Dreiundzwanzigster Tag - Die Abtötung

 

1. Alle Heiligen stimmen überein, dass, ehe man zur Einigung mit Gott kommt, die Selbstverleugnung und Abtötung der äußeren Sinne und inneren Neigungen vorausgehen und die Übung des Gebetes immer begleiten müsse. Die Abtötung ist das Fundament zur Erbauung des Gebäudes der vollkommenen Vereinigung mit Gott. Maria hat das erkannt. Daher ihre Liebe zur Demut: immer wollte sie die Letzte, immer unbekannt und verachtet sein. Daher ihre Liebe zur Armut: sie wollte nichts besitzen außer Gott; sie entäußerte sich aller irdischen Dinge und mit den Schätzen der Drei Heiligen Könige hat sie sich nicht bereichert. Daher auch ihre Flucht vor Lob und eitler Ehre: wo Ehre und Lob zu finden war, da traf man Maria nicht, wo aber Schmach und Verachtung zu ernten war, da fehlte auch Maria nicht. Du siehst sie nicht beim Einzug ihres Sohnes zu Jerusalem am Palmsonntag, aber auf dem Kreuzweg wirst du sie finden. So lege denn auch du, meine Seele, Hand an dieses Werk der Abtötung. Christus ruft dir zu: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst!“ der muss seine Sinne, seine Eigenliebe abtöten . . .

 

2. Diese Abtötung muss fortwähren bis zum Tod, denn die Eigenliebe kann nicht gleich vernichtet werden. Daher ist ein beständiges Forschen nach seinen Neigungen notwendig. Beständig muss man in sich einkehren und jedes aufkeimende Unkraut, jede Neigung, die nicht auf Gott, seine Ehre und Liebe zielt, im Keim ertöten. So handelte Maria. Mit größter Sorgfalt wachte sie über ihr Herz und ihre Sinne und verschloss sie allen eitlen Eindrücken. Ihre Augen hielt sie zurück, ihr Mund war fast immer schweigsam, ihr Gaumen verlangte nur Speise zur Erhaltung ihres Leibes und untersuchte nicht, ob sie süß oder bitter, gut oder schlecht schmeckte. Ihre Einbildungskraft war nur auf Gott und den Himmel gerichtet, ihr Gedächtnis, ihr Verstand stets mit Gott und den himmlischen Dingen beschäftigt, ihr Verlangen war, nur Gott zu gefallen . . . Tue also auch du, meine Seele, dir Gewalt an. Kämpfe beständig gegen dich, werde aber nicht kleinmütig, wenn du fehlst. Was du heute nicht zustande bringst, damit fange morgen wieder an. Rufe nur immer um Gnade und harre aus im Kampf: Gott hilft dir siegen.

 

Lasset uns beten drei Ave Maria, um durch Maria die Tugend der Abtötung zu erhalten.

Gegrüßet seist du . . .

 

Gebet.

O Maria, die du mit Recht eine Siegerin genannt wirst, weil du Welt, Teufel und Fleisch glorreich wie dein göttlicher Sohn besiegt und allen, die dich anriefen, zum Sieg verholfen hast, hilf mir auch im Kampf gegen mich selbst und die Feinde meiner Seele siegen und so die Krone erlangen, die mir bereitet ist. Amen.