fest vertraute sie auf Gottes Vorsehung bei der Flucht nach Ägypten. Besonders aber bewies sie ihr Vertrauen auf der Hochzeit zu Kana, wo sie, obgleich sie von ihrem Sohn eine dem Schein nach abschlägige Antwort erhielt, dennoch das feste Vertrauen hatte, sie werde erhört werden. Lerne also hier, christliche Seele, von Maria diese göttliche Tugend üben. Lass alle menschliche Hoffnung fahren und halte fest an Gott in allen Versuchungen und Trübsalen.

 

2. Wegen ihres unerschütterlichen Vertrauens auf Gott wird Maria die Mutter der heiligen Hoffnung genannt, ja, die katholische Kirche lehrt uns sogar sagen: „Maria, unsere Hoffnung, sei gegrüßt.“ Maria ist also unsere Hoffnung, durch sie erlangen wir alles von Gott, sie ist der Kanal aller Gnaden Gottes. Solltest du also wegen deiner Sündhaftigkeit zagen und im Vertrauen auf Gott wanken, so wende dich zu Maria: sie wird dein Vertrauen stärken und, wenn du herzlichst zu ihr rufst, sich deiner annehmen und das Herz ihres göttlichen Sohnes bewegen, dass er dich erhört. Halte für gewiss, dass Christus seiner Mutter keine Bitte abschlägt, wie er es der heiligen Brigitta geoffenbart hat, indem sie einst vernahm, wie Jesus zu Maria sprach: „Du hast mir auf Erden keine Bitte abgeschlagen, so werde ich dir auch im Himmel keine Bitte verweigern.“

 

Lasset uns beten drei Ave Maria um Erlangung einer unerschütterlichen Hoffnung durch die Fürbitte Mariä.

Gegrüßet seist du . . .

 

Gebet.

O Maria, meine wunderbare Hoffnung, sei gegrüßt und gewähre mir die Freude, dich als den Grund aller meiner Hoffnung immer verehren zu dürfen. Kommen Zweifel, werde ich kleinmütig und verzagt, dann eile mir zu Hilfe, dass ich nicht wanke. Besonders aber stehe mir bei, dass ich in der Todesstunde das Vertrauen auf Gottes Güte und Erbarmen und die Liebe deines göttlichen Sohnes nicht verliere. Amen.