Achtzehnter Tag - Die Tugend der Reinheit

 

1. Es gibt eine doppelte Reinheit, die des Fleisches und des Geistes. In beiden gibt uns Maria das schönste Beispiel. Die erste besteht in der Unbeflecktheit des Herzens von jedem unlauteren Gedanken, von jeder unreinen Regung und Begierde, von jedem die Keuschheit befleckenden Tun. Maria hat nie auch nur durch den kleinsten unreinen Gedanken ihr Herz befleckt, nie ihr Herz durch unordentliche Liebe zu einem Geschöpf verunreinigt. Schon als Kind weihte sie ihre unbefleckte Reinheit Gott, dem Liebhaber keuscher Seelen. Lieber wollte sie die Würde, Mutter Gottes zu werden, ablehnen, als ihre jungfräuliche Reinheit hingeben. Lilienweiß blieb ihr Herz, und mit Recht wird sie eine Königin der Jungfrauen genannt. An ihrem ganzen Leib herrschte die größte Schamhaftigkeit. Gesenkt waren ihre Augen, geschlossen ihre Ohren, züchtig ihr Gang, keusch ihre Kleidung, und ihr Herz hatte sie mit Gebet und Abtötung so sehr verschlossen, dass auch nicht der geringste böse Gedanke Eingang fand. Wie eine Lilie unter den Dornen blühte sie, und ihr bloßer Anblick flößte allen, die sie sahen, reine Gedanken und Empfindungen ein. Willst du also, meine Seele, dass Gott der Herr in dir wohne, dass die Gnade des Herrn immer mit dir sei, dass reine Liebe Gottes immer in deinem Herzen brenne, so folge Maria nach und wähle sie, die reinste und keuscheste Jungfrau, zu deiner besonderen Fürbitterin um die heilige Keuschheit. Bedenke, wie hoch von den Heiligen Gottes diese himmlische Tugend erhoben wird. „O Keuschheit“, sagt der heilige Athanasius, „du kostbare Perle, die du von wenigen gefunden, von vielen sogar gehasst, und nur von denen, die deiner würdig sind, gesucht wirst! Du tötest den Tod und lebst selbst in der Unsterblichkeit. Du bist die Freude der Propheten, die Zierde der Apostel, das Leben der Engel, die Siegeskrone der Heiligen.“

 

2. Die zweite Art der Reinheit ist geistiger Art und besteht darin, dass man bei all seinem Tun und Lassen immer die reinste Absicht hat, Gott, dem höchsten Gut, allein zu gefallen, ihn allein zu lieben, ihm allein zu lieben und alle Ehre zu erweisen. Auch hierin ist Maria unser Muster. Gott zu gefallen, eilte sie als kleines Kind in den Tempel und weihte sich dort ganz und gar dem Allerhöchsten. Gott zu gefallen, übernahm sie mit der Geburt ihres Kindes alle Leiden, opferte ihm ihren Sohn im Tempel und am Kreuz und wies alles Lob, alle Ehre von sich. Alle ihre Schritte und Tritte, alle Gedanken, Worte und Werke opferte sie täglich, ja stündlich Gott auf. Sie wollte nur, dass Gott von ihr und allen Geschöpfen geliebt, gelobt und gepriesen werde. Das sei auch dein Ziel, christliche Seele! Sobald du deine Ehre suchst und, um den Menschen zu gefallen, Gutes tust und Böses meidest, oder sobald du etwas außer Gott liebst oder nicht wegen Gott, der es erschaffen hat und erhält, so verunreinigst du dein Herz und verletzt die Treue, die du Gott zu halten schuldig bist. „O wie gut ist es“, sagt der heilige Franz von Sales, „nicht anders zu wirken als wegen Gott, in nichts anderem sich zu ergötzen als in Gott! Fände ich in mir nur die geringste Neigung, die nicht von Gott herkommen oder sich nicht auf ihn beziehen sollte, so wollte ich sie sogleich ausreißen!“ „Alles meinem Gott zu Ehren“, das sei dein Wahlspruch.

 

Lasset uns beten drei Ave Maria, um durch Maria die Tugend der Reinheit zu erlangen.

Gegrüßet seist du . . .

 

Gebet.

O allerreinste Braut des Heiligen Geistes, unbefleckte Jungfrau Maria, lehre mich die Herzensreinheit bewahren. Beschütze mich vor jeder unreinen Versuchung und behüte mich vor jedem Verlangen nach eitler Ehre, damit ich Gott immer ein reines Herz weihen, mit reinem Herzen ihn, den Heiligsten der Heiligen, lieben kann! Amen.