XXXI. Maiandacht - Vergissmeinnicht

 

Nun ist der Kranz vollendet, den wir im Monat Mai der Muttergottes weihten, vollendet bis auf eine einzige Blume, mit der wir den Kranz schließen wollen! –

Kennt ihr das blaue Blümchen, das in zahlloser Menge an den Ufern der Bäche wächst, das mit seinen kleinen blauen Äuglein freundlich uns anlacht und von dem eine fromme Legende erzählt, dass es der Herr zuletzt unter allen Blumen erschaffen hat und ihm einen Namen gegeben habe, der den Menschen ermahnen sollte, über der Schönheit der Natur nicht den Schöpfer zu vergessen? – Es ist das Vergissmeinnicht.

Das Vergissmeinnicht ist ein liebliches Blümchen und erinnert an das himmlische Vergissmeinnicht, an Maria, die die heilige Kirche mit dem Titel: Virgo amabilis, liebenswürdige Jungfrau begrüßt. Maria ist lieb und hat uns lieb. Unter dem Wort: lieb verstehen wir die Vereinigung der Schönheit des Leibes mit der Schönheit der Seele, die Verbindung der äußeren Schönheit mit der inneren, die wir in Maria finden. Sie war so schön dem Leib nach, dass der heilige Dionysius, der zu gleicher Zeit mit ihr lebte, sagte, er würde sie angebetet haben, wie eine Gottheit, wenn er nicht gewusst hätte, dass sie die Mutter Jesu sei. Und wir wissen, dass sie selbst im hohen Alter, auf ihrem Sterbebett noch bewunderungswürdig schön gewesen ist, denn weder die Zeit noch der Tod wagte es, dieses auserwählte Gefäß der Gnade zu berühren und zu verändern. Ihre Seele war so schön, dass von ihr das Wort der Heiligen Schrift gilt: Die Schönheit einer Tochter des Königs ist in ihrem Inneren. Ihr Herz war der Thron aller Tugenden! Willst du die Demut? Betrachte, wie sie mit tiefgebeugtem Haupt zum Engel spricht: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn! – Willst du die Liebe? – Denk an ihre Reise zu Elisabeth und an die Hochzeit zu Kana. Willst du die Dankbarkeit? – Höre den Jubelgesang ihrer dankbaren Seele: Hoch preise meine Seele den Herrn! – Willst du die Ergebung? – Dann schaue hin, wie sie unter dem Kreuz steht zwar mit gebrochenem, aber gottergebenem Herzen! – Darum hat der heilige Anselmus Recht, wenn er sagt, dass Maria das schönste Geschöpf war, das je aus der schaffenden Hand Gottes hervorgegangen ist, weil in ihr, wie in keinem anderen Geschöpf Körper und Seelenschönheit in solch unaussprechlicher Harmonie vereint gewesen ist! – Maria hat uns lieb. Wird sie die Worte ihres Sohnes nicht erfüllen: Daran werde ich euch erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander lieb habt. Wird sie, die einst gesprochen: Alles, was er euch sagt, das tut!, dem letzten Willen ihres sterbenden Sohnes nicht nachkommen: Mutter, sieh hier dein Sohn! – Ja, sie hat uns lieb und in der Heiligen Schrift finden wir niedergelegt den ganzen Reichtum ihrer Mutterliebe zu uns, den Stufengang, die Reihenfolge ihrer Liebe in jenen Worten, die die heilige Kirche auf Maria bezieht, sie heißen: Ich liebe, die mich lieben. Noch mehr: Ich werde leicht und ohne Mühe gefunden von denen, die mich lieben. Noch mehr: Ich komme denen entgegen, die mich anrufen. Noch mehr: Ich komme denen zuvor, die nach mir verlangen und zeige mich ihnen zuerst! – Wenn ihr dies lest oder hört, liebe Christen, wird da euer Herz nicht gerührt und ergriffen, hingerissen von der unendlichen Liebe Mariens zu euch und müsst ihr nicht ausrufen mit dem heiligen Thomas von Villanova: O Maria, wenn ich die Unendlichkeit deiner Liebe zu mir betrachte, so geht es mir, wie wenn ich in den Glanz der Mittagssonne schaue, geblendet schlage ich die Augen nieder, die feucht von Tränen sind.

Das Vergissmeinnicht ist, wo es sich findet, in zahlloser Menge und erinnert an die Menge der Gnaden, die wir durch Maria empfangen haben. Sie selbst ist die Gnadenvolle, wie sie der Erzengel begrüßte: Sei gegrüßt, Maria, du bist voll der Gnade! – Ja, sie ist ein Wunder der Gnade. Gott hob ihr zu Liebe die allgemeinsten Gesetze, die unbedingtesten Gesetze der Natur auf. Maria blieb Jungfrau vor, in und nach der Geburt Jesu Christi, da doch dies bei keinem menschlichen Geschöpf der Fall ist. Maria gebar ihren Sohn ohne Weh, ohne Schwachheit, ohne Leiden, da es doch heißt: In Schmerzen sollst du deine Kinder gebären. Maria lebte ohne jegliche Sünde, ja sogar ohne freiwillige Unvollkommenheit, da doch geschrieben steht: Jeder Mensch ist ein Sünder. Maria starb ohne Traurigkeit und ohne Schrecken, ohne Angst und Kampf, da doch jede Natur vor dem Sterben sich entsetzt. Mariens Leib entging der Fäulnis und Verwesung im Grab, da doch Gott selbst gesagt hat: Du bist Staub und sollst wieder zu Staub und Asche werden! – Maria hat einen Gott geboren und ein Gott gehorcht ihr und tut, was sie, sein Geschöpf, haben will. Maria ist unbefleckt empfangen, da wir doch alle sagen müssen: In Sünden sind wir empfangen! Diese größte und höchste Gnade, die Gott nie einem menschlichen Wesen gab noch geben wird, gab er ihr zu einer Zeit, da sie noch nicht darum bitten, nicht sich diese erwerben konnte. Wird er ihr dann jetzt eine Gnade abschlagen, liebe Christen? – Nein, nein, darum ist es wahr, wenn Maria bittet, erlangt sie alles von Gott. Darum ist es wahr, dass Maria allmächtig ist durch die Kraft ihrer Fürbitte, wie Gott allmächtig ist durch die Kraft seiner Wesenheit. Darum ist es wahr, wenn der heilige Anselmus sie die Allmacht auf den Knien nennt! – Sie ist die Gnadenmutter für uns, denn die Heilige Schrift sagt von ihr: Bei ihr ist alle Gnade des Lebens. Die heiligen Väter begrüßen sie als die Mutter der Gnade, die Ausspenderin und Schatzmeisterin der Gnade und der heilige Bernhard sagt: dass alle Gnaden, die wir von Gott empfangen, uns durch die Hände Mariens zugeteilt werden. –

Das Vergissmeinnicht ist blau und diese blaue Farbe mahnt an den Himmel, von dem es heißt: Die Guten werden eingehen in die ewige Freude. Sehnt euch nach dem Himmel, denn je größer unsere Sehnsucht danach ist, sagt die heilige Theresia, desto gewisser kommen wir hinein. Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie werden nach Hause kommen!

Und wie sollt ihr euch, liebe Christen, nicht nach dem Himmel sehnen, nach einer ewig unvergänglichen Freude, jetzt, da euch dieser Augenblick lauter und stärker zuruft als je, dass auf Erden alles vergeht schnell und früh! –

Nun ist vorüber die schöne Maienzeit, dieser herrliche Monat, in dem ihr in der Kirche so oft geweilt, vor dem Altar so oft gekniet, vor dem Marienbild so gerne gebetet habt, vorüber die Zeit, in der ein neuer Frühling der Liebe und Andacht zu Maria in eurem Herzen lebendig wurde, vorbei die Zeit, die so viele tausend Seelen in dem einen Gefühl vereinte, Maria zu verehren und ihre herrlichen Tugenden nachzuahmen! So geht alles vorüber! – Darum sursum corda, zum Himmel das Herz, wo die Freude ewig dauert und die Liebe unvergänglich ist! – Wollt ihr in den Himmel kommen, so verehrt Maria alle Tage eures Lebens, denn ein wahrer Verehrer Mariens, sagt der heilige Alphonsus, kann nicht zu Grunde gehen.

Du aber, o himmlisches Vergissmeinnicht, allerseligste Jungfrau Maria, vergiss uns nicht, die wir den Kranz von 31 Blumen, zu deiner Ehre gewunden, weihend dir zu Füßen legen. Durch deine mächtige Fürbitte bei Gott bewirke, dass diese Blumen nie verwelken, dass die Tugenden, die sie bedeuten, in unserem Leben sich zeigen und dass wir durch dich zu Jesus kommen, der da hochgelobt und gebenedeit sei in Ewigkeit. Amen.

 

Im Kranze, den die Liebe flicht

Um das Marien-Bild,

Soll blühen das Vergissmeinnicht

Als letztes Blümchen mild;

Soll mahnen an die große Pflicht:

Mariens Kind zu sein,

Denn dann vergisst auch sie uns nicht

Und schließt ins Herz uns ein!

Nimm freundlich diesen Blumenkranz

O Mutter, dir geweiht,

Erfleh uns einst dafür den Glanz

Der Himmelsseligkeit! –